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Der Versuch, ohnehin belächelte Nibelungen-Helden am Staatsschauspiel nochmal zu demontieren

Da bleibt kein Auge feucht Der Versuch, ohnehin belächelte Nibelungen-Helden am Staatsschauspiel nochmal zu demontieren

Behaupte niemand, dies sei ein spannungsloser Theaterabend gewesen! Den Kritikus beispielsweise hielt länger als zwei der drei Spielstunden die Frage in Atem, ob und wie Regisseur Sebastian Baumgarten noch die Kurve kriegen würde.

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Aus allen Rohren feuern Sascha Göpel, Rosa Enskat, Christian Erdmann und Thomas Braungardt (v.l.).

Quelle: Matthias Horn

Dresden. Behaupte niemand, dies sei ein spannungsloser Theaterabend gewesen! Den Kritikus beispielsweise hielt länger als zwei der drei Spielstunden die Frage in Atem, ob und wie Regisseur Sebastian Baumgarten noch die Kurve kriegen würde. Denn der burgundische Hofzirkus im Stile von Monty Python konnte doch unmöglich bis zu Siegfrieds Leiche oder bis zum Gemetzel bei Etzel durchgehalten werden! Oder doch? "Ein deutsches Trauerspiel" hat Friedrich Hebbel seine "Nibelungen" von 1861 untertitelt. Nun, das kann man im Theater und im Leben doppelbödig verstehen. Dass man am Ende zumindest mit ambivalenten Empfindungen und nicht nur peinlich berührt zur Premierenfeier abrückte, war dann einigen ästhetisch stimmigen Szenen und dem immer wieder neu faszinierenden Bühnenbild zu danken.

Hebbel hält sich mit seinem ausufernden Werk eng an das Nibelungenlied aus dem frühen 13.Jahrhundert. Dem liegt wiederum ein Sagengeflecht aus der Völkerwanderungszeit zugrunde. Von Siegfried hat wohl jeder schon einmal gehört und vielleicht sogar davon, wie der Kraftprotz von Burgundenkönig Gunter in Worms dazu missbraucht wird, die wenig libidinöse isländische Superathletin Brunhild zu überlisten und ihm zuzuführen. Kränkung, Eifersucht und Rachsucht sowie politisches Kalkül treiben zur Katastrophe, einem gegenseitigen Schlachtfest in der Halle des Hunnenkönigs Etzel. Der weitgehende Untergang des ostgermanischen Wandervolkes der Burgunden im Jahr 437 ist verbürgt, kaum eine Autostunde von Worms entfernt.

Wohlverstanden: Es ist überhaupt nichts dagegen einzuwenden und eher als heilsam zu verstehen, wenn die im 19.Jahrhundert und erst recht von den Nazis zu Urgermanen hochstilisierten Helden entzaubert werden. Dass König Gunter eher ein unsicherer Hänfling gewesen sein muss, ergibt sich schon aus der Geschichte. Und dass der Recke Siegfried als einfältiger Bodybuilder vorstellbar ist, weiß man spätestens seit Sven Unterwaldts "Siegfried"-Filmparodie. Sascha Göpel stolpert denn auch im schönsten Niederländisch auf die Bühne, spielt ganz den Typen, der im Kopf zu wenig hat, was er an Muskeln zuviel mitbringt.

Regisseur Baumgarten gibt dem Affen reichlich Zucker. Giselher alias André Kaczmarczyk, "das Kind", der jüngste der Brüder, trottet tatsächlich schüchtern in Pennäleruniform über die Bühne. Jan Maak als Königsmutter Ute hat etwas von Charleys Tante. Da passt es nur wenn Cathleen Baumann als nackte, aber stark behaarte wilde Brunhilde erscheint. Es wird eifrig gekalauert, etwa wenn diese Brunhild Gunter "schnuppe und Stern zugleich" ist oder wenn es später heißt "Gisel-her mit ihm". Eigentlich doch nicht Baumgarten-Niveau, oder?

