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Der Zeit getrotzt, den Wandel befördert: Staatsschauspiel Dresden feiert 100. Spielzeit

Der Zeit getrotzt, den Wandel befördert: Staatsschauspiel Dresden feiert 100. Spielzeit

Das Dresdner Staatsschauspiel feiert. Nicht statisch, sondern, wie es ein Theater tun sollte, mit vollem Einsatz, jung und dynamisch, ein zwar nicht unbedingt sensationelles, aber doch denkwürdiges Jubiläum.

Von der Eröffnung des neu errichteten Königlichen Schauspielhauses am 13. September 1913 auf eine mittlerweile 100. Spielzeit zu schließen ist freilich ein bisschen verwegen. Denn selbst ohne den Kohlenmangel im Ersten und den verheerenden Bombenangriff im Zweiten Weltkrieg wären aufgrund der hohen Beanspruchung in einem solchen Haus längere Unterbrechungen notwendig gewesen. Statt dessen haben mehr äußere Umstände dafür gesorgt.

Nach der allgemeinen Schließung der Theater im September 1944 konnten in dem mittlerweile schwer beschädigten Haus vier Jahre lang keine Vorstellungen stattfinden. Und Anfang der 1990er Jahre erforderte der Abriss des Heizkraftwerks Mitte einen Umbau der Heizung, was zum Anlass einer grundlegenden Sanierung mit der Wiederherstellung des ursprünglichen Zuschauerraums führte. Damals behalf man sich mit einem zweijährigen Ausweichen in ein in der Nähe aufgestelltes Kuppeltheater, doch weit misslicher war die Lage nach der Flut im Jahr 2002, als an der Ostraallee wiederum eine komplette Spielzeit ausfallen musste.

Kontinuität auch im Umbruch der politischen Systeme

Doch haben die staatlichen Dresdner Theater in wechselnden Rechtsformen trotz größter Widrigkeiten fast immer und zumindest in jedem Jahr gespielt. Diese Kontinuität auch im Umbruch der politischen Systeme, dieses Festhalten an der Kultur als Überlebensmittel hatte gelegentlich etwas geradezu Heroisches, aber auch etwas ganz Selbstverständliches, Alltägliches.

Fast scheint es so, als wären die tiefen historischen Einschnitte, die Katastrophen, die Wechsel politischer Systeme am Wesen des Theaters abgeprallt, um nicht zu sagen fast folgenlos geblieben. Weder nach dem Ende des Kaiserreichs noch nach der Wende von 1989 sah man einen Grund, die Vorstände des Theaters "auszuwechseln".

Genauso trifft das für die Autoren zu, die den Kern der Spielpläne bestimmten und sich gegen jeden Zeit(un)geist behaupteten. Zwar änderte sich von Zeit zu Zeit die bevorzugte Auswahl der Stücke (sicher auch ein interessanter Stoff für Analysen), aber es gab wohl kein Jahr ohne Shakespeare oder Schiller. Mit etwas Abstand bleiben Kleist und Lessing unentbehrlich, schließlich Goethe vor allem dank des "Faust". Daneben behauptet sich bis heute die frühe Moderne mit Gerhart Hauptmann, Wedekind. Auch Ibsen und Moliere werden immer wieder gern gespielt. Nach dem Zweiten Weltkrieg kamen Tschechow und mit Brecht immerhin ein weiterer Zeitgenosse hinzu. Mag sein, es liegt auch am Interpretationsspielraum, den Autoren und Stücke unterschiedlich gewähren, am unterschiedlichen Grad der Abstraktion von deren erlebter Echtzeit, aber jedenfalls verschwand das meiste Neue ebenso schnell aus den Spielplänen, wie es aufgekommen war.

Stellung des Theaters gegenüber anderen Medien

Die Wahrnehmung durch das - darin oftmals gespaltene - Publikum ist freilich oftmals eine andere, denn sie bezieht sich in erster Linie auf das Ungewohnte. Der eine Teil orientiert sich dabei an Äußerlichkeiten, der andere am Umgang mit den Stücken. Eine dritte Frage ist, wie sich die Stellung des Theaters in der Gesellschaft und gegenüber anderen Medien ändert. Im gemeinverständlichen Disput bzw. Experimentieren zu grundlegenden Fragen der menschlichen Existenz hat es zwar die zentrale Position längst eingebüßt, doch als jedermann zugänglicher "Event" hautnah und in Echtzeit auch weitgehend die Konkurrenz. Auch wenn das Schauspielhaus heute statt einstmals 1300 nur noch 800 Sitzplätze hat, gehen in Dresden mehr Leute ins Theater als zum Fußball. Auch wenn ihm das Kino inclusive der häuslichen Varianten als DVD oder video on demand scheinbar den Rang abgelaufen hat, gibt es tendenziell steigende Besucherzahlen.

Auch wenn es viel zu früh ist für eine Bilanz, ist dies sicher der Ära von Wilfried Schulz als Intendant zuzuschreiben - und damit auch den bislang einschneidendsten Veränderungen seit dem Zweiten Weltkrieg. Damals kehrte man nicht nur auf den Boden der Humanität zurück, sondern verabschiedete sich auch vom "Dekorations- und Trachtenwesen" zugunsten von Bühnen- und Kostümbild als relative eigenständige künstlerische Gattung, die jetzt mit der Konzentration auf Licht und Raum eine neue Blüte erlebt. Zu Zeiten der DDR galt es, beim Zugriff auf die Stücke das gesellschaftlich noch immer Ungelöste in behandelten Konflikten herauszuarbeiten - ein offizieller Auftrag, der in letzter Konsequenz den Zusammenbruch des Systems beförderte.

