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Der Mann fürs "Training auf dem Platz": Jörn Hinnerk Andresen ist neuer Chordirektor an der Dresdner Semperoper

Der Mann fürs "Training auf dem Platz": Jörn Hinnerk Andresen ist neuer Chordirektor an der Dresdner Semperoper

Nicht nur die Musiker der Sächsischen Staatskapelle, auch Damen und Herren des Staatsopernchores reisen dieser Tage nach Salzburg, wo unter Leitung von Chefdirigent Christian Thielemann die Proben für die Osterfestspiele beginnen.

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Jörn Hinnerk Andresen

Quelle: Matthias Creutziger

Dass die Chorpartien für Mascagnis "Cavalleria rusticana" und Leoncavallos "Pagliacci" perfekt sitzen, dafür zeichnet Jörn Hinnerk Andresen verantwortlich. Seit 1. Februar ist der 42-Jährige neuer Chordirektor am Hause. Sybille Graf sprach mit ihm.

Frage: Als Chordirektor am Hause sind Sie noch neu im Amt. Und doch dürfte der Arbeitsalltag mit dem Staatsopernchor voll und ganz Einzug gehalten haben. Salzburg mit "Cavalleria rusticana" und "Pagliacci" - die ja beide später auch auf die Bühne der Semperoper kommen - wirft seine Schatten voraus, vielleicht auch schon Webers "Freischütz"?

Jörn Hinnerk Andresen: Der Freischütz geht erst im April in die szenischen Proben, da haben wir bislang nur mal musikalisch sortiert, was so da ist. Das ist ja ein Traditionsstück, dass der Chor sehr gut kann. Das Hauptaugenmerk lag auf den Vorbereitungen für Salzburg. Interessanterweise kannte der Chor beide Stücke nicht, obwohl es eigentlich Standard-Opernchorliteratur ist - mit recht anspruchsvollen, schönen Aufgaben für den Chor.

Sie waren an der Semperoper bereits 2013/14 unter Christian Thielemann für die Choreinstudierung zu Verdis "Simon Boccanegra" verantwortlich. War das der ausschlaggebende Punkt, Sie schlussendlich zum Chordirektor zu küren?

Jörn Hinnerk Andresen: Ich war angesprochen worden und die Einstudierung des "Boccanegra" quasi meine Bewerbungsrunde. Der Chor und ich haben uns von der musikalischen Arbeit her gleich beim ersten Kennenlernen gut verstanden. Aber es war zugleich ja auch wichtig zu sehen, wie Christian Thielemann und ich miteinander auskommen, denn wir hatten vorher noch nicht miteinander zu tun. Danach konnte man sagen: Es passt.

Wie hat sich das gute Gefühl von damals nun, da der Chor und Sie ein offizielles Team sind, weiterentwickelt?

Jörn Hinnerk Andresen: Es hat sich nur bestätigt, und ich denke, dass inzwischen auch schon viel gegenseitiges Vertrauen da ist. Wir sprechen ja beim Staatsopernchor von über 90 absoluten Profis, die einen großen Erfahrungsschatz mitbringen. Die Kollegen sind sehr an wirklich gründlicher Erarbeitung interessiert, daran, Präzision zu erlangen, am Klang zu arbeiten. Und sie haben ein sehr gutes Gespür dafür, was notwendig ist, um das zu erreichen.

Das klingt nach einer guten Basis auch für die ferneren Ziele der gemeinsamen Arbeit? Wie definieren Sie diese?

Jörn Hinnerk Andresen: Für mich ist nicht das Spannende, meine eigenen Ideen auf etwas drauf zu setzen, sondern wirklich gemeinsam mit den Kollegen zu schauen, wo die Stärken, die Möglichkeiten liegen. Auch sie verbinden ja Wünsche und Projektionen mit dem Singen im Chor - das ist ein tolles Potenzial, das man nutzen muss. Natürlich sehe ich den Chor durchaus noch nicht in dem Optimum, in dem man ihn früher schon gehört hat - das klangliche Spektrum ist momentan nicht voll ausgeschöpft. Entsprechend werden wir gerade mit den Neueinstudierungen versuchen, an einstige Qualität anzuknüpfen.

Das heißt, immer wieder auch zu reagieren auf das Ausscheiden langjährig integrierter und das Hinzukommen neuer Stimmen. Letztere können jetzt wieder dank des vor einigen Monaten von der Dresdner Musikhochschule mit der Oper eingerichteten weiterbildenden Masterstudiengangs Chorgesang ins Ensemble "hineinwachsen". Womit zumindest in gewissem Maße an das traditionsreiche Opernchorstudio angeknüpft wird...

