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Der Semperoper-Ballettchef Aaron S. Watkin nach fünf Jahren Arbeit und kurz vor der ersten Ballettwoche

Der Semperoper-Ballettchef Aaron S. Watkin nach fünf Jahren Arbeit und kurz vor der ersten Ballettwoche

Nach Dresden zu kommen, die Leitung des Semperoper Balletts zu übernehmen, das bereue er keinen Augenblick, so Aaron Sean Watkin in einem Gespräch zu Beginn seiner sechsten Saison, kurz nach der erfolgreichen "Juwelen"-Premiere und vor der ersten Ballettwoche, die am 22. September mit dem mehrteiligen Abend "Zaubernächte" beginnt und am 1. Oktober mit einer Dresdner Ballettgala zu Ende geht.

Watkin kommt aus Kanada. Er hat in bedeutenden Kompanien getanzt, im Kanadischen und im Englischen Nationalballett oder dem Nationalen Ballett der Niederlande. Da hat er das klassische Repertoire gründlich erlernt und verinnerlicht. William Forsythe machte ihn zum ersten Solisten seines Ballettes in Frankfurt, später wurde Watkin sein persönlicher Assistent und verantwortlich für die Einstudierung seiner Choreografien. Ein wesentlicher Schritt zur Erarbeitung eines modernen Repertoires auf klassischer und neoklassischer Grundlage. Für die Funktion der Leitung einer der größten deutschen Kompanien in Dresden konnte er sich als stellvertretender künstlerischer Leiter des Victor Ullate Ballet in Madrid qualifizieren.

Am 1. August 2006 begann die Arbeit. Den Tanz ohne Grenzen wollte er hier beheimaten, sagt Aaron S. Watkin und fügt hinzu, dass die Grundlagen zunächst stimmen müssen, das klassische Repertoire sei unabdingbar. Von diesem Fundament aus, über neoklassische Erweiterungen, von den Geschichten, die das klassische Ballett erzählt, in die Abstraktion des zeitgenössischen Gesamtkunstwerkes aus Musik, Bewegung und Raum, was die weltweite Tanzentwicklung der letzten 50 Jahre ausmachte, wollte er sein Dresdner Repertoire aufbauen. Viele Ideen, unterschiedliche Handschriften sollen erkennbar sein.

Mit dem Beginn seiner Arbeit ging ein großer Wechsel einher. Fast die Hälfte der 60 Tänzerinnen und Tänzer war neu, kontinuierlich kam die Einbeziehung der Eleven in der Zusammenarbeit mit der Palucca Hochschule für Tanz dazu.

Nicht alle Träume lassen sich sofort erfüllen, das heißt ja nicht, dass sie ausgeträumt sind. Bald wird klar, das Dresdner Publikum, vor allem die touristischen Gäste, lieben Handlungsballette. Da gilt es, sich nicht unangemessen dagegen zu stellen, aber eine eigene Identität gilt es zu gewinnen. In Dresden werden demzufolge Klassiker einstudiert, einmal um die technische Qualität der Kompanie unter Beweis zu stellen, aber viel stärker noch, um zu zeigen - so tanzen die Dresdner "Schwanensee" oder "La Bayadére" -, sie können alle Partien aus dem eigenen Ensemble besetzen. Offenbar ist Aaron S. Watkin nicht der große Freund durchreisender Stars, die für ein, zwei Abende Station machen. Inzwischen weiß man, das ist auch nicht nötig.

