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Der Untergang des Hauses Allemonde - Debussys "Pelléas et Mélisande" neu an der Semperoper Dresden

Der Untergang des Hauses Allemonde - Debussys "Pelléas et Mélisande" neu an der Semperoper Dresden

Das dunkle Haus der Allemondes im Reich des Königs Arkel in der Nähe des Meeres ragt auf der Dresdner Opernbühne hoch auf wie ein schwarzer Block aus Granit.

Das Wasser steht hoch, das Haus ist trockenen Fußes längst nicht mehr erreichbar. Von oben her, nach unten ins Wasser, wächst vor dem finsteren Gebäude kahles Geäst. Im fahlen Licht glänzt es wie ein mythischer Wald aus Metall.

Wenn sich Einblicke in die sparsam möblierten Räume des Hauses eröffnen, dann sieht man kleinere und größere mit Wänden aus geknittertem Papier, durch die Menschen sich verflüchtigen, als lösten sie sich auf, und hinzutreten, als kämen sie nicht aus angrenzenden Räumen, sondern aus anderen Welten. Als gingen sie traumwandlerisch durch Räume und Welten die gar nicht die ihren sind, und als wären sie in ihnen auf der Suche nach ihren Herkünften, sind sie alle fremd, alt und grau geworden.

So wie die Figuren in Maurice Maeterlincks Drama des poetischen Symbolismus von 1893, das Debussy fast wörtlich für seine Oper in fünf Akten übernahm, als Traumwandler durch die für sie fremde Welt gehen, so bringt die Musik mit ihren gedämpften Farben zum Klingen, was zwischen den Worten zu schweben scheint; was die Menschen, die wir sehen, über das, wovon sie singen, hinaus zu hören scheinen.

Debussys Oper gleicht einer Collage ineinander übergehender Stimmungsbilder in gedämpften Farben. Von großer Zurückhaltung ist der harmonische Part des Orchesters, immer wieder gebrochen von stärker rhythmischen Passagen und Momenten aufbrechender Glut lange zurückgehaltener Emotionen. Rezitativisch, mitunter psalmodierend, die Singstimmen der einsamen Menschen, die sich auch von ihnen zu lösen scheinen, sich erheben über die zu Hüllen gewordenen Körper. In wenigen Passagen von traumhafter Entrückung fehlt es aber im Zusammenklang der Stimme und des Orchesters auch nicht an Momenten von faszinierender Leuchtkraft der Musik. Die Zeit steht still, "Man meint, das Wasser schlafen zu hören" in dieser Musik aus den Tönen der Einsamkeit verlorener Seelen.

Selten ist es in letzter Zeit gelungen, ein so solitäres Werk des Musiktheaters in so gelungener musikalischer und visueller Synthese auf die Bühne der Dresdner Semperoper zu bringen. Dieses Debüt des spanischen Inszenierungsteams um den Regisseur Àlex Ollé vom katalanischen Theaterkollektiv Las Fura dels Baus, der Regiemitarbeiterin Susana Gómez, dem Bühnenbildner Alfons Flores, Kostümbildner Lluc Castells und dem weltweit gefragten Licht-Designer Marco Filibeck aus Rom, der sogar die Dunkelheit zum Leuchten zu bringen vermag, das wir immerhin dem zunächst gekürten und entlassenen Opernintendanten Serge Dorny verdanken, ist grandios gelungen.

Dabei müssen sie alle wohl "nur" sehr genau in den Text und in die Noten gesehen, die Klänge der Worte und der Musik verinnerlicht haben, denn alle szenischen Vorgänge beziehen sich im Grunde ursächlich darauf, und es kann im Sinne des Werkes nicht darum gehen, alle Rätsel zu lösen.

Es gibt keine puren Effekte, es gibt immer wieder Bilder, die über die vernehmbare und sichtbare Handlung hinaus weisen, die damit beginnt, dass der einsame Witwer Golaud auf der Jagd Mélisande trifft, die sich nicht nur geografisch verirrt hat und für die kein Weg zurück, geschweige denn nach vorn führt.

