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Der Verkannte - Zum 150. Geburtstag des Schriftstellers Italo Svevo

Der Verkannte - Zum 150. Geburtstag des Schriftstellers Italo Svevo

Wäre der Triester Unternehmer Ettore Schmitz nur ein paar Jahre früher gestorben, die Welt hätte wohl nichts erfahren von einem Schriftsteller namens Italo Svevo.

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Schriftsteller Italo Svevo (1861-1928).

Und hätte sich jener Triester Fabrikant, dessen Unternehmen so erfolgreich war, dass es eine Niederlassung in London eröffnen konnte, nicht eines Tages seinem Englischlehrer offenbart, das Hauptwerk Italo Svevos wäre wohl ungeschrieben geblieben.

Zehn Jahre nachdem der Schriftsteller nämlich beschlossen hatte, seine literarische Arbeit wegen Erfolglosigkeit aufzugeben, zeigte er seine Bücher, die nur durch einen Zuschuss des Autors erschienen und ohne Wirkung geblieben waren, seinem Sprachlehrer. Der war ein junger Ire und hieß James Joyce. Von Joyce ermutigt, begann Svevo wieder zu schreiben, doch auch das Produkt dreijähriger Arbeit, der Roman "Zeno Cosini", fand nur mittels finanzieller Beteiligung des Autors einen Verlag - und der Erfolg blieb wieder aus.

Erneut wandte er sich an Joyce, der ihn nach Paris vermittelte, doch kaum hatte sich der lang ersehnte Erfolg mit der Veröffentlichung eines Aufsatzes von Eugenio Montale über ihn eingestellt, starb Italo Svevo, der den Grundstein des modernen italienischen Romans gelegt hatte, am 13. September 1928 an den Folgen eines Autounfalls.

Geboren wurde Hector Aron (genannt Ettore) Schmitz am 19. Dezember 1861 als fünftes Kind eines deutsch-jüdischen Glaswarenhändlers in Triest. Nach dem Besuch der israelitischen Grund- und einer privaten Handelschule gab man den Jungen in ein Internat nach Segnitz bei Würzburg, nach der Rückkehr nach Triest trat er in ein Handelsinstitut ein. Mit 19 wird er Auslandskorrespondent der Wiener Unionsbank in seiner damals österreichischen Heimatstadt. Er lernt Geige spielen, verbringt seine freie Zeit in der Stadtbibliothek, schreibt Stücke und bald erscheinen in einer Zeitung unter dem Pseudonym E. Samigli erste Artikel. 1892 dann der erste Roman auf eigene Kosten, "una vita" ("Ein Leben"), unter dem Pseudonym Italo Svevo, der italienische Schwabe, was auf die Bipolarität seiner Herkunft und Bildung verweist. 1898 erscheint der zweite Roman "Senilità" ("Ein Mann wird älter") und bleibt unverstanden, zudem wirft man ihm seine einfache, triestinisch gefärbte Sprache vor. Bis 1923, da wurde er 62, blieb er der Autor zweier fast ungelesener Romane, einiger, bis auf eine Ausnahme, ungespielter Theaterstücke und von zwei Dutzend Beiträgen in lokalen Zeitungen.

Nach dem erneuten Misserfolg des zweiten Romans beschließt er, "diese lächerliche und schändliche Sache, die sich Literatur nennt" aufzugeben. Viel Zeit für die Literatur blieb ihm in diesen Jahren ohnehin nicht. 1896 hatte er Livia Veneziani geheiratet, die Tochter eines Triester Unternehmers, der Unterwasserlacke für Schiffsrümpfe herstellte, nun verließ er die Bank und trat in das Unternehmen ein, das Niederlassungen in London und auf der Glasmacherinsel Murano bei Venedig besaß. Italo Svevo war nun für einige Jahre wieder ganz Ettore Schmitz, Unternehmer, Ehemann und Vater.

Nachdem ein Schwager sich 1911 in Behandlung bei Sigmund Freund begeben hatte, beschäftigte sich Schmitz mit der Psychoanalyse, übersetzte später Freuds "Über den Traum" ins Italienische. Ein Freudianer indes wurde er nicht. "Ich habe die Psychoanalyse satt", beginnt ein Kapitel im autobiographisch grundierten Roman "Zeno Cosini", und in "Autobiographisches Profil" fragt er: "Doch warum unsere Krankheit überhaupt kurieren wollen? Sollen wir wirklich der Menschheit das Beste rauben, was sie besitzt?"

In der Krankheit sah Svevo eine entscheidende Quelle der Produktivität. Doch trotz oder gerade wegen dieser Skepsis wurde die psychologische Erforschung seiner Figuren das eigentliche Thema seiner Romane. In dessen Zentrum stehen keine Helden, es sind entscheidungsschwache, zum Teil neurotische Figuren, die sich in der modernen Gesellschaft nicht behaupten können. Ihr Bewusstsein, nicht ihr Wirken nach außen wird zum Handlungsschauplatz. In heiterer Selbstironie schildert Svevo ihren täglichen Kampf, ganz gleich ob es gilt, eine Frau zu gewinnen, einen Freund zu beraten oder sich das Rauchen abzugewöhnen.

Die letzte Zigarette war ein immer wieder variiertes Thema des überzeugten Rauchers. 1928 arbeitete er während eines Kuraufenthaltes in Bormio an einer Erzählung, die den eigenen Tod zum Thema hat. Auf der Heimreise fährt das von einem Chauffeur gelenkte Auto gegen einen Baum. Mit gebrochenem Oberschenkel und einem schweren Schock kam er ins Krankenhaus, wo ein Arzt ihm die erbetene Zigarette verwehrte. "Das wäre jetzt wirklich meine letzte Zigarette gewesen", soll er gesagt haben, kurz darauf starb er an Herzversagen. Jens Wonneberger

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 19.12.2011

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