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Der Welt abhanden gekommen - Gedenkkonzert für Claudio Abbado und Gastspiel des Leipziger Gewandhausorchesters

Der Welt abhanden gekommen - Gedenkkonzert für Claudio Abbado und Gastspiel des Leipziger Gewandhausorchesters

Den Tod Claudio Abbados werden die Annalen des Jahres 2014 als eines der schmerzlichsten Ereignisse für die Musikwelt auflisten. Gegangen ist ein großer Charismatiker unter den Dirigenten, vor allem einer, der - so selbstbewusst durchdacht seine Interpretationen auch waren - nie das gewisse Quäntchen Demut vor dem Werk, vor der Musik vermissen ließ.

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Das Mahler Chamber Orchestra, Daniele Gatti und René Pape beim Konzert in der Frauenkirche.

Quelle: Oliver Killig

Abbado war mit seinem Orchestra Mozart für die diesjährigen Dresdner Musikfestspiele avisiert; in der Frauenkirche hätten Auszüge aus Mendelssohns "Sommernachtstraum" sowie dessen "Lobgesang"-Sinfonie erklingen sollen. Mit einigen Anstrengungen haben die Festspiele nun nicht einfach Ersatz für den ausgefallenen Programmpunkt gesucht, sondern ein Gedenkkonzert organisiert mit Künstlern, die ihm nahestanden, mit Musik von Komponisten, die eine wichtige Rolle in Abbados künstlerischem Wirken spielten. Das Ergebnis der Bemühungen war in der Programmdramaturgie nicht das Glücklichste, in den Künstlernamen aber prominent. Das Internet-Portal medici.tv übertrug live, unter den Hörern in der Frauenkirche saß Bundesinnenminister Thomas de Maizière. Mit dem Mahler Chamber Orchestra, vor 16 Jahren gegründet von ehemaligen Mit- gliedern des Gustav Mahler Jugendorchesters, spielte eines der wichtigsten "Kinder" Abbados. Daniele Gatti, regelmäßiger artner des MCO, stand am Pult - Italiener wie Abbado, eine Generation nach diesem in der selben Stadt, in Mailand, geboren.

Ein "Muss" auf dem Programm war Gustav Mahler. Wer je Abbado mit Mahler erleben durfte, wird sich an unglaublich intensive, Welten erschließende musikalische Erlebnisse erinnern. Hier nun vier Lieder des Komponisten, in ihrer Auswahl - die drei Rückert-Lieder "Liebst du um Schönheit", "Um Mitternacht" und "Ich bin der Welt abhanden gekommen" sowie das "Urlicht" aus der "Wunderhorn"-Sammlung - dem Gedenken sehr angemessen. Stimmlich exzellent, mit warmem, in herrlichen Linien geführtem Mezzo, mit hervorragender Textbehandlung und sich souverän den akustischen Gegebenheiten stellend, sang Waltraud Meier einen Mahler von klarer, jedwede Rührseligkeit weit umschiffender Lesart. Die man durchaus auch als sehr, wenn nicht gar zu abgeklärt empfinden konnte.

Wie Waltraud Meier hat auch René Pape im Laufe seiner grandiosen Karriere mit Claudio Abbado gearbeitet, u.a. als König Marke in Wagners "Tristan und Isolde". Mit Wagner stellte sich der gebürtige Dresdner auch in den Dienst dieses Konzerts, sang "Wotans Abschied" und "Feuerzauber" aus der "Walküre". Trotz in der Orchesterbesetzung reduzierter Konzertfassung ein heikles Unterfangen in der Frauenkirche. Möglich, dass Gatti - wagnerbewandert und sichtlich -erfüllt - das Orchester ein wenig noch hätte bremsen können; viel Spielraum gab es aber nicht mehr, die enorme Bläserpräsenz war den ganzen Abend über eine hinzunehmende Begleiterscheinung. Pape also blieb ungewohnt blass, verschenkte sich freilich auch selbst Möglichkeiten, indem er den Viertelstunden-Ausschnitt einer Partie, die er bereits in Gänze auf der Opernbühne geboten hat, zu großen Teilen aus Noten und damit quasi nach unten sang.

Gefühlswechsel nach der Pause: Gatti und das Mahler Chamber Orchestra widmeten sich der 3. Sinfonie Robert Schumanns. Jene "Rheinische" hatte Abbado für dieses Jahr auf dem Plan gehabt, was er dazu in der späten Phase seiner Karriere zu sagen hatte, bleibt nun ungehört. Dass Gatti mit wunderbarer Gelöstheit dirigierte, vielmehr: auf dem Instrument Orchester spielte, dass die Musiker in lustvollem Wollen triumphierenden Klangrausch ebenso wie zurückhaltende Eleganz zelebrierten, sich in dieser Kombination ein wirklich freudvolles, intensives Musizieren entfaltete, war eine passende Verbeugung vor einem Dirigenten, dem ein enges, auf einem gemeinsamen Verständnis beruhendes Miteinander mit den Musikern stets enorm wichtig war.

In der Höhle des Löwen

Auch das Gewandhausorchester hat sein ordentliches Pensum Richard Strauss auf den Pulten, ein großer Strauss-Zyklus und Opernaufführungen begleiten in Leipzig den 150. Geburtstag des Komponisten. Die Dresdner Musikfestspiele boten die überaus lohnende Gelegenheit, einen kleinen Teil davon in der "Höhle des Löwen", in der Sächsischen Staatsoper zu erleben. Zwei von Strauss' exemplarischen Werken standen im zweiten Teil des Gastkonzertes auf dem Programm, zuvor aber gab es mit Mozart und Brahms einen interessanten Einblick in die stilistische Bandbreite des Gewandhausorchesters unter seinem Chefdirigenten Riccardo Chailly.

Mit der Ouvertüre zu Mozarts Oper "Idomeneo" begann das Konzert in größter Spielfreude. Chailly ließ überaus frisch spielen, seine Idee der Klassik zeigte sich als licht und in einem Klang, der sich jeder Nuance mühelos anschmiegte. Dabei stand nicht straffe Präzision im Mittelpunkt, sondern Lebendigkeit. Der Kontrast in Stil und Farben bei der folgenden Serenade Nr. 2 A-Dur von Johannes Brahms war deutlich gesetzt. In der großen Kammerbesetzung des Stückes durften die Holzbläser besonders schön wirken. Wärme und einen eleganten Strom der Musik ließ der Dirigent hier dominieren. Dabei waren die fünf Sätze genau charakterisiert, das Adagio non troppo etwa von feinem Ernst und einem maßvoll dramatischen Zug getragen. Doch Chailly überforderte nie die Möglichkeiten der Besetzung und vermied jeden Versuch übermäßiger Stärke.

Bemerkenswert deutlich setzte sich Riccardo Chailly schließlich bei Richard Strauss' "Tod und Verklärung" op. 24 und "Till Eulenspiegel" op. 28 von gängigen spätromantischen Lesarten ab. Im Vergleich mit Brahms zuvor wurde hörbar, dass Chailly den Jubilar nahe an der Moderne sieht, ihn auch als Verwandten von Mahler begreift. Seine Auffassung von "Tod und Verklärung" war dunkel und gewichtig, aber nie finster und lastend. Alles war in einen klaren und sehr konturierten Klang gefasst. Die erhabene Wirkung des Schlusse brauchte kein Pathos, ungewohnt entfaltete sich hier etwas Tröstliches. Noch eindeutiger ging Chailly bei "Till Eulenspiegel" andere als die vertrauten Wege. Das Stück zwischen einem auffahrend schroffen Tonfall bis hin zu ganz gelöst formuliertem Vergnügen auszubreiten, zeigte eben jene Nähe zur Moderne. Das Unerhörte wie Belustigende der beschriebenen Streiche Eulenspiegels bekam dadurch eine Schärfe der Darstellung, die schlicht mitriss. Auch der tragische Schluss wirkte so viel folgerichtiger, als nach einem romantischen Ziselieren der Schelmenstücke. Einhellig war hier der Jubel, der dem Gewandhausorchester entgegenbrandete, und er war völlig berechtigt.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 11.06.2014

Sybille Graf und Hartmut Schütz

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