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Der Nationale Wettbewerb in Dresden: apolitisch und oft trist

Filmfest II Der Nationale Wettbewerb in Dresden: apolitisch und oft trist

Die Resonanz fürs Dresdner Filmfest ist gut – wie fast schon gewohnt. Leider hält aber auch der Nationale Wettbewerb nicht, was er verspricht. Zu viel Tristesse. Und zu oft die Frage: Wie konnten es nicht nur vereinzelt Beiträge ins Wettbewerbsprogramm schaffen, denen offenbar die Qualität fehlt?

Drei Männer auf melancholischer Abschiedstournee: „Mit den Füßen zuerst“.

Quelle: PR/Filmfest

Dresden. Beeindruckende Resonanz versus geistiger Tristesse: Der 28. Jahrgang des Dresdner Kurzfilmfestes wird quantitativ sicher wieder ein Erfolg, während es die Nationale Jury bei den 26 ausgewählten Wettbewerbsfilmen recht einfach hätte, wären Kriterien wie Reife in Story, gesellschaftliche Relevanz, sprachliche Finesse oder gar politische Kritik en vogue.

Vier Programme – in jedem stecken drei, meist kurze Animationsfilme – sind bis Sonnabend je viermal zu sehen. Mit Geduld statt Europacup war das schon bis zum frühen Donnerstagmorgen erledigt, wobei man sich die Einhaltung des Zeittaktes und damit echte Pausen gewünscht hätte.

Einfaches Mittel: Moderation, die auf journalistische Vorbereitung und kurze, prägnante Fragerunden gesetzt hätte.

So geriet schon die Mitternacht des ersten Abends im Fritz-Lang-Saal der Schauburg zum humorigen Fiasko: Zu Gast waren zwei Lokalhelden namens Johannes Kürschner und Franz Müller, bekannter als Günther und Hindrich, deren Film mit dem passenden Titel „Simply the Worst“ als letzter des Abends irgendwie ins Wettbewerbsprogramm geriet – wie gewohnt mit doppelter Untertitelung der dialektischen Proletenergüsse auf ihrer Trabi-Fahrt zur Lomnitzer Schwarte.

Die beiden Künstler, mit ihren Figuren arg verwoben, kamen im Kostüm und mit einem Rucksack voller Lößnitzpils zum Einlass, wollten im Saal rauchen und dazu den Feuerlöscher mit rein nehmen. Deren Art verunsicherte die Einlassdame jedoch weniger als die Moderatorin aus Hamburg, die offenbar keiner gewarnt hatte. Sie verstand weder deren Sprache noch kannte sie andere Mitwirkende – darunter Olaf Schubert als mährischer Polizist oder die Dresdner Jindrich-Staidl-Combo. Die beiden Komiker heimsten dennoch viel Szenenapplaus ein, weil sie – gefragt nach den Drehbedingungen – lobten: „Die Tschechen sind da viel toleranter als die Türken!“ Zuvor liefen zwei Perlen des Wettbewerbs: Einerseits die wunderbare, fantasievolle Animation „Amélia & Duarte“ von Alice Guimarães und Mónica Santos, eine deutsch-portugiesische Koproduktion, die einen Abschied von der absoluten Liebe, in Form von Beziehungskisten im staatlichen Archiv aufbewahrt, rückwärts erzählt. Und, im Gegensatz zu vielen anderen, die Pointe nicht vergisst. Andererseits „Mit den Füßen zuerst“ von Jonas Ludwig Walter, der einen sentimentalen, aber auch witzigen Abschied von Tochter, Ex-Frau und Mutter, dargestellt in der Begegnung von Sohn, Ex-Cowboy und Vater einer einstigen Moskauer Olympia-Schwimmfee in brandenburgischer Einöde, in langen, ruhigen Sequenzen erzählt.

Walter gebührt nicht nur für den ausgereiften Ansatz ein Preis, sondern auch für den besten Witz des ganzen Filmfestes. Warum er keine Frauen im Film dabei habe, wurde er feminin gefragt. Er überlegte lange und sagte mehrmals: „Eine gute Frage!“ Um dann kundzutun: Die Leiche sei die Gleichstellungsbeauftragte der Filmhochschule. Die habe keinerlei Schauspielausbildung und fast drei Minuten nahezu atemlos dagelegen – eine große Leistung. Das Gelächter war größer und nachhaltiger als hernach bei Günther und Hindrich.

Gleichzeitig zeigt dies das Dilemma: Da sich dank der vielen, auch privaten Filmhochschulen die handwerkliche Qualität immer weiter zu synchronisieren scheint, sind Ausnahmen zwar selten, aber fallen auf. Filme, die von der Story rund bis auserzählt wirken, sind Mangelware.

Dabei verblüffen nicht nur die mangelnde Beratung der vielen Professoren im Abspann, sondern auch halbgare Abschlussfilme. Dies kann natürlich an der Praxis von Kunsthochschulen aller Art liegen kann, Theorie und Grundlagen zu vernachlässigen und dafür erfolgreiche Praktiker als Teilzeitdozenten einzusetzen, was folgerichtig Fachschulniveau erzeugt. Insofern zeigen sich die Studenten und Absolventen der Potsdamer Filmuniversität, mit Konrad Wolf untertitelt, im Spielfilmbereich bevorteilt.

Ein anderer Aspekt ist Überförderung (statt Überforderung). So gestand Volker Schlecht, Zeichner der subtilen Animation „Kaputt“, die die Ausbeutung von Insassinnen im DDR-Frauenknast Burg Hoheneck thematisiert und dadurch sicher einer der Favoriten auf den sächsischen Hauptpreis der Kunstministerin ist, dass die Produzenten das Fördergeld und eine klare Deadline gehabt hätten – er habe schnell gezeichnet, so viel er bis dahin schaffen konnte.

Unergründlich bleibt einerseits die offenbare Apolitisierung der Filmemacher (oder der gebotenen Auswahl), die sogar zwei Musikvideos, die eigentlich schon bezahlt sind und keinen Abspann haben, in den Wettbewerb treibt. Drei Ausnahmen davon stecken im letzten, dem vierten Programm, darunter mit „On Air“ von Robert Nacken und „Wer trägt die Kosten?“ von Daniel Nocke zwei preisverdächtig-köstliche Parodien auf den öffentlich-rechtlichen Medienstadl – noch dazu mit brisantem Grundstoff mangelnder Gerechtigkeit.

Daher wird die Verleihung der Güldenen Reiter am Sonnabend im Kleinen Haus durchaus spannend, hat doch das nationale Jurytrio, bestehend aus Maike Sarah Reinerth aus Hamburg, Peter Zorn aus Traunstein und Piet Fuchs aus Köln, mindestens fünf der insgesamt 13 Trophäen für sich. Das bedeutet, dass mindestens 45 000 Euro des Preisgeldes hier verteilt werden, wozu noch Filmton und Arte-Kurzfilmpreis kommen könnten, die für beide Wettbewerbe ausgelobt sind.

Tipps: NW 1 am Fr., 14.30 Uhr und Sa. 19.30; NW 4 am Fr., 19.30 Uhr und Sa., 17 Uhr (jeweils Schauburg, Lang-Saal).

Von Andreas Herrmann

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