Heute in Dresden arbeitende Regisseure nähern sich den Stoffen oftmals so, dass sie nicht nur die Texte auf ihre aktuelle Bedeutung hin untersuchen, sondern auch die Figuren und ihre tradierte Bewertung vorurteilslos in Frage bzw. in einen modernen Kontext stellen. Inszeniert wird fast so viel wie in Zeiten wiederholten Neubeginns. Zwischendurch gab es einen Tiefpunkt, als 1973/74 ganze vier Premieren gezählt wurden, darunter Hacks' "Adam und Eva" im Kleinen Haus. Freilich teilte man sich damals die Häuser mit der Oper, die erst 1985 wieder in den kriegszerstörten Semperbau einziehen konnte.

Von der Neuberin bis zu Rolf Hoppe

Der vielleicht noch wesentlichere Umbruch betrifft die Strukturen. In Dresden ist man geneigt, den Spruch vom Mimen, dem die Nachwelt keine Kränze flicht, mit dem Hinweis auf ein paar große Namen zu beantworten. Angefangen bei der Neuberin, fortgesetzt mit Antonia Dietrich, Erich Ponto (den man freilich am besten durch die "Feuerzangenbowle" zu kennen glaubt), Traute Richter. Gleich daneben residierte der Spruch vom Dresdner Theater als Sprungbrett (nach Berlin). Horst Schulze, Rolf Ludwig wurden so zu Legenden, aber der Letzte in dieser Reihe wird wohl Rolf Hoppe sein. Der Ensemblebegriff, auch wenn noch immer hochgehalten als hohes Gut, hat sich nach westlichem Muster gewandelt. Der Schauspieler näher an der fahrenden Zunft, fast die ganze Karriere an nur einem Haus ein Auslaufmodell. Dafür kommen freilich Leute in die sächsische Provinz, die auf dem Zenit ihres Könnens stehen und um die man Dresden anderswo beneidet - wie man hört auch wegen des Publikums, das über Jahrzehnte auch diesem 100-Jährigen im Schauspielhaus herangewachsen ist. Was für einen lohnende Investition, wenn man sie richtig zu nutzen vermag.

Das Besondere an einem Hundertjahre-Rückblick ist, dass er zur einen Hälfte noch von lebendiger Erinnerung, zur anderen aus Historie gespeist wird, die immer noch weiterer wissenschaftlicher Aufarbeitung bedarf. Dass das eine nicht nur in das andere übergeht, sondern miteinander verbunden bleibt, auch wenn unmittelbare Betroffenheit und verständliche Emotionalität sachlich-differenzierter Betrachtung Platz machen, nicht der Kampf um Theorien und Deutungshoheiten die Oberhand gewinnt, ist auch zu hoffen im Hinblick auf die jetzt erscheinende Publikation zum Jubiläum, mit der die nun mittlerweile dritte innerhalb eines Vierteljahrhunderts ins Haus steht. Emil Ulischberger, langjähriger Kulturchef der Sächsischen Neuesten Nachrichten, hatte mit seinem Buch "Schauspiel in Dresden" dessen Geschichte von den Anfängen bis ins Jahre 1989 betrachtet und darin auch fast vollständig, wenngleich politisch freilich nur in Andeutungen wertend, die Ära Gerhard Wolfram gewürdigt.

Zeitgerechte wie attraktive Spielpläne

Der von Uta Dittmann, über viele Jahre Kulturchefin der UNION, herausgegebene Band "Sein oder Nichtsein?" erschien 1995 zur Wiedereröffnung des umgebauten Schauspielhaus und versammelte "Theatergeschichten", die an die oft widersprüchlichen Bemühungen und Kämpfe um zeitgerechte wie attraktive Spielpläne in den unterschiedlichen Epochen erinnerten und einen hoffnungsvollen Ausblick vermitteln sollten - was in der relativen Stagnation nach der Wende nicht ganz einfach war. Die langjährige Pressedramaturgin Inge Mätje zitiert in dem Buch den künstlerischen Leiter Karl Zeiss, der schon 1913 forderte, das Publikum müsse "von der Bühne herab den Atem und Rhythmus der Zeit spüren, und wenn es die Meisterwerke vergangener Zeiten interpretiert sieht, will es diese mit der ganzen Intensität und Steigerung unseres heutigen Lebens erfasst sehen".

Feiern wir also nicht nur im Rückblick auf ferner zurückliegende Zeiten das Über-Leben des Schauspieltheaters in Dresden, indem wir hingehen: Auf dass es uns als Publikum und damit auch sich selbst nutze.

Zur Jubiläumsspielzeit erscheint das Buch "100 Jahre Schauspielhaus", herausgegeben von Wilfried Schulz, Harald Müller und Felicitas Zürcher im Verlag Theater der Zeit.

Buchpräsentation am Sonnabend. 18 Uhr im Schauspielhaus

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 22.11.2012

Tomas Petzold

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