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Der TU-"bühne" gelingt mit "Als wir (noch) träumten" die Umsetzung von Meyers Literaturvorlage

Einmal wieder den Blues spüren Der TU-"bühne" gelingt mit "Als wir (noch) träumten" die Umsetzung von Meyers Literaturvorlage

Wenn man als kritischer Zuschauer reichlich 100 Minuten lang gar nicht in Versuchung gerät, eine Bühnenfassung mit der literarischen Vorlage zu vergleichen, dann kann eine solche Verstückung getrost als gelungen bezeichnet werden.

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Patrick Rieger (Rico), Alexander Stark (Dani), Dominik Lösche (Walter), Robert Richter (Mark) und Maximilian Helm (Pitbull) v.l.

Quelle: Matthias Spaniel

Dresden. Wenn man als kritischer Zuschauer reichlich 100 Minuten lang gar nicht in Versuchung gerät, eine Bühnenfassung mit der literarischen Vorlage zu vergleichen, dann kann eine solche Verstückung getrost als gelungen bezeichnet werden. Dabei ist die szenische Umsetzung von Clemens Meyers "Als wir träumten" an der Studentenbühne der TU Dresden keinesfalls eine Pioniertat. Armin Petras hat den Erfolgsroman 2008 in Leipzig auf die Bühne gebracht, und die Verfilmung von Andreas Dresen aus dem Vorjahr ist inzwischen vielleicht bekannter als das Buch. Aus der "bühne" der TU ist zu erfahren, dass man diesen Stoff für die Auftaktinszenierung wählte, weil er gut zum Spielzeitmotto passte. Umgang mit Freiheit lautet das ebenso allgemein wie anspruchsvoll.

Diese Freiheit nimmt sich die fünfköpfige Jugendgang schon in der finalen DDR und erst recht in den wilden Nachwendejahren. Die Grenzen zwischen Lebenshunger, Anarchie und Kriminalität fließen. Pralles, deftiges Leben in jeder Hinsicht. Es darf spekuliert werden, ob hinter Meyers Erfolg oder dem von "Tschick" beispielsweise die latente Sehnsucht nach dem vitalen Ausbruch aus einer total durchregelten und festgefahrenen Gesellschaft steht. Da könnte man ebenso gut zu Kerouacs "On the road" oder Eichendorffs "Leben eines Taugenichts" zurückgehen. Endlich mal wieder den Blues spüren!

Und den leben die acht Akteure auf der engen Spielfläche im Weberbau auch aus. Jugend an sich ist noch kein Vorzug, aber Meyers Gestalten erscheinen hier so unmittelbar, so authentisch, als ob sie sich selbst spielen würden. Zwischen Schlagfertigkeit im Wortsinn und Empfindsamkeit wie beim drogenabhängigen Mark bewegen sie sich, als kämen die angehenden Akademiker selber aus diesem Milieu der verzeifelt-fröhlich Suchenden. Hinsichtlich ihrer darstellerischen Mittel ist keinerlei Nachsicht vonnöten, dass hier "nur" Amateure am Werk seien. Bemerkenswert ist beispielsweise, wie sie mit Stille umgehen, die Spannung des Schweigens halten können. Die größere Wandlungsfähigkeit wird den drei Frauen abverlangt. Mutter und Oma, FDJ-lerin und Erzieherin, angebetetes Sternchen und laszive Stripperin, alles ist drin. Gelegentlich vereint die Regie alle drei Spielerinnen auf eine Figur.

Diese Regie in den bewährten Händen von Matthias Alexander Spaniel kann auf modernistische Mätzchen verzichten. Die wenigen Videos passen wirklich, besonders der Kurzfilm aus einer Industrieruine. Wenn etwa die Schlägerei mit den Nazis draußen nur hörbar erscheint, ist das keine Verlegenheitslösung, denn Spaniel scheut nicht davor zurück, auch Gewalt und turbulente Massenszenen wie die erste eigene Disko in die kleine Arena zu holen. Geschickt wird ein seitlicher Vorhang eingesetzt, entweder dicht für die Auftritte und Abgänge oder durchscheinend als Projektionsfläche für gedankliche Imaginationen. Ein Stapel Matratzen dient sinnigerweise als Universalrequisit. Szenenübergänge fließen fast unbemerkt, einige Textpassagen werden über den Lautsprecher eingesprochen. Das passt alles organisch zusammen und ergibt einen stimmigen Mix.

Bei allem Spaß spricht auch Clemens Meyer gleich auf den ersten Buchseiten von "einer Art Verlorenheit in uns". Die wird gegen Ende fühlbar, die doppelte Desillusionierung durch das unvermeidliche Erwachsenwerden und durch die restaurativen Tendenzen nach der Wende. Ohrenfällig wird das, wenn am Schluss die Brücke zum Eingangslied "Unsere Heimat" geschlagen wird, mit einem neuen sarkastischen Text, nicht dem von Angelika Weiz. Beton und Konsum sind an die Stelle von Wiesengras und Vögeln getreten. "Unser Zielort befindet sich - rechts." Black.

Weitere Aufführungen: 6., 7. und 8. November, 20.15 Uhr, Teplitzer Straße 26

https://die-buehne.tu-dresden.de

von Michael Bartsch

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