Volltextsuche über das Angebot:

14 ° / 8 ° Regenschauer

Navigation:
Google+
Der Historiker Rudolf von Thadden las im Stadtmuseum Dresden

Der Historiker Rudolf von Thadden las im Stadtmuseum Dresden

"Eine Bibel ohne Juden ist Quatsch!", meinte 1934 der adelige Gutsbesitzer Reinold von Thadden auf Trieglaff in Pommern, der sich im Dritten Reich kompromisslos der Bekennenden Kirche anschlossen hatte, als Unterzeichner der Barmer Erklärung mit den Deutschen Christen nichts zu tun haben wollte.

Die Äußerung reichte, um das erste Mal verhaftet zu werden. Und bei der einen Verhaftung blieb es nicht. 1937 machte der Adelige wieder unliebsame Bekanntschaft mit den einschlägigen Organen des NS-Machtapparats. Und als die Rote Armee am 5. März 1945 Trieglaff überrollte, landete er nach einem Verhör durch den NKDW am Eismeer in Sibirien.

Rudolf von Thadden, emeritierter Professor für neuere Geschichte an der Universität Göttingen, hat ein Buch verfasst. Titel: "Trieglaff. Eine pommersche Lebenswelt zwischen Kirche und Politik, 1807-1948". Die letzte Jahreszahl ist kein Druckfehler, die Darstellung geht wirklich bis 1948, denn erst dann wurde der Rest der Familie Thadden, die auf dem Familiensitz ausgeharrt hatte, so lange sie konnte, zusammen mit dem Rest der verbliebenen Dorfbevölkerung vertrieben (und nicht umgesiedelt). Das als Generationengeschichte aufgezogene Werk ist weit mehr als eine sentimentale, verklärende Heimatchronik, und Junkernostalgie blitzt auch nicht auch nicht auf. Im Stadtmuseum hat von Thadden sein Werk vorgestellt.

Die große Politikspiegelt sich im Lebendes kleinen Ortesund seiner Bewohner wider

Trieglaff liegt zwischen Stettin und Kolberg, ein paar Kilometer vom Meer weg. Tiefste pommersche Provinz also, aber doch spiegelt sich die große Politik in der Geschichte des kleinen Ortes und im Leben seiner Bewohner wider, im 19. wie im 20. Jahrhundert. Der Autor spürt dem Genius loci nach und führt eine untergegangene Lebenswelt vor Augen, die ständisch geprägt ist, in der im Laufe der Zeit fünf Generationen Gutsbesitzer, Landarbeiter und Bauern zwischen modernisierten Wirtschaftsstrukturen und traditionellen Lebensformen über die Runden zu kommen suchen.

Unbeugsam verweigerte sich Adolph von Thadden der 1817 von Preußens König Friedrich Wilhelm III. verfügten Union zwischen Lutheranern und Reformierten. Ein unerhörter Akt, als Junker dem König den Gehorsam aufzukündigen? Nicht, wenn es um die Religion geht. In der Folge wurde der kleine Gutsflecken Trieglaff jedenfalls zu einem zentralen Ort der Erweckungsbewegung in Pommern: Seit 1829 fanden hier die einst legendären und heute doch vergessenen Pastorenkonferenzen statt, im September 1848 trat der Gutsherr endgültig aus der Landeskirche aus, vom vielzitierten "Bündnis zwischen Thron und Altar" konnte in Trieglaff keine Rede sein. Die religiösen Strömungen, die sich nun vollends entfalteten, ließen auch Otto von Bismarck, der sich im rund zehn Kilometer entfernten Kniephof auf der Suche nach sich selbst befand und sich in eine Frau verliebte, nicht unberührt.

In dem Buch korrespondiert die persönliche Sicht auf die Familie mit der Analyse und Einordnung der Geschehnisse durch den Zeithistoriker, wobei es Thadden liebt, unterschiedliche Erinnerungen an ein und dasselbe Ereignis bloßzulegen. Eine seiner vielen Quellen: Briefe, die aus Trieglaff an die nicht wenigen ausgewanderten Verwandten nach Wisconsin in den USA gingen. Aus dem vergleichsweise rückständigen, armen Pommern emigrierten Ende des 19. Jahrhunderts bekanntlich besondere viele nach Nord- und Südamerika. Kenntnis von (Fremd-)Sprachen sei enorm wichtig, erklärt der frankophile Thadden, es "bedeutet viel, wenn man einen Sachverhalt auch in einer anderen Sprache ausdrücken kann", denn so lassen sich kulturelle Missverständnisse zumindest ein bisschen besser vermeiden. Und er warnt: "Unsere Gesellschaft ist ja mittlerweile soweit säkularisiert, dass wir zu einem intelligenten Gespräch über Religion gar nicht mehr in der Lage sind", was den Dialog mit etwa dem Islam nicht gerade fördere.

Rudolf von Thadden: Trieglaff. Eine pommersche Lebenswelt zwischen Kirche und Politik. 1807-1948. Wallstein Verlag, 294 Seiten, 24,90 Euro

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 21.02.2013

Christian Ruf

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kultur News

Entwirren Sie mit schnellem Auge und flinkem Geist den Buchstabensalat des Rätselspiels! Hier kostenlos im Spieleportal von DNN.de spielen! mehr