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Der Fluch des Intellektuellen - Premiere von Sartres "Die schmutzigen Hände" im Kleinen Haus in Dresden

Der Fluch des Intellektuellen - Premiere von Sartres "Die schmutzigen Hände" im Kleinen Haus in Dresden

Die Intellektuellen haben es nicht leicht, weil sie sich alles unnötig schwer machen, und oft genug wird das zum Fluch. Zum Beispiel für einen Zeitungsschreiber, dem es nicht genügt, mit seinen Texten ein bisschen Agitation und Propaganda zu betreiben, den es vielmehr quält, dass er die Welt nicht durch Taten verändern darf.

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Auge in Auge womit? Der überflüssige Revolutionär Hugo (Stefko Hanushevsky).

Quelle: Matthias Horn

Wie diesen allzu belesenen Aristokratensohn Hugo bei Jean-Paul Sartre. Wenn der Bildungsbürger von heute "Die schmutzigen Hände" liest, um sich auf Simon Solbergs Inszenierung am Kleinen Haus vorzubereiten, macht er es sich wahrscheinlich auch nur unnötig schwer. Man muss die Dinge nehmen und begreifen, wie sie sind (und erst in zweiter Linie, wie sie vielleicht einmal waren).

Dass Solberg die Geschichte vom Parteiführer Hoederer und dessen Sekretär gewissermaßen vor dem Hintergrund vermeintlich eigenständiger Umbrüche am Rande von bzw. rund um das heutige Europa ansiedelt und nicht als Episode im Taktieren zwischen den Fronten des Zweiten Weltkriegs, ist leicht nachzuvollziehen. Ebenso, dass das abgeschmackt und morbide gewordene Milieu in einer revolutionären Organisation längst aufgegangen ist in einer Linken, die sich als Partei wie jede andere darstellt, wenn es ihr gelingt, ein politisches Kräftedreieck mit Kapital und Militär aufzubauen. Dass man nur als Farce, als Polit-Komödien-Thrilller erzählen kann, was eigentlich eine sich immer neu fortsetzende Tragödie ist. Freilich ist es interessant zu sehen, wie Regisseur und Dramaturg (Ole Georg Graf) Szene für Szene Stück und Stoff bis in kleinste Details so transponiert haben, dass er so selbstverständlich heutig daherkommt. Vor allem aber, dass aus einem verwicklungsreich durchdachten und beschriebenen, ausweglosen Dilemma eine fