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Der Hase muss weg! - "Mein Freund Harvey" am Projekttheater Dresden

Der Hase muss weg! - "Mein Freund Harvey" am Projekttheater Dresden

Kennen Sie den? Geht ein Mann mit angeleinter Zahnbürste durch die Stadt und wird gefragt, wie lange er denn schon meint, dass die Zahnbürste ein Hund sei. Antwort: Ach, schon lange, damals war es noch ein ganz kleiner Hund.

Menschliche Vorstellungskraft kann ganz schön stark sein und jene zum Verzweifeln bringen, die sie nicht teilen können. In der vor genau 70 Jahren herausgekommenen Komödie "Mein Freund Harvey", die gut fünf Jahre lang in 1775 Vorstellungen am Broadway lief, verhält es sich genau so. Am Dresdner Projekttheater ist das Erfolgsstück von Pulitzer-Preisträgerin Mary Chase jetzt in einer eigenen Textfassung adaptiert worden, und man kann dieser Produktion vom Kulturhafen Dresden nur kräftig Zulauf wünschen, damit sie wenigstens ein dutzend Mal gezeigt werden kann. Vorerst sind lediglich fünf Termine angesetzt.

Die Geschichte ist auf das Wechselspiel von gelebter Fantasie und angepasstem Leben reduziert. Da ist das sonnige Gemüt vom farbenfrohen Elwood Bigwood, der seine Schwester Vera, eine unscheinbare graue Maus, schier zur Weißglut bringt, wenn er mit seinem weißen Hasen Harvey spricht, trinkt und tanzt. Denn niemand außer er selbst sieht dieses mannsgroße Tier. Als das schräge Paar die elterliche Wohnung umgestaltet, aus rechten Winkeln ein unregelmäßiges Chaos zaubert und die Farblosigkeit grell aufhübscht, ist es für die Schwester zu viel. Schließlich will sie die Wohnung verkaufen und darf den Interessenten in dieser fantasielosen Welt keine bunten, schrägen Schrecken zumuten. Ergo: Der Hase muss weg!

Arztbesuche folgen und kein Klischee von Psychologen und Psychiatern ist wirklichkeitsnah genug, um nicht völlig überzogen kakaogetränkt zu werden. Regisseurin Marie-Sophie Dudzic, die auch die hübsch pointierte Textfassung schrieb, lässt ihre Darsteller gratwandern, was inmitten des hölzernen Interieurs (Bühne Elisa Schumann, Lilli Doescher; Kostüme Josepha Lienert) auch bestens gelingt. Marcus König als liebenswerter Träumer Elwood erobert die Herzen genauso im Sturm wie sein Freund Harvey, für den André Kischkel einen ganzen Abend lang im weißen Kunstfell schwitzen muss. Schwester Vera ist graugrau kostümiert, bewegt sich trocken und steif, sie meint: "Ich weiß, was Spaß ist!" Ronja Kindler hält diese verkrampfte Exaltiertheit durch.

Pauline Dunkel, nicht minder überzeichnet, steht ihr da als interessierte Wohnungskäuferin in nichts nach und liefert ein weiteres Abbild der krank normierten Gesellschaft. Für solche Fälle sind Ärzte wie Dr. Sand und Prof. Dr. Dr. Dr. Dr. Kümmerlich im Stück verantwortlich, obwohl sie eigentlich Mensch gebliebenen Wesen wie Elwood die Fantasie austreiben sollen. Lorenz Fischer gibt einen ewig lächelnden Seelenklempner ("das ist interessant!") und Henrik Wissing einen vor allem von sich selbst überzeugten Quacksalber. In einer Welt voller Experten, die genau zu wissen meinen, was sich schickt und was verboten gehört, wirkt so ein Stück Theater wie ein Lichtblick zum Luftholen.

Aufführungen: 11., 12., 18. Juni, je 20 Uhrwww.projekttheater.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 31.05.2014

Michael Ernst

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