Zu den ausgezeichneten und international gefragten ersten Solistinnen und Solisten hier ist in kontinuierlicher Arbeit eine große Gruppe von Tänzerinnen und Tänzern gekommen, deren Übernahmen von Hauptpartien in keiner Weise als zweite Besetzung zu bezeichnen sind. Zudem liegt Watkin sehr daran, dass das Publikum seine Tänzer wiedererkennt, dass es möglicherweise noch ein zweites Mal in eine Aufführung geht, um eine andere Besetzung zu sehen. Damit könnten sich auch Wege öffnen, den Zugang zu den mehrteiligen Abenden zu erleichtern, zumal hier ja wirklich die Handschriften der derzeit angesagtesten Choreografen des internationalen Balletts zu erkennen sind. Namen wie Mats Ek, Jocopo Godani, Pascal Touzeau oder William Forsythe, dem in dieser Saison ein ganzer Abend gewidmet ist, stehen dafür. Aus dem eigenen Ensemble wird sich Jirí Bubenícek erneut als Choreograf mit einer Uraufführung vorstellen. Die erfolgreich begonnene Arbeit mit Stijn Celis - seine ungewöhnliche Interpretation von Prokofjews "Cinderella" für junge Zuschauer bleibt im Repertoire - wird fortgesetzt. Celis ist im Gespräch für die Kreation eines großen Handlungsballettes. Dresden braucht demnächst seine Choreografie "Romeo und Julia", das soll dann nicht eine Nachproduktion sein, sondern eine eigens für Dresden.

So, wie mit "Giselle" von David Dawson begonnen, kann sich Watkin die Erweiterung des Spektrums der Handlungsballette vorstellen. "Giselle" bleibt im Repertoire, das inzwischen so groß ist, dass nicht alle Produktionen in jeder Saison gezeigt werden können. Ein Zukunftstraum wäre auch eine zeitgemäße Sicht auf die wunderbare Geschichte des Ritters von der traurigen Gestalt, einen "Don Quixote", aber eben einen, um dessentwillen man nach Dresden kommt.

Und kommt man denn wegen des Balletts nach Dresden? Ja, immer stärker, sagt er, die Qualität und die Vielseitigkeit der Kompanie wird wahrgenommen, man schätze die Verbindung von technischer Grundierung und individueller Präsenz der so unterschiedlichen Tänzerpersönlichkeiten. Zudem ist das Interesse deutlich gestiegen, das Semperoper Ballett über europäische Grenzen hinaus zu Gastspielen einzuladen. Leider kommen Wünsche und finanzielle Tatsachen nicht immer zusammen. Aber das ist eine gute Tendenz nach fünf Jahren.

Zunächst schien es so, als nähme man die Dresdner international als Spezialisten für Forsythes Ästhetik wahr. Das hat sich geändert. Das Interesse bei den Gastspielwünschen bezieht sich auf die Breite des Repertoires. Immerhin sind die Dresdner weltweit eine von ganz wenigen Kompanien, die es sich künstlerisch leisten können, alle Edelsteine von George Balanchine funkeln zu lassen, an Forsythes Geschwindigkeitsrausch "The Vertiginous Thrill of Exactitude" nicht zu scheitern und es zum Ende der Saison zu wagen, die Klassiker der Ballets Russes aus der Sicht zeitgenössischer Choreografen zu präsentieren.

Mit einem hoch motivierten Team, unterstützt durch Intendantin Ulrike Hessler, freundlicher Anerkennung im ganzen Haus bei den Gewerken und vor allem im guten Kontakt mit den Musikern der Staatskapelle, ist es zudem möglich, ein weiteres Angebot zu entwickeln, nicht nur das Ballett in Dresden zu sein, sondern besser das Ballett für die Dresdner. Man geht an ungewöhnliche Orte, in die Gläserne Manufaktur, demnächst in das Militärhistorische Museum, natürlich wieder nach Hellerau und schafft, wie jetzt zur Ballettwoche, Möglichkeiten der Kommunikation.

Und wie weiter nach fünf Jahren? Auf keinen Fall Ausruhen in Selbstzufriedenheit. Jetzt die Ballettwoche, dann die nächste Premiere, "Der Nussknacker" für die ganze Familie, eine Kooperation mit der Palucca Hochschule, deren Studenten auch in der Gala am 1. Oktober mitwirken, zu der auch die derzeit berühmtesten Geschwister der Ballettwelt nach Dresden kommen: Polina und Dmitry Semionov, Jirí Bubenícek und sein Zwillingsbruder Otto. Boris Michael Gruhl

www.semperoper.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 15.09.2011

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