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Der Pianist Florian Uhlig kommt aus London nach Dresden, um hier zu unterrichten

Der Pianist Florian Uhlig kommt aus London nach Dresden, um hier zu unterrichten

Als vor einem Jahr die Dresdner Philharmonie alle fünf Beethoven-Klavierkonzerte in Interpretationen durch fünf junge Pianisten präsentierte, gehörte zu den Solisten auch Florian Uhlig.

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Florian Uhlig

Quelle: Marco Borggreve

Jetzt wird der gebürtige Düsseldorfer, der seit fast zwanzig Jahren in London lebt, seine Beziehungen zur Stadt an der Elbe ausbauen. Seit März bekleidet er eine Professur an der Hochschule für Musik Carl Maria von Weber Dresden. Sybille Graf unterhielt sich mit dem Künstler über die beruflichen Perspektiven junger Musiker, seine eigenen Projekte und über Musik in einem gezeichneten Land.

Frage: Was veranlasst einen Musiker, der seit zwanzig Jahren in London lebt, ausgerechnet im beschaulichen Dresden eine Professur anzunehmen?

Florian Uhlig: Mich hat die Stelle sehr interessiert, weil sie als Schwerpunkt die Arbeit am Landesmusikgymnasium hat. Zwar werde ich auch Studierende an der Hochschule unterrichten, vor allem aber eben die jüngeren Schüler. Bei ihnen hat man noch viel mehr in der Hand, Talente auch in anderen Bereichen zu fördern, ihnen nahezulegen, dass sie sich möglichst früh breit aufstellen sollten. Unsere pädagogische Verantwortung liegt darin, die Schüler auf ein Berufsleben vorzubereiten, das immer unvorhersehbarer wird.

Aber schwinden sehen Sie die beruflichen Perspektiven für ihre 14-, 15-jährigen Klavier-Schüler nicht?

Durchaus nicht. Einer ist vielleicht sprachlich sehr eloquent und könnte später einmal im Bereich der Medien tätig sein. Eine andere hat vielleicht Interesse an Musikermedizin - auch ein Berufszweig, der in letzter Zeit sehr auf sich aufmerksam gemacht hat. Solche Fertigkeiten weiterzuentwickeln - dafür brauchen die Schüler und Studenten entsprechenden Platz.

Haben Sie den an den deutschen Hochschulen?

Wir unterrichten hier in Deutschland nach wie vor auf einem künstlerisch sehr hohen Niveau. Darauf, dass ein Musiker heutzutage Unternehmergeist haben muss, müssen wir uns aber noch mehr einstellen. Den kommerziellen Klassikbetrieb des 20. Jahrhunderts, der hauptsächlich durch die Schallplattenindustrie transportiert wurde, gibt es nicht mehr: Der Plattenindustrie geht es nicht gut, es ist deutlich weniger Geld da. Wir kommen wieder zurück zum Bild des Musikerberufes, wie er im 19. Jahrhundert war - eines eigenständigen Unternehmers, der sich seine Projekte zum Teil selber sucht.

Sie sind neben Ihrer Arbeit als Pianist auch Künstlerischer Leiter des Internationalen Mozart Festivals in Johannesburg. Auch dort engagieren Sie sich für die musizierende Jugend...

Was wir als zweiwöchiges Festival tun können ist, bestehenden Gruppen Workshops mit den gastierenden Künstlern aus Europa zu ermöglichen. Und wir haben dank der großzügigen Unterstützung einer Stiftung in Deutschland ein Stipendien-Projekt, über das derzeit drei junge Sänger an der Musikhochschule Köln ein Jahr lang ausgebildet werden. Vielleicht könnte man das sogar ausweiten auf die Hochschule hier in Dresden...

Es gibt in Südafrika wunderbare Talente, insbesondere bei den Sängern, doch sie können dort nicht gefördert werden. Es gibt kein Geld, die Regierung interessiert sich nicht. Und wo eine siebenköpfige Familie in einer Garage wohnt und nicht weiß, wie sie das Essen für den nächsten Tag bezahlen soll, ist überhaupt nicht daran zu denken, die Gesangsausbildung der Tochter zu unterstützen. Das ist ja dort in jeder Hinsicht so, es betrifft genauso junge talentierte Sportler, Naturwissenschaftler...

Vor allem aber geht es letztlich immer wieder darum - und da bin ich ja nicht der Erste, der das sagt - , dass die Beschäftigung mit klassischer Musik so unheimlich viel an menschlichen Fähigkeiten fördert, die in jedem Berufszweig wichtig sind: das Miteinander, das Kommunizieren, die Disziplin, die ich brauche, um zu üben. Die jungen Leute lernen, eine Leidenschaft zu entwickeln, ein Ziel vor Augen zu haben und zu wissen, dass sie dafür einen weiten Weg gehen müssen.

