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Der Granitbeißer - Lou Reed kommt zu seinem dritten Konzert nach Dresden

Der Granitbeißer - Lou Reed kommt zu seinem dritten Konzert nach Dresden

Mit einem verstörend falschen Zungenschlag wird die aktuelle Konzertserie von Lou Reed in einigen Medien als "Greatest Hits Tour" bezeichnet. Könnte gut sein, gerade das macht den Meister noch knurriger, als er eh schon ist und immer war.

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Im Leben oft gefallen, aber trotzdem immer wieder aufgestanden: Lou Reed.

Quelle: PR

Hit! Böses Schimpfwort für den jetzt 70-jährigen Ur-New-Yorker. Dafür, dass es sein "Walk On The Wild Side" immer wieder in die Rotationen von Oldieradios schafft, kann er ebenso wenig wie Frank Zappa zu Lebzeiten, dem man mit "Bobby Brown" eine eher schäbige Freude bereitet hat.

Reeds 2012er Set heißt korrekt "From VU to Lulu" und ist sehr wohl programmatisch gemeint. Diese Art "Career songs" wollte Veranstalter Bertold Seliger vom Altmeister seit Jahren haben, die Verhandlungen darüber waren zäh. Lou Reed wusste wohl, dass so etwas immer ein wenig nach Ausverkauf riecht, nach Abgesang und Eh-es-zu-spät-ist. Reed lässt gern mal auf Granit beißen, weil er selbst ein Granitbeißer ist. Erst recht jetzt, wo er auf die Bühne und ins Studio längst nicht mehr muss, sondern bestenfalls will. Wäre es letztes Jahr nicht zur zunächst Aufsehen erregenden, später schwer kritisierten Kollaboration mit Metallica (Reed: "Brüder, die ich immer gesucht habe.") gekommen, hätte sich Reed vielleicht niemals positiv entschieden, Karriere umspannende Songs aufzulisten und mit siebenköpfiger Band einzuproben. So aber nutzt der alte Fuchs listig den Fahrtwind aus, weht er ihm noch so sehr ins verwitterte Antlitz.

Mit mindestens drei Stücken der Doppel-CD "Lulu" ist am Sonnabend am Elbufer zu rechnen - da müssen wir durch. Doch auch die Chancen, Velvet-Underground-Heuler wie "Heroin" oder "I'm Waiting For The Man" zu erleben, stehen bestens, Solo-Material von "Wild Side" bis "Sweet Jane" nicht minder. Ob sie als solche zu erkennen sind, steht auf einem ganz anderen Notenblatt. Und es wird drei Tage später bei Bob Dylan (71) nicht anders sein.

Was hat sich getan, nachdem Lou Reed 1996 erstmals an der Elbe spielte und später nochmals im Alten Schlachthof eine Art Zugabe? Plattenmäßig nach der sehr schönen CD "Set The Twilight Reeling" (1996) nicht viel. Er gerierte immer stärker zum Projektkünstler, der lieber mit seiner Ehefrau Laurie Anderson und Alchimist John Zorn ellenlange freie Improvisationen zelebrierte, als sich mit klaren Songstrukturen zu befassen. Den es ins Theater zog, zu Robert Wilson und Edgar Allen Poe. Der 2007 mit "Hudson River Wind Meditations" verquaste Yoga-Musik ablieferte und dem Rock'n'Roll, selbst seiner freigeistigen Natur entsprechend, abgeschworen zu haben schien, der bei Antony Hegarty auftauchte, den Gorillaz und Killers, in Filmen von Wim Wenders. Der Fotobücher konzipiert und das Design für Apps und die seniorenbenutzerfreundliche Darstellung von Kontaktdaten. Dem all das absolut ausreicht. Bis Metallica Interesse signalisierte und sie gemeinsam das gemurmelte Schlurf-Metal-Monstrum "Lulu" gebaren.

Reed pendelt fast fünf Jahrzehnte so prägnant wie einflussreich zwischen Gossenlyrik und der Wortfeile, paart Selbstanalyse mit scharfer Beobachtung gesellschaftlicher Zustände, kann über Drogen, Qual, Todessehnsucht und Obsessionen singen wie andere über den Flug der Kraniche. Seine Biographie lässt sich ohne Schock kaum lesen, vor allem, wenn sie die Kindheit behandelt. Reed zieht diese immense Kulturlinie seit Mitte der 1960er von New York in die Kunstwelt, mit Andy Warhol vornweg, dessen Factory, mit den Velvet Underground, dem nicht minder sturköpfigen Kollegen John Cale und der noch heute unerreichten Strahlkraft von Chanteuse Nico.

Lou Reed ist zigmal gefallen, ein paar Mal mehr wieder aufgestanden. Wird respektiert, verehrt. Hat einfach überlebt. Mit der Vermutung, das dritte Dresden-Konzert von ihm könnte ein sehr besonderes werden, liegt man zum jetzigen Zeitpunkt absolut richtig. Nur mit Kuscheln wird das nichts. Wieder nichts.

Lou Reed & Band, morgen, 20 Uhr, Elbufer

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 29.06.2012

Andreas Körner

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