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Der Schnee von gestern: Kleists "Zerbrochener Krug" mit Burghart Klaußner im Schauspielhaus

Der Schnee von gestern: Kleists "Zerbrochener Krug" mit Burghart Klaußner im Schauspielhaus

Das waren noch Winter, wo es selbst auf dem platten Land tagelang schneite. So konnte man leicht Spuren von Missetätern verfolgen, die nachts heimlich zu unschuldigen Mädchen geschlichen waren, um sie zwecks sexueller Belästigung mit gefälschten Amtsbriefen zu erpressen - und dann, ertappt und übel zugerichtet, flohen.

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Dorfrichter Adam (Burghart Klaußner) muss sich aus misslicher Lage lavieren.

Quelle: Matthias Horn

Dumm nur, wenn die Spur ausgerechnet zum Dorfrichter führt, der ja die ganze nächtliche Aufregung am nächsten Tag schlichten muss - wegen eines bei der Flucht zerbrochenen dämlichen Krugs. Komisch ist es auch, dass dieser Richter Adam selbst recht lädiert zum Gerichtstag erscheint. Zu allem Unglück will auch noch der beflissene Gerichtsrat Walter im Auftrag des Obertribunals vorbeischauen und "die Rechtspfleg auf dem platten Land verbessern/ Die mangelhaft von mancher Seite scheint" - immerhin aber mit der Option, "Und find ich gleich nicht alles, wie es soll,/ Ich freue mich, wenn es erträglich ist." Doch ein schuldiger Richter wäre für alle Seiten nicht erträglich - so redet sich Adam um Kopf, Kragen und Perücke. Und dieses Sich-Winden und Erfinden, Taktieren und Manövrieren mit sprachlichen Finessen ist es vor allem, was Kleists Lustspiel "Der zerbrochene Krug" nicht altern lässt und nach wie vor in der ersten Liga der Komödien spielen lässt.

Die Rolle des Richters Adam ist begehrt und wird an Theaterhäusern meist von lokal oder, wenn man sich's leisten kann, überregional bekannten Schauspielern besetzt. In der Inszenierung von Roger Vontobel im Schauspielhaus wurde die Rolle Burghart Klaußner anvertraut - ein Schauspieler, der sich in Film und Fernsehen als Charakterdarsteller einen Namen gemacht hat. Und er ist auch einer, der vor lauter Filmen das Theaterspielen nicht verlernt hat, wie er in Dresden bereits in Vontobels viel beachteter Inszenierung von Schillers "Don Carlos" unter Beweis stellte. Eine bewährte Zusammenarbeit ist jedoch keine Garantie für einen anregenden Theaterabend, wie die Dresdner Premiere von Kleists Komödie nun leider zeigte.

Kleists "lustiger" Text scheint auf den ersten Blick eine sichere Bank, aber er birgt auch Gefahren. Es gilt, das volkstümliche Sujet und die für heutige Ohren verschnörkelte Sprache durch ausgespielten Wortwitz um Moral und Unmoral fit für die Gegenwart zu machen. Eine kritische Ebene bietet sich am Ende des Stücks, als der beschuldigte Ruprecht, Eves Verlobter, zwar zum Militärdienst, aber nicht ans Ende der Welt in die holländischen Kolonien muss, wie der Richter Eve weismachen wollte, sondern "nur" zur Landmiliz. Der Richter wollte gegen eine angebliche Freistellung für Ruprecht wohl als Gegenleistung in Evchens Bett schlüpfen. Und wie Gerichtsrat Walter am Ende versucht, die Sache mit dem Militärdienst elegant zu klären, das ist zeitlose Machtmanipulation. Eine Tragödie sollte man aber daraus lieber nicht zimmern.

Roger Vontobel bekennt sich klar zur Komödie, lässt jedoch die Inszenierung eher neutral beginnen - mit einem Bild: alle Darsteller musizieren im hinteren Teil der Bühne, einer singt, per Video kann man sie großformatig betrachten. Ein Krug fällt auf der Leinwand hinunter und zerbricht tonlos in Zeitlupe in Stücke. Dann beginnt die Handlung textgetreu in Adams Amtsstube, der Schreiber Licht stellt neugierige Fragen zu Adams Verletzungen, Adam lügt los, Gerichtsrat Walter kommt. Hier ist es eine Frau: Sonja Beißwenger auf sehr dünnen hohen Absätzen in sehr engem Kostümchen, Typ attraktive ehrgeizige junge Staatsanwältin. Schon hier fragt man sich nach der Motivation für diese Inszenierung. Burghart Klaußners Mimik hat ohne Zweifel Klasse, doch er ist teilweise schwer zu verstehen oder spricht Textpassagen, als würde er sie zum ersten Mal aufsagen. Für Ahmad Mesgarha ist die Rolle des treuen, aber doch im Verborgenen aalglatten Schreibers Licht wie zu klein und unpersönlich geschneidert. Die schicke Gerichtsrätin ermüdet bald mit ihrer undifferenzierten Omnipräsenz, zumal sie immer mehr dem Format einer Supernanny ähnelt. Und die Videoaufnahmen, am Anfang großzügig eingesetzt, hören dann abrupt auf.

In einer kleineren Amtsstube mit großen Jalousien an den Fenstern (Bühne: Magda Willi), hinter denen es ohne Ende schneit, wird die Klage der Witwe Marthe Rull gegen Ruprecht, den Verlobten ihrer Tochter Eve um einen zerbrochenen Krug aufgefächert. Die Bauernfraktion sieht auch aus wie eine solche aus - Holzfällerhemden, grobes Schuhwerk (Kostüme: Dagmar Fabisch), dumpfe Blicke, lärmendes Gehabe: Bauer sucht Gerechtigkeit. Am ehesten vermag Hannelore Koch als klagende Marthe zu überzeugen, nicht zuletzt mit ihrer enthusiastischen Detailbeschreibung des zerbrochenen Keramikstücks. Sebastian Wendelin als Ruprecht und Karina Plachetka in der Rolle von Eve kommen nicht dazu, ihre Figuren zu prägen. Statt anspruchsvollen Spaß gibt es Aktionismus - die Jalousien werden eifrig hoch- und runtergezogen, man fällt vom Sitz oder wird zur Demonstration des Hergangs aus dem Fenster geschmissen. Burghart Klaußner gelingt es immerhin gelegentlich, schelmische Akzente zu setzen, indem er im Dialog mit unsichtbaren Hühnern gackert oder zum Schluss die Pointen endlich mit Galgenhumor setzt.

Von den Abgründen, die sich in dieser Komödie auftun und die Dramaturg Robert Koall in seinem Programmhefttext treffend benennt ("juristische Absonderlichkeiten" in Sachsen zum Beispiel), findet sich in der Inszenierung keine Spur. Bleibt der Spaß - und der hält in den zwei Stunden Inszenierungsdauer bei weitem nicht, was er verspricht. Man kann's wie Gerichtsrat Walter sehen "Und find ich gleich nicht alles, wie es soll,/ Ich freue mich, wenn es erträglich ist." Erträglich ist diese Inszenierung allemal, viel mehr aber auch nicht. Bistra Klunker

nächste Aufführungen: heute, 27.1., 1.2. jeweils 19.30 Uhr

www.staatsschauspiel-dresden.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 16.01.2012

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