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Der Schriftsteller und Filmregisseur Alexander Kluge wird heute 80 Jahre

Der Schriftsteller und Filmregisseur Alexander Kluge wird heute 80 Jahre

Lange schien es so, als habe Alexander Kluge sich aus den Reihen der Literaten verabschiedet. Nach verheißungsvollen Anfängen mit den Prosabänden "Lebensläufe" und "Schlachtbeschreibung" veröffentlichte er keine Belletristik mehr. Doch im Jahre 2000 meldete er sich mit einem Paukenschlag als Erzähler zurück.

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Leistet "Aufklärungsarbeit für Aufgeklärte": Büchner-Preisträger Alexander Kluge.

Seine euphorisch gelobte "Chronik der Gefühle" entpuppte sich als Versuch, die jüngste Vergangenheit in repräsentativen Episoden zu bannen, und zwar aus einer emotionalen Perspektive heraus, die seiner Meinung nach mit keiner anderen konkurrieren kann, denn Sentiments sind für ihn "das Hartnäckigste und Betonähnlichste", was sich ausmalen lässt. Seit diesem 1000 Seiten starken Mammutwerk riss der schöpferische Strom bei ihm nicht mehr ab. Allein innerhalb der letzten zwölf Monate publizierte der epische Kraftprotz zwei neue Textsammlungen. 2011 erschienen unter dem Titel "Das Bohren harter Bretter" 133 politische Geschichten. Jetzt folgte das "Fünfte Buch", das skurrile Episoden aus der Vita von Menschen in Beziehung zur Historie bringt.

Kluges Miniaturen sind Fetzen des hektischen Daseins, Gerinnsel aus dem Chaos der Epoche, manchmal in nur ein Dutzend Zeilen gepresst. Der Autor will mit solchen scharf aufblitzenden Destillaten demonstrieren, dass wir in "Parallelwelten" hausen, wo zeitgleich unglaubliche Dinge passieren, die augenscheinlich nicht das Geringste miteinander zu tun haben. Ein Beispiel: Auf dem Balkan stürzt ein Range Rover in die Schlucht, während der polnische Ministerpräsident gerade seine im Irak stationierten Truppen inspiziert. Dieses irritierende Nebeneinander verdeutlicht die Verlorenheit des Einzelnen im Ozean der Informationen, der immer mehr anschwillt, je stärker die Grenzen zwischen Ländern und Kontinenten verwischen. Unterschwellig bemängelt Kluge häufig die Globalisierung: Durch sie wird der Mensch zum Geschlagenen, der nach erhellenden Botschaften und Ratschlägen lechzt wie nach Signalen eines Leuchtturmes.

Kluges Collagen erinnern an das "Echolot" von Walter Kempowski, nur dass der Autor keine Archivalien verknüpft, sondern Selbstgefertigtes. Sein Stil ähnelt im Grundton dem Horkheimers und Adornos, er fußt auf dem Sound der Kritischen Theorie der Frankfurter Schule. Der leicht bürokratische Klang prägte die Diktion des Arztsohnes aus Halberstadt seit seinem Jurastudium und der folgenden Anwaltstätigkeit. Kluge selbst bezeichnete sich als "ehrlichen literarischen Buchhalter". Die dialektische Trockenheit seiner Formulierungen macht es dem Leser nicht leicht. Populär sind seine Publikationen nicht, auch wenn die Ehrung mit dem Georg-Büchner-Preis 2003 ihm einigen Aufwind bescherte. Für Hans Magnus Enzensberger verkörpert er schlicht den "Unbekanntesten unter den bekannten deutschen Schriftstellern". Kluges Sonderstatus hängt damit zusammen, dass er zu den wenigen Universaldenkern der intellektuellen Szene gehört, die geschickt mit dem Wissen der Epoche jonglieren. Er ist ein raffinierter Spielmeister und Kompilator, der auch mit Theorien der modernen Physik liebäugelt und gern ein paar mathematische Formeln in seine Fragmente einstreut.

Kluge unterstreicht seine Vielseitigkeit durch gesellschaftswissenschaftliche Abhandlungen, die er im Gespann mit dem Soziologen Oskar Negt konzipiert. Dass er Koproduktionen mit anderen Koryphäen schätzt, ist ein Charakteristikum seiner Persönlichkeit. Auch als Regisseur und Nestor des Neuen deutschen Films bemühte er sich stets um kompetente Partner. Er arbeitete mit Kollegen wie Peter Schamoni, Rainer Werner Fassbinder und Volker Schlöndorff, denn die Idee von einem Kollektiv der Kulturköpfe fasziniert ihn. Deshalb hofft er auf eine große "Bewegung der Kommunikation, wie wir sie in der Klassik hatten".

Doch nicht nur als Filmemacher, Forscher und Künstler erregte Kluge Aufmerksamkeit, sondern auch als Medienpolitiker und Fernsehguru. Mit der Firma DCTP, die ihm zu 37,5 Prozent gehört, verantwortet er Sendezeiten auf den Privatkanälen RTL, SAT 1 und VOX. Die Kulturmagazine "10 vor 11" sowie "News & Stories" tragen seine Handschrift und zeugen vom Glauben an die Wünsche des Publikums nach niveauvollen Angeboten. Da Kluge auf eine sensationslüsterne Dramaturgie verzichtet, setzt er sich Anfechtungen aus. So warf ihm der ehemalige RTL-Programmchef Helmut Thoma vor, er sei ein "Quotenkiller" und "elektronischer Wegelagerer", der "Zwölftonmusik im Zirkus" veranstalte. Doch der Routinier leistet weiterhin stoisch "Aufklärungsarbeit für Aufgeklärte". Ganz so optimistisch wie früher gebärdet sich der Tausendsassa in Anbetracht der momentan von Krisen geschüttelten Welt freilich nicht mehr. In einem Interview erklärte er jüngst: "Ich hatte mir das 21. Jahrhundert total anders vorgestellt. Es birgt in Wahrheit mehr Fallen als das 20. Jahrhundert."

Heute wird Alexander Kluge 80 Jahre alt.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 14.02.2010

Ulf Heise

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