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Der Pop-Trieb: Frida Gold erfolgreich im Alten Schlachthof in Dresden

Der Pop-Trieb: Frida Gold erfolgreich im Alten Schlachthof in Dresden

Das ist das eigentlich Schlimme. Vielleicht auch das einzig Schlimme. Denn Pop ist Inszenierung. Ist Show. Aber eben gute Show. Ist dann gut und im Wesen Pop, wenn der Konsument nicht spürt, dass er verschaukelt wird.

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Alina Süggeler im Alten Schlachthof.

Quelle: Patrick Johannsen

Es war durchschaubar. Der Pop-Konsument darf den Anspruch haben, das nicht zu merken. Sonst ist es schlechter Pop. Sonst ist es Bohlen. Frida Gold im Alten Schlachthof war durchschaubar. Frida Gold sind als Band durchschaubar. Und spielen ein durchschaubares Album.

Ja, Alina Süggeler hatte wieder eine schwarze Klamotte an, die appetitmachende oder identifikationsstiftende, je nach Geschlecht. Süggelers Frisur diesmal? Zwei Jungs, die früher Hip Hopper geworden wären, meinten: "Die Haare: der Hammer!"

Immerhin eine Stunde dauerte es, und da war die aktuelle Single "Liebe ist meine Rebellion" schon verarbeitet, bis Süggeler aus der betrachtenden Menge Publikum eine mitschwingende Masse geformt hatten. Dabei fuhren die Wahlberliner ordentlich auf mit stahlstraffer Lichtshow, einer Wucht an dancewummernder Soundmasse, für deren Einspielen der Ton-Mann an diesem Abend gut zu tun gehabt haben dürfte. Und Videoleinwand mit archaischen Sehnsuchtsmotiven: von Adler und Leoparden über Endlose-Landstraße-mit-Bergen-am-Horizont bis zum übergroßen Wort "LIEBE".

Liebe ist überhaupt ein Thema von Frida Gold. Sie werde immer komplizierter, je älter wir würden, meinte Süggeler zum Publikum vor dem Song "Die Dinge haben sich verändert". Und dass wir doch zurückkehren sollten zur Naivität der ersten Liebe. "Was ist da so schwer, so zu leben und zu lieben als gäb's kein Morgen mehr?" sang sie. Mannomann Frida. Das ist doch die Liebe von H. Fischer und A. Berg.

Und diese Art Liebe findet sich ausgiebig auf dem 2013er Album "Liebe ist meine Religion". Verknüpft mit eingängig-schlichten Dance-Rhythmen. Für "Liebe ist meine Rebellion" griff man sicherheitshalber auf das "Nananana-Schema" des 90er Eurodance-Klassikers "Freed from Desire" von Gala zurück. Sicher, sicher, das funktioniert. Das ganze Frida Gold-Album funktioniert. Das Perfide des Mainstreams ist ja, genau und nur die Knöpfe zu drücken, die funktionieren. Die immer funktionieren. Deren Reaktion man sich nicht entziehen kann. Das ist weniger Kreation denn Manipulation. Man braucht keinen Mut dazu, denn es gibt kein Scheitern, nur Funktionsunfähigkeit. Was bei der Fabrik "Frida Gold" nicht zu erwarten ist, weil es Konkurs bedeuten würde. "Wir haben uns mit diesem Album als Band gefunden", so Bassist Andreas Weizel über die zweite Frida Gold-Platte. Eine Würfel-Prognose fürs dritte Album: "Wir haben uns als Band neu erfunden."

Dass die Aufwärmphase in Dresden so lange dauerte: Vielleicht sind es solche Gitarrensolo-Posen von Gitarrist Julian Cassel, dem man ansieht, dass er bei jedem Konzert an gleicher Liedstelle so dasteht. Oder Fridas Einmaligkeitsansagen ans Publikum, "jetzt gemeinsam das Unmögliche möglich zu machen". Selbst bei Süggelers Gang ins Publikum beim Song "Breath on", während Cassel oben beim Ton-Mann thronend die Akustische spielte, spürte man Kalkulation und Strategie.

Ist es wirklich nur diese Durchschaubarkeit, an der man als Hörer und Konsument abprallt?

Vielleicht ist es auch Unflexibilität von uns Indie-Leuten. Wir, die wir das Wissen um die Essenz von Musik für uns beanspruchen. Die wir Musik immer noch als ein von Manipulationen freies, den Seelenfrieden förderndes Terrain verteidigen? Warum regen wir uns auf über Albumcharts-Nummer-Eins-Phänomene wie Frida Gold und Schlachthof-Konzerte, die mit fulminanten "Zeig mir, wie du tanzt" und "Wovon wir träumen" und einem aufgewühltem Publikum enden? Zeitgenössische Poptheoretiker schreiben, Pop-Musik sei ein Glücksversprechen, und ein Song dessen kurze heftige Erfüllung. Und für den Glückstrieb gibt's nun mal keine Zähmung.

Vielleicht sollten wir, die wahren Indie-Hörer, einfach nicht auf Frida Gold-Konzerte gehen. Vielleicht sollten wir einfach unsere Nischenplatten auflegen und uns, der Wahrheit gewiss, zurücklehnen. Und die Geheimnisse unserer eigenen Pop-Triebe hüten. Sie könnten "Thriller", "Wish you were here" und "Nevermind" heißen.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 29.04.2014

Robert Kaak

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