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Der Kunstzug von Dresden gen Breslau trägt erste Früchte

Kulturhauptstadt Der Kunstzug von Dresden gen Breslau trägt erste Früchte

„Ein Leben ohne Zug ist möglich, aber sinnlos!“ Angelehnt an Loriot wirbt seit April ein „Kunstzug“ als Hauptstadtverbindung zwischen Dresden und Breslau. Und zwar tiefsinniger, als man anfangs denkt.

Momentaufnahme vom Zwischenstopp auf dem Bahnhof in Görlitz, wo man sich viel von der Verbindung Dresden-Breslau verspricht

Quelle: Andreas Herrmann

Dresden. „Ein Leben ohne Zug ist möglich, aber sinnlos!“ Angelehnt an Loriot wirbt seit April ein „Kunstzug“ als Hauptstadtverbindung zwischen Dresden und Breslau. Und zwar tiefsinniger, als man anfangs denkt.

Denn während Möpse in der Bahn anzuleinen und zu bemaulkorben sind, dürfen sich in auserwählten Zügen (genau auf der Netzpräsenz kunstzug.eu nachzulesen) junge polnische und deutsche Künstler unter Auswahl der beiden lokalen Kunsthochschulen frei bewegen – und kämpfen schon seit dem Spätfrühling mit einigen Tücken beim Genuss des Lebens in vollen Zügen.

Diese fahren mangels bekanntlich Elektrifizierung auf Dieselbasis gen Osten und brummen erst dank einem enormen politischen Kraftakt seit dem 13. Dezember wieder zwischen den beiden Partnerstädten. Die eine ist amtierende Kulturhauptstadt Europas, die andere denkt recht langatmig über eine Bewerbung für 2025 nach. Eine geballte Ergebnispräsentation gibt es am heutigen Freitag (ab 19 Uhr) in der Obhut vom Dresdner Riesa Efau und dessen benachbarten Kulturforum (Wachsbleichstraße 4a) zu erleben.

Denn dort eröffnet für genau eine Woche die „Kunstzug-Station Runde Ecke“ – als Exposition mit Konzentration auf polnische Arbeiten und Schwerpunkten in der (oft erstmaligen) optischen Präsentation der Aktionen – so von Reiseskizzen, Fotos und Videos. Besonders spannend die Intervention von Otecki, der eigentlich Wojciech Kołacz heißt und im Innenhof eine auffällige Eigenart der dynamischen polnischen Großstadt anbietet: ein großes Wandbild – denn die Oderstadt ist voller großartiger „Murals“ an kriegsbedingten Glatthauswänden.

Höhepunkt des eintrittsfreien Abends wird eine fesche Modenschau (ab 20.30 Uhr) von zwölf polnischen Kostümbildnern der Kunsthochschule Breslau sein, die zuvor schon um 14.23 Uhr den Kunstzug ab Wrocław Główny entern und die Reisenden bis zur Ankunft in Dresden-Mitte (17:56 Uhr) unterhalten wollen, um dann rüber zur Galerie zu pilgern und bis zur Rückfahrt am Sonnabend (12:08 Uhr ab Hbf.) wohl kaum Schlaf zu finden – denn es ist eine der raren Gelegenheiten, wo sich alle am Projekt Beteiligten leibhaftig sehen können.

„Präsentation einer kreativen Kleidungskollektion“ heißt ihr Projekt etwas schnöde, widerspiegelt aber gut, was das rund halbjährige Kunstprojekt leisten soll. Denn die Wiege dieser neuen Kooperation zwischen der Dresdner und der Breslauer Kunstakademie liegt genau in der Mitte: Die mangels Neuwahl immer noch amtierende deutsche Vizekulturhauptstadt (hinter Essen für 2010) schob sich nun zwischen die Partnerstädte, nahm die Viertelfördermillion von der Bundesbeauftragten für Kultur und Medien gern an, koordiniert in Form vom Görlitzer Kultur-Service, einer stadteigenen GmbH, seit April das Projekt und holte die beiden Kunsthochschulen ins Boot.

Gerd Weise, einer der beiden Kulturservice-Chefs, erklärt den Hintersinn: „Wir als Stadt und Region brauchen diese direkte Eisenbahnverbindung langfristig!“ Und fügt seufzend hinzu: „Und das eigentlich viel schneller, also mit weniger Zwischenstopps.“ Daher stehe zwar jetzt die Kulturhauptstadt im Fokus der Aktion, aber wer genauer hinsehe, erkenne schon jetzt, dass die Webpräsenz – selbst wenn die Kunstaktionen als solche wegfielen – durchaus auf Dauer angelegt sei. Insgesamt werden dafür eigens sechs Waggons frisch als „Kunstzug“ beklebt, drei sind schon unterwegs.

Doch wie funktioniert die frische Kunstgenese in vollen Zügen? Meist wählen die Künstler das jeweils mittlere von insgesamt drei durchgehenden Zugpaaren, die derzeit zwischen niederschlesischer und sächsischer Hauptstadt in knapp vier Stunden pendeln. Eine Ausnahme war der Montag vor zwei Wochen: Sechs Uhr morgens hat der mehr oder minder ausgeschlafen Reisende auf dem Dresdner Hauptbahnhof in den nächsten Minuten die Wahl zwischen Berlin, Wiesbaden, Leipzig, Plauen – oder halt Breslau. Zwei Triebwagen – einer als Kunstzug gekennzeichnet, einer ganz normal rot – stehen gut gefüllt bereit. Im Inneren hingegen nichts, was auf Kunst im Zug hinweist: Keine Ansage, keine Prospekte oder Plakate. Auch von den „Talking Breads“ – laut Netzpräsenz zwei große silberne Brote, die miteinander disputieren, nix zu sehen oder zu hören. Wer nicht genau weiß, das zwei Künstlerinnen an Bord sind, müsste wandeln, um sie zu finden. Da nur eine der beiden Toiletten funktioniert, ist das allerdings für Durchreisende recht wahrscheinlich, so sie müssen.

Tische gibt es nur in der ehemaligen ersten Klasse, deren Plätze in den neuen Trilex-Zeiten für Stammkunden reserviert sind. Dort sitzt Alexandra Wegbahn, Kölnerin des Jahrgangs 1977 und seit 2010 Absolventin der Dresdner Hochschule für Bildende Künste, bereits das elfte Mal: Sie bot über sechs Wochen je einmal „Das mobile Atelier“.

Das heißt für sie eine Zwölf-Stunden-Schicht: Abfahren – Loszeichnen – Ankommen – Abfahren – Loszeichnen – Ankommen. Ergebnis: Zwei fertige Reisebilder an einem Tag. Sie mag Schulterschauen und leichten Plausch und könne erst jetzt – also bei der elften und zwölften Tour – so richtig frei arbeiten. Das lag an der zunehmenden Anpassung an die ungewöhnlichen Bedingungen – selbst gegen das übliche Gleisruckeln wehrt sie sich nun nicht mehr – es gehört zur Atmosphäre und aufs Bild.

Im anderen Waggon sitzt HfBK-Meisterschülerin Julia Boswank, Spezialistin für Raum- wie Toninstallationen. Ihr gegenüber liegen die beiden Brote auf zwei freien Plätzen mit Fensterblick: Vierpfünder aus Aluguß, in deren Inneren je ein modernes Audiogerät steckt, auf denen Interviews gespeichert sind. Die Dresdnerin des Jahrgangs 1986, die am Sonntag (25. September, 11.15 Uhr) mit dem 20. Robert-Sterl-Preis ausgezeichnet wird und danach in dessem Haus in Naundorf bei Struppen eine große Ausstellung eröffnet („Die Kartoffel ist vielleicht ein Kreis“; bis 31. Oktober), hat dafür Deutsche und Polen über ihre Assoziationen befragt: Städte, Bahnhöfe, Zugfahrten, zweisprachig eingesprochen von einem befreundeten deutsch-polnischen Pärchen.

„Die KünstlerInnen sind berechtigt, im Zug künstlerisch tätig zu werden.“

Es wirkt wie ein kleines Hörspiel, wobei eine Schleife fast eine Dreiviertelstunde dauert, dann beginnt der Bread-Talk von vorn. Doch kurz nach Acht und Weglienic – der Zug hat so wie anfangs wieder echten Schichtzugcharakter – meckert ein älterer Herr mit Hut und ruft empört den polnischen Schaffner. Der ist lustig und freundlich – und weiß von nichts vom Kunstzug, in dem er kontrolliert. Doch dafür haben die Künstlerinnen seit einiger Zeit ein zweisprachiges

Genehmigungsschreiben: „Die KünstlerInnen sind berechtigt im Zug künstlerisch tätig zu werden.“ Doch für Brote ohne Fahrkarte ist nun kein Liegeplatz mehr frei. „Das funktioniert in der Galerie sicher besser“, tröstet sich Boswank und erzählt derweil, dass ihr ein 20-Stunden-Job in der Betreuung von Hirngeschädigten hilft, den Rest der Woche frei für ihre Kunst zu haben. Davon leben geht noch lange nicht – auch für die Zeit im Zug kann sie kein Honorar verlangen.

So wird sie aus Gründen der Existenz noch im Herbst nach Leipzig, der besseren Metropole für freie Künstler, ziehen und ihr günstiges Radeberger Ladenatelier an Jüngere weitergeben. „In Dresden selbst ist kaum noch etwas bezahlbar“, stöhnt sie.

Derweil gibt es auch aus Görlitz weißen Rauch, denn Gerd Weise weiß schon: Die Bahnlinie hat bis 2018 Bestand. Ob sie auch als Kunstzug weiter brummt, steht noch in den Sternen. Er sei aber in den Köpfen und Städten angekommen, nur der Nutzen erst viel später messbar.

Von Andreas Herrmann

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