Wie kam es überhaupt zu Ihrem so intensiven Kontakt nach Südafrika?

Ich habe dort sehr viel gespielt, und in diesen 15 Jahren sind Freundschaften zu Musikern dort entstanden. Daraus erwuchs die Idee, dieses Festival zu gründen. Am Anfang war es nicht einfach, denn die politischen und sozialen Gegebenheiten sind ja auch zwanzig Jahre nach der Apartheid nicht einfach. Die Kluft zwischen Arm und Reich ist nach wie vor sehr groß, wenn sie auch nicht mehr kongruent ist mit der Hauptfarbe, also Schwarz und Weiß. Sehr viele Farbige der jungen Generation sind in kurzer Zeit sehr erfolgreich geworden, dafür hatten plötzlich im Zuge des Black Empowerment viele weiße Menschen meiner Generation nicht mehr die Möglichkeit, beruflich zu reüssieren. Bis sich das wirklich ausgleicht, wird es noch ein bisschen dauern. Die Schwierigkeit ist nach wie vor eine erstaunliche politische Korruption im Land, was nichts mit der Apartheid zu tun hat, sondern zumeist mit machtpolitischen Strukturen.

Die anfänglichen Schwierigkeiten sind überwunden?

Wir haben uns Vertrauen erarbeitet. Die westliche klassische Musik wurde Mitte der 90er Jahre instrumentalisiert von einer ziemlich kleinen Gruppe jüngerer Politiker, die behauptete, dass sei eine ganz schlechte Sache, weil es die Sache des weißen Mannes ist. Dabei haben sie übersehen, dass in der ganzen Geschichte der Musik schwarze Musiker einen unheimlich wichtigen Beitrag geleistet haben. Natürlich nicht nur in der Klassik, aber auch. Zum zweiten spielte in den südafrikanischen Kommunen klassische Musik immer eine Rolle, insbesondere die Chormusik. Es gibt beispielsweise Zulu-Übersetzungen des Mozart-Requiems oder von Händels "Messias". Jedenfalls konnten wir inzwischen verdeutlichen, dass in diesem zersplitterten Gebilde Südafrika ein Musikfestival durchaus ein Rahmen sein kann, in dem die heterogenen Kräfte und Interessenlagen zusammenkommen können, um unter jeweils einem bestimmten Thema kulturelle Artikulationsformen gegenseitig auf sehr kreative Weise zu beleuchten.

In Ihrer eigenen künstlerischen Tätigkeit spielt Robert Schumann derzeit eine große Rolle. Eben erschien CD Nummer sieben Ihrer 2010 begonnenen Einspielung seines kompletten Klavierwerks. Parallel beginnen Sie mit einer - wenn auch naturgemäß kleineren - Ravel-Gesamtschau. Sind Gesamtaufnahmen Ihr Steckenpferd, und scheuen Sie nicht, dass Sie sich dann auch mit den weniger inspirierten Stücken eines Komponisten beschäftigen müssen?

Die Parallelität zweier Gesamtaufnahmen hat sich so ergeben. Und zwischendurch spiele ich ja durchaus auch anderes - in Konzerten und auch für CDs. Was die vermeintlich unwichtigeren Stücke betrifft: Gerade bei Schumann habe ich das Gefühl, dass sie enorm wichtig sind, weil sie die großen Taten beleuchten. Wenn man eine schöne Landschaft in Augenschein nimmt, sieht man nicht nur die Berggipfel, sondern man muss durch die Täler und Weiden und Wiesen. Gerade um einen so komplexen kreativen Geist wie Schumann zu verstehen, ist es eine sehr beglückende Erfahrung, den Weg zu den großen Meilensteinen mitzuverfolgen.

Sie haben gewissermaßen Wurzeln in Sachsen, Ihr Vater jedenfalls war einer...

Ein waschechter, ja. Er stammte aus der Gegend von Chemnitz, in den Nachkriegszeiten verschlug es ihn nach Frankfurt/Main, wo er Medizin studierte. Er hat in Wien, in Brasilien, in Spanien gearbeitet, ist erst Mitte der Siebziger nach Deutschland zurückgekehrt. Er war ein sehr abenteuerlustiger Mensch und es würde ihn amüsieren, dass einer seiner Söhne an die heimatlichen Wurzeln geht.

Wie intensiv könnte die Beziehung zu Dresden werden?

Ich will nicht ausschließen, dass ich über kurz oder lang mit meiner Frau nach Dresden umsiedle. Das ist eine tolle Stadt mit wunderbarem Umfeld. London ist großartig, aber es wird irgendwie auch einmal Zeit, etwas Neues auszuprobieren.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 09.04.2014

Sybille Graf

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