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Der Sperrige: Der in Dresden gebürtige Dirigent Michael Gielen wird 85

Der Sperrige: Der in Dresden gebürtige Dirigent Michael Gielen wird 85

Nach Herbert Blomstedt, dem Menschen- und Glaubensdurchleuchter, und Kurt Masur, dem empathischen Bauchmusiker, nun also noch Michael Gielen: drei 85. Dirigenten-Geburtstage binnen zehn Tagen.

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Michael Gielen

Wobei der heutige dem sperrigsten und querköpfigsten Typ unter den dreien gilt, rabiat selbstbewusst auch in seinen Urteilen über Kollegen, seien diese nun euphorisch oder vernichtend.

Solch ungefällige Geradlinigkeit hat im Medienzeitalter ihren Preis: Gielen ist trotz einer quasi von der Wiege an internationalen Laufbahn - geboren als Sohn einer Theaterfamilie in Dresden, groß geworden in Argentinien, frühe Stationen in Wien, Stockholm, Brüssel und Amsterdam - zwar geachtet, aber nie zum Publikumsliebling geworden. Als Person wie Interpret fehlen ihm die (selbst-)stilisierende Aura und auch das Spektakulär-Rauschhafte, ohne dass er deswegen als knochentrockener Rationalist abzutun wäre. Vor allem in den schmerzlichen Dunkelzonen der Musikgeschichte - Schubert, Brahms, die zweite Wiener Schule, vor allem aber die ewige Herausforderung Mahler - kann er enorm emotional musizieren; freilich auch da nicht fessellos, sondern auf der Grundlage genauer und kompromisslos umgesetzter struktureller Analysen.

Dabei ist die Breite seines Repertoires überraschend: von Bach bis zur Gegenwart stößt man häufig auf diskographische Gielen-Fundstücke - zumindest, seitdem der SWR, wo er dreizehn Jahre als Chef (und seitdem weiter heftig Aktiver) des Rundfunkorchesters wirkte, die entsprechenden Aufnahmen auch auf Scheiben pressen lässt. Und wer hätte ihn schon als engagierten Sachwalter einer Bellini-"Norma" vermutet wie vor einem reichlichen Jahrzehnt an Berlins Staatsoper? Seine prägnanteste Zeit in Sachen Musiktheater war freilich das Frankfurter Wirken zwischen 1977 und 1987, wo er als Operndirektor entscheidend jene kühnen und umstrittenen Neu-Lesungen des traditionellen Repertoires vorantrieb, die bis heute als "Regie-Theater" Publikum und Kritiker teilen.

Vielleicht hat gerade dieses Pro und Kontra ein wenig den Blick auf die Universalität seines Könnens verstellt - weil es den Focus immer wieder auf jenen einen Sektor umlenkte, wo er tatsächlich unumstritten ist: sein Wirken für die zeitgenössische Musik, die er übrigens auch selbst mit einigen eigenen Beiträgen bereicherte. Einen frühen und spektakulären Höhepunkt fand es in der Uraufführung von Bernd Alois Zimmermanns "Soldaten"-Oper 1965 in Köln. Was damals gewürdigt wurde - disziplinierende Strenge, Transparenz und Trennschärfe - haben die folgenden Jahrzehnte bestätigt, bisweilen durch Töne milder Ergriffenheit moderiert und gedämpft. Weniger spannend ist sein musizieren auf diese Weise nicht geworden; manchmal vielleicht sogar das Gegenteil. Gerald Felber

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 20.07.2012

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