Jörn Hinnerk Andresen: Was eine sehr gute Sache ist. Der Staatsopernchor ist momentan nicht der jüngste in der Szene, dank des Studienganges können wir das in einem gewissen Maß kompensieren. Das Opernchorstudio war eine sehr segensreiche Einrichtung, die dann leider eingestellt wurde. Der jetzige Studiengang beinhaltet ein zweijähriges Praktikum der jungen Sänger bei uns im Chor, parallel haben sie Gesangsunterricht. Damit hat man eine ähnliche Situation. Sie sind auf der Bühne dabei, bei Proben, in den Garderoben, lernen den Opernbetrieb also hautnah kennen. Und wer sich in den zwei Jahren besonders bewährt, denn schauen wir uns natürlich besonders an, wenn es freie Stellen zu besetzen gilt.

Es gibt am Hause noch den Sinfoniechor - ein Laienensemble, das den Opernchor bei großen Aufführungen verstärken soll...

Jörn Hinnerk Andresen: Der Sinfoniechor wurde in meinen Augen in den letzten Jahren doch etwas vernachlässigt. Momentan konstituiert er sich quasi neu - es waren mal über 80 Sänger, jetzt sind es noch etwas über 40. Ich sehe es als meine Aufgabe an, ihn wieder aufzubauen, wieder mehr einzubinden. In der kommenden Spielzeit wird das Ensemble neben dem Repertoire in zwei Neuproduktionen mitwirken: Tochs "Prinzessin auf der Erbse" und "Cavalleria/Pagliacci", wenn sie im Januar in Dresden auf die Bühne kommen. Vorher aber gestalten wir im Herbst ein großes Chorkonzert zum immerhin 100. Jubiläum des Sinfoniechores.

Wie lukrativ ist ein Posten bei einem Opernchor für einen Chorleiter - man steht schlussendlich eher selten im Rampenlicht, hat zudem eigentlich keinen Einfluss auf das zu singende Repertoire?

Jörn Hinnerk Andresen: Mir macht das "Training auf dem Platz" - in diesem Fall also die Arbeit im Chorsaal - sehr viel Spaß. Zumal in einem Haus wie der Semperoper, wo man es in der Regel mit tollen Dirigenten und Regisseuren zu tun hat, wo gute Stücke auf dem Plan sind. Möglichkeiten zum kreativen Mitdenken und -arbeiten sind ja trotzdem zur Genüge gegeben, etwa wenn ich bei den szenischen Proben schauen muss, dass möglichst viel vom im Chorsaal Erreichten auch unter dem dramatischen Aspekt auf die Bühne transferiert werden kann. Es bringt nichts, wenn man den Chor auf der Bühne gar nicht hört, weil er schlecht positioniert ist. Oder beim Pilgerchor Samba tanzen muss. Also muss der Chorleiter gemeinsam mit dem Regisseur nach Lösungen suchen. Natürlich mag man auch selber gerne Konzerte leiten, und das verfolge ich auch weiterhin. Am Ende macht es die Mischung...

Wollen Sie sich gleichwohl Nischen schaffen, als Sache nur zwischen Ihnen und dem Chor?

Jörn Hinnerk Andresen: Auch das ist etwas, das sich aus der gemeinsamen Arbeit entwickeln muss. Aber es gibt durchaus Projekte, die wir bereits angezettelt haben. So singt der Chor am 18. Oktober in einem Kammerabend der Staatskapelle eine Uraufführung von Sven Helbig. Und natürlich laufen die Vorbereitungen für das 200. Jubiläum des Chores 2017.

Bleibt Zeit für Aufgaben außerhalb Dresdens, etwa für Ihre Arbeit als Chordirektor bei den Salzburger Festspielen oder Gastdirigate?

Jörn Hinnerk Andresen: Nach Salzburg fahre ich diesen Sommer nicht. Was aber auch damit zu tun hat, dass ich in den letzten Jahren quasi durchgearbeitet und jetzt bewusst gesagt habe, dass dieser Sommer der Familie gehört. Sonst sehe ich die ja gar nicht mehr, denn momentan ist sie noch in München. Hinsichtlich der Gastdirigate intensiviert sich die Zusammenarbeit mit dem Chor des Mitteldeutschen Rundfunks und dem Choeur de Radio France in Paris, außerdem leite ich dieses Jahr die Chorakademie der Studienstiftung des Deutschen Volkes in Brixen.

Sie stammen aus Schleswig-Holstein - war der Weg an die Elbe Zufall oder gezielte Wahl?

Jörn Hinnerk Andresen: Meine damals 80-jährige Klavierlehrerin hat mich hergetrieben (lacht) ... Sie stammte aus Magdeburg und meinte: Du musst natürlich nach Dresden gehen, das ist die Kulturstadt. Dass ich nun wieder hier bin, hat vor allem mit dem Arbeitsumfeld Semperoper zu tun. Ich fühle mich in Dresden wohl, kenne die Stadt gut, es gibt viele Sachen, die ich toll finde. Bisweilen verlangt einem eine gewisse Engstirnigkeit und der manchmal eingeschränkte Horizont schon einiges an Geduld ab, aber zum Glück ist ein Opernhaus ja immer international geprägt ...

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 16.03.2015

Sybille Graf

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