Die Figur, die bei einem solchen Kasper-Ansatz zwangsläufig verunglücken muss, ist Hagen. Aha, dachte man beim Blick auf die Besetzungsliste, Rosa Enskat, die Alleskönnerin, darf hier mit ähnlich mephistophelischen Zügen auftrumpfen wie im jüngsten "Faust" am Staatsschauspiel. Doch nichts ist zu spüren vom skrupellosen und zynischen Machtpolitiker, der im Lied am ehesten für deutsche Treue steht. In ihrer ins Groteske überhöhten Uniform laviert der Publikumsliebling schon beinahe bedauernswert herum. 31 Jahre nach der legendären Inszenierung von Wolfgang Engel an gleicher Stätte wird so Rudolf Donaths Hagen in der Erinnerung noch einmal nachträglich überhöht.

Die Regie nimmt eigentlich nur die beiden Frauenrollen ernst. Yohanna Schwertfeger als Kriemhild kommt zwar auch zähneputzend mit sexy Shorts, knappem Shirt und langen Stiefeln auf die Bühne. Aber ihre Geradlinigkeit, ihre spätere Leidenschaft, die Furie nimmt man ihr ab, ja sie wirkt kontrastierend und wohltuend. Bewundernswert, wie sie die Premiere trotz einer Fußverletzung in der letzten Probenwoche durchhielt! Ähnliches gilt trotz des hübschen Naturkind-Aufzuges für Brunhild. Und im zweiten Teil auch für Gunter. Das nahende Ende fühlend, gewinnt Christian Erdmann tatsächlich königliche Züge.

Das heißt aber nicht, dass dann die Assoziationen an die "Ritter der Kokosnuss" verstummen würden. Noch die Aufbahrung Siegfrieds entbehrt nicht der Komik. Und mit Rüdiger als russischem Gesandten mit Schapka wird's richtig hanebüchen. Auch wenn man Putin in eine Reihe mit Lenin und Stalin stellt, ist er der Etzel, sind die Russen die Hunnen des 21. Jahrhunderts? Aber auch das kann man nicht recht ernst nehmen, zumal Thomas Eisen das russische Idiom nicht gelingt und Russisches und Tschechisches häufig durcheinandergeraten.

So bleibt bis zum Schluss das unangenehme Gefühl einer permanenten Gratwanderung zwischen Klamotte und Ambitioniertheit. Denn es gibt auch beeindruckende Kriegsszenen, bei denen sich das Hingucken bei der sonstigen Video-Intensivberieselung einmal lohnt. Es gibt ästhetisch interessante Momente, wenn etwa Dietrich live mit der Spielergruppe im Video spricht. Augenfällig wird häufig eine Totenkopfkiste als Nibelungenhort bewegt. Damit trimmt Baumgarten kapitalismuskritisch das Nibelungendrama auf die ursächliche menschliche Besitzgier und bemüht dabei den Faust: Am Golde hängt, zum Golde drängt doch alles! Aber den Feind erkennen wir gar nicht mehr so richtig, heißt es am Schluss. Denn die Welt ist undurchsichtiger geworden.

Durchsichtiger ist indessen die Geschichte durch die Beschränkung auf straffe drei Stunden geworden. Und dann hat man ja noch das Bühnenbild von Hartmut Meyer. So etwas wie der Rohbau von Walhall von der Riesenfirma Fasolt & Faffner, höhenverstellbar gestaltet. Dazu eine sinnige schräge Gangway. Eine Riesentür rechts suggeriert, als träten eigentlich Zwerge durch sie ein, ganz wie bei Gullivers Reisen. Die Szene wird überdies in sehr passende Lichtstimmungen getaucht.

Den Fluch der sprichwörtlichen Nibelungentreue als deutsche Tugend und den Übergang vom Heiden- zum Christentum hatte Dramaturgin Janine Ortiz als besondere Akzente angekündigt. Doch eine Herausarbeitung dieser Aspekte blieb die Inszenierung bis auf einige Runen im Hintergrund schuldig. Es ist noch nicht so lange her, dass sich zum Auftakt der Intendantenära Schulz 2009 zwanzig Jugendliche mit den Nibelungen-Vorlagen von Hebbel und Moritz Rink beschäftigten. Nach meiner Erinnerung hatte jene Aufführung im Kleinen Haus mehr mit der Gegenwart zu tun als dieser etwas unfruchtbare Baum-Garten.

nächste Aufführungen: 16. & 19.10.

www.staatsschauspiel-dresden.de

von Michael Bartsch

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