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„Der Raub der Sabinerinnen“ der Brüder Schönthan im Dresdner Schauspielhaus

Schwank im Theater „Der Raub der Sabinerinnen“ der Brüder Schönthan im Dresdner Schauspielhaus

Ein Schwank bleibt ein Schwank: Diesmal wird es auf der großen Dresdner Theaterbühne nicht politisch, dafür klappen die Türen. „Der Raub der Sabinerinnen“ ist schon ein sehr auf Versöhnung zielendes Stückchen Unterhaltungstheater.

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Gegen- oder Mitspieler? Professor Gollwitz (Torsten Ranft, l.) und Theaterdirektor Striese (Ahmad Mesgarha).

Quelle: David Baltzer

Dresden. Ein Teil der überwiegend älteren Premierenbesucher kannte den „Raub der Sabinerinnen“, will heißen den Schwank der Brüder Franz und Paul von Schönthan, vielleicht dank Willi Schwabe und den Montagabendfilmen im DDR-Fernsehen, von den Spielplänen der Theater war dagegen auch die Bearbeitung von Curt Goetz weitgehend verschwunden – zu weit weg die Verklemmungen und familiären Problemchen im Leben eines provinziellen Gymnasialprofessors gegen Ende des 19. Jahrhunderts. Doch dann bescherte Katharina Thalbach (Regie und Hauptrolle) 2011 am Berliner Ku’damm dem Stück erfolgreiche Urständ, und seit kurzem ist die Inszenierung, eine die Improvisationskunst und den unverwüstlichen Optimismus der Theaterleute feiernde Klamotte, dort wieder zu sehen.

Nach letzten Erfahrungen lag vor der jüngsten Inszenierung im Schauspielhaus allerdings auch ein brisantes politisches Spektakel im Bereich der Erwartung. Wie man bei Wikipedia nachlesen kann, kamen vor knapp 2800 Jahren in die noch junge Stadt Rom „viele Vertriebene, Flüchtlinge und Verbannte. Da die meisten von ihnen Männer waren, mangelte es an Frauen.“ Der im Programmheft zitierte Text von Titus Flavius ist auf den ersten Blick etwas euphemistisch und weitschweifig, aber es ist darin von „Gelichter“ und „minderwertigem Volk“ die Rede, das in junge Städte strömte, „haufenweise ohne Unterschied, … was immer auf Änderung seiner Lebensweise aus war“. Romulus verfiel auf einen Trick, wie man die zumal zur Zeugung von Kriegern dringend erforderlichen Frauen den Nachbarn abnehmen könnte. Eigentlich allerhand Zündstoff, doch ließe sich der überlieferte Schlüssel zur friedlichen Beilegung des unausbleiblichen Konflikts, dass sich nämlich die geraubten Jungfrauen in ihre aufgezwungenen Freier verlieben und dann zu ihren Männern und Kindern stehen, schwerlich politisch korrekt gebrauchen.

Allen, die endlich wieder einmal einen völlig unbeschwerten, jeder politischen Absicht unverdächtigen Theaterabend erleben wollen, sei gesagt, dass Susanne Lietzow mit ihrer Fassung und Regie nicht den kleinsten Versuch unternommen hat, eine solche Erwartung zu untergraben, ganz im Gegenteil.

Sie hat, wie Intendant Wilfried Schulz in seiner Einführung vermuten ließ, ihre Arbeit wohl auch als Selbsttherapie angelegt, es aber nicht geschafft, sie ganz bis zu Ende zu führen. Das ist schon tragisch, passt aber auch zum Sujet und ist eine nicht alltägliche Herausforderung, die solche Protagonisten wie Torsten Ranft als Professor Gollwitz, Ahmad Mesgarha als Theaterdirektor Striese, nicht zu vergessen Hannelore Koch als Frau Gollwitz sehr gut zu meistern wissen. In erster Linie sie sind es, die auch einige subtile Nuancen einbringen in die anachronistisch illustrierte, zunächst doch arg vordergründig als Schein-Parodie einer Boulevardkomödie angelegte Aufführung. Eine ziemlich schräge, trotzdem auch anrührende Figur liefert Matthias Luckey als schwäbelndes, knochiges Dienstmädchen Rosa. Alle anderen bleiben doch weitgehend gefangen in den Klischees des Türenklapptheaters, und so manches Pointchen basiert allein auf dem Effekt des (Wieder-)Erkennens. Das beginnt bei Bertolt List, der als Kakadu Cicero im Käfig sitzt, und endet bei einem Stern-Recorder, mit dem der Sound von Strieses Aufführung mittels einer Orwo-Kassette (weiß mit blauem Etikett) zum Klingen gebracht wird.

Die Ausstattung (Bühne Aurel Lenfert, Kostüme Marie Luise Lichtenthal) stammt aus dem Fundus der 60er und 70er Jahre des 20. Jahrhunderts. In einem kleinen Wohnwagen, gezogen von einem fantasievoll aufgepeppten Oldtimer, reist die kleine Truppe von Emanuel Striese, der nicht ganz passend dazu als eine Mischung aus alterndem Star mit erdenklichen Eitelkeiten und gewieftem sächselndem Schlawiner daherkommt. Sein Widerpart Gollwitz in der graubraun gemusterten Strickjacke und dem etwas zu langen Haar auf dem Schopf erinnert eher an einen dieser etwas verschroben und weltfremd erscheinenden Wissenschaftler und hat wenig von der gutbürgerlichen Autorität einer Kleinstadt.

So oder so, sein Stück, die geliebte Jugendsünde, wird vom fast nie verlegenen Striese gnadenlos gekürzt und verballhornt, um es für die Truppe spielbar zu machen. Für sämtliche Aufgaben auf und hinter der Bühne stehen nur das Ehepaar Striese, dessen Sohn (über weite Strecken gar zu dümmlich, unterm Spot gewissermaßen aufblühend Thomas Braungardt) und das entlaufene talentlose Bürgersöhnchen Emil Gross (Christian Clauß meist ganz naiv und unbeschwert, aber stets mit dem Täschchen am Handgelenk) zur Verfügung. In höchster Not soll Cicero als Bote aushelfen – und beschleunigt das Desaster, was aber dem ansonsten doch allzu kläglichen Auftritt im Schützenhaus irgendwie über die Peinlichkeit hinweghilft.

Nachdem am Ende sogar der von Gollwitz als Dekoration „geliehene“ Gummibaum Feuer fängt, badet die ganze Gesellschaft versöhnlich im Löschschaum. Etwa ab dem Moment, wo das Ganze einerseits ins Absurde kippt, andererseits die Distanz der Rampe überwindet, bleibt wahrscheinlich auch beim Publikum kaum ein Auge trocken. Und daran haben schließlich auch Ines Maria Westernströer als verklemmtes Töchterchen Paula, Laina Schwarz als deren Schwester, verehelicht mit Dr. Neumeister (Benjamin Pauquet in rollentreuer Blässe), Holger Hübner (penetranter Vater auf den Spuren des verlorenen Sohnes) und Antje Trautmann als energische Prinzipalin ihren Anteil.

Theater, das am Ende versöhnt oder versöhnlich stimmt, ist vielleicht gerade mal besser als eines, das neue Gräben aufreißt.

nächste Aufführungen: 24. & 29.2., 10., 22. & 28.3.

http://www.staatsschauspiel-dresden.de

Von Tomas Petzold

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