Die Fremde wird Golauds Frau, ein Hoffnungsschimmer der Liebe leuchtet auf, wenn die Fremde und Pelléas, Halbbruder von Golaud, zusammentreffen. Der dunkle Schatten aus Tragik und Tod ist aber gleichzeitig unverkennbar und wird an Macht gewinnen.

Am Ende, wenn Golaud den Halbbruder Pelléas getötet hat, Mélisande an einer kleinen Verletzung im Kindbett stirbt, bekommt das schwarze Wasser noch einmal besondere Symbolkraft. Denn wie auf einem hinübergleitenden Schiff singt die sterbende Mélisande und entflieht ihrer Angst vor der kommenden großen Kälte in den Tod. Als wäre mit dem Klang der Stimme die Seele entflohen, bleibt die Hülle ihres Doubles im Haus Allemande, wo bei aller Untergangsstimmung ihr Kind ein vages Zeichen der Hoffnung sein könnte.

Der greise König Arkel muss mit Mélisandes Tod endgültig seine Hoffnungen begraben, dass mit ihrem unbekannten Wesen, "endlich etwas Freude und ein wenig Sonne in das Haus zurückkehren..." würde. Tilmann Rönnebeck gestaltet diese Partie mit berührendem Klang seines Basses. Christa Mayer als Genviéve ist mit profundem Alt und aufrechter Haltung die Mutter der Halbbrüder. Mit seinem intensiven Rollenporträt als Golaud gibt der dunklere Bariton Oliver Zwarg sein erfolgreiches Dresdner Debüt. Erstmals in Dresden und nicht minder erfolgreich, auch das Paar in den Titelrollen, Philipp Addis mit hellerem Bariton und gelegentlichen Ausflügen in die Bereiche eines Tenors als Pélleas und mit schlankem, klar geführtem Sopran Camilla Tilling als Mélisande.

Großartig in der heiklen Partie des kleinen Ynoid, Golauds Sohn aus erster Ehe, Elias Mädler vom Tölzer Knabenchor. In den beiden kleinen Partien sind Tomislav Lucic und Mirko Tuma als Arzt und Hirte zu erleben.

Dank genauer Personenführung, sparsamer, aber intensiver Zuordnungen und vor allem eines außergewöhnlich sensiblen Gespürs für die Setzung bildhafter Moment im Zusammenspiel der Räume, der Landschaften und der Menschen, nimmt diese Aufführung immer mehr zu an meditativer Spannung und baut so trotz äußerlicher Handlungsarmut doch einen dynamischen Verlauf auf, dem man sich schwer entziehen kann.

Dazu kommt natürlich das Spiel der Sächsischen Staatskapelle unter der Leitung von Marc Soustrout. Da haben sich Spezialisten gefunden. So fließt Debussys Musik dahin, manchmal wiegend in betörenden Passagen der Streicher und Flöten, auch wenn man immer wieder Wagners Einfluss und die Anklänge seiner Musik wegen thematischer Bezüge zu "Tristan und Isolde" oder klanglicher zu "Parsifal" anführen kann, mit seiner Art der fein akzentuierten Sprachmelodik öffnet Debussy dem Hörer noch ganz eigene Welten des Klanges.

Wenn so feinsinnig und aufmerksam musiziert wird, dann bedeutet das Fehlen üblicher Opernkantabilität keinen Verlust im Gang der Handlung, die sich eben nicht darauf beschränkt, dass dem Orchester Begleitfunktionen zukämen. Noch in den Proben zur Pariser Uraufführung, 1902 ein Skandal an der Opéra Comique, hat der Komponist die Zwischenspiele für das Orchester erweitert. Wer diese in der Dresdner Aufführung hört, wird ihm dafür dankbar sein.

Nächste Aufführungen: heute, 1., 5., 8., 11. 2., Semperoper

www.semperoper.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 26.01.2015

Boris Gruhl

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