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Der Kandidat: Der Dresdner Autor Volker Sielaff und seine Gedanken zu einem Satz Peer Steinbrücks

Der Kandidat: Der Dresdner Autor Volker Sielaff und seine Gedanken zu einem Satz Peer Steinbrücks

Nun hat er seinen ersten dummen Satz gesagt, der Kanzlerkandidat der SPD für die Bundestageswahl 2013. In einem Radiointerview mit dem Deutschlandfunk sprach er folgende Sentenz ins Livemikrofon seines Interviewers Peter Kapern: "Ich glaube, dass es Transparenz nur in Diktaturen gibt.

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Volker Sielaff, Lyriker, Kritiker und Kolumnist, Lessing-Förderpreisträger des Freistaates Sachsen, lebt in Dresden. Zuletzt erschien: "Selbstporträt mit Zwerg", Verlag luxbooks, Wiesbaden.

" Das Wort kommt aus dem Lateinischen, von "transparens", "durchscheinend". Man könnte es, je nach Kontext, auch mit "Durchschaubarkeit", "Verständlichkeit" oder "Anschaulichkeit" übersetzen. Der österreichisch-britische Philosoph Karl Popper prägte in seinem 1945 erschienenen Buch "Die offene Gesellschaft und ihre Feinde" den Begriff von der - in der Tradition des Liberalismus stehenden - "offenen Gesellschaft", worunter eine für Veränderungen offene, die Würde des Menschen wahrende Gesellschaft zu verstehen ist, eine, in der es allen Mitgliedern gleichermaßen gegeben ist, ihr kreatives wie kritisches Potential freizusetzen. Eine Gesellschaft ohne Machtmissbrauch und mit optimaler Gewaltenteilung. Dazu im Gegensatz sah Popper einerseits die "Laissez-Faire-Gesellschaft" (der wir uns heute bedenklich annähern) sowie die von einem kollektivistischen Denken geleitete "geschlossene Gesellschaft", die Herr Steinbrück für so wunderbar transparent hält.

Ich habe über zwanzig Jahre in der DDR gelebt: Das war eine oft biedere, bürokratische, kleinliche Gesellschaft, eine Gesellschaft mit beschränkter Meinungsfreiheit und erkauften Karrierechancen, dies und das und alles Mögliche war die DDR, aber eines war sie bestimmt nicht: eine transparente Gesellschaft. Es war eine Gesellschaft, in der das Wort "Nische" eine besondere Bedeutung hatte. "Nische", das war der je eigene Rückzugsort, der private Raum, der nicht selten auch ein geistiger Raum war oder notgedrungen wurde, weil in der Öffentlichkeit Selbstzensur aus Gründen des Selbstschutzes an der Tagesordnung war. Offen gab man sich im Freundeskreis, offen in seiner Haltung, zum System beispielsweise. Offenheit ist aber das Gegenteil von Transparenz. Transparenz, im Sinne von Überwachung (Steinbrück verwechselt scheinbar das eine mit dem anderen), mag ein Ideal der Machthaber gewesen sein, das sie jedoch nie auch nur annähernd erreichten: Häufig scheiterten sie an der Widerborstigkeit ihrer "Staatsbürger", die es sich nicht nehmen ließen, in erster Linie Menschen zu bleiben - und die schon ihre Möglichkeiten hatten, die Tücken des Systems zu unterwandern. Es gab, metaphorisch ausgedrückt, diverse Masken, die man sich im Bedarfsfall aufsetzte, es gab List. "List besser als Gewalt", hat schon Nietzsche geschrieben.

Das Wort Maske meinte ursprünglich persona, die Person. Sie ist also weder durchscheinend noch eindimensional. Die Person im lateinischen Verständnis ist kompliziert, sie hat Tiefe, sie zeigt sich nicht unverhüllt, sondern in vielen Verwandlungen, Masken. Transparent zeigt sich nur eine "Intimgesellschaft", die von "narzisstischen Intimsubjekten bewohnt wird", wie der Deutsch schreibende, in Seoul geborene und heute an der Staatlichen Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe lehrende koreanische Philosoph Byung-Chul Han in seinem Buch "Transparenzgesellschaft" erläutert, das dem Herrn Bundeskanzlerkandidaten wärmsten zur Lektüre anempfohlen sei. Er wird dann lernen, dass die Forderung nach Transparenz immer dann aufkommt, wenn es kein Vertrauen mehr gibt. In Byung-Chul Hans Buch ist allerdings wenig von der DDR oder gar von Nordkorea die Rede und viel von unserer heutigen, gut ausgeleuchteten "Positivgesellschaft", die er an anderer Stelle auch eine "Ausstellungsgesellschaft" nennt: "Die glänzende Oberfläche ist auf ihre Weise transparent."

Steinbrück, und das ist der Vorwurf, den man ihm für seine unbedachte Äußerung machen muss, lenkt von den Problemen unserer Gesellschaft ab, um die er sich, sollte er gewählt werden, ja zu kümmern hat. Er sieht offenbar nicht, dass wir in einer viel transparenteren, die Person und alles Intime auflösenden Gesellschaft leben als je zuvor. Werden wir nicht alle ständig dazu angehalten, glänzende Oberfläche zu sein? Auf dem Arbeitsmarkt genauso wie in sozialen Netzwerken? Ist nicht jeder Einzelne längst sein eigenes Werbe-Objekt, dem beständigen Druck ausgesetzt, sich positiv zu präsentieren, sich vorteilhaft darzustellen? In der Sprache der Servicebranche treibt dieser Zeitgeist bisweilen seltsame Blüten: In einem Zug der Deutschen Bahn hörte ich eine Lautsprecherdurchsage, die zu einem Besuch des Bordrestaurants einlud mit den bemerkenswerten Worten: "Wir kochen für Sie mit professioneller Selbstverständlichkeit." Ich habe bis Berlin darüber nachgedacht, was sich hinter "professioneller Selbstverständlichkeit" wohl verbergen mag - und lieber doch nur ein Kännchen Tee bestellt.

Es geht hier nicht einmal um Steinbrücks Bezüge, seine Vortragshonorare, von denen freie Autoren, die im Gegensatz zu Herrn Steinbrück oft davon leben müssen, nur träumen können. Es geht darum, dass gerade unsere jetzige Gesellschaft in ihrem Kern von einem "Pathos der Transparenz" erfasst ist, deren Symptom unter anderem die beschleunigten Kreisläufe des Kapitals sind, die uns in die gegenwärtige Krise geführt haben. Es war eine rot-grüne Bundesregierung, welche im Jahre 2004 Hedge-Fonds per Gesetz erlaubte, freilich unter der Bedingung, dass Anbieter ihre Verkaufsprospekte mit folgendem Hinweis versehen müssen: "Der Bundesminister der Finanzen warnt: Bei diesen Investmentfonds müssen Anleger bereit und in der Lage sein, Verluste des eingesetzten Kapitals bis hin zum Totalverlust hinzunehmen!" Klingt ein bisschen wie "Vorsicht, Rauchen gefährdet Ihre Gesundheit."

Peer Steinbrücks Äußerung zur Transparenz war nicht minder unbedacht wie der Satz von Frau Merkel, das eine bestimmte politische Entscheidung "alternativlos" sein könne. Möglich, dass ihm der Satz von der Transparenz ebenso lange anhängen wird, wie Frau Merkel der ihre. Sprache sagt immer auch etwas über den Menschen aus, der sie spricht. Über sein Denken und seine Haltung. Wir sollten genau hinhören, nicht nur, weil im nächsten Jahr gewählt wird. Gewählt wird ja eigentlich immer.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 11.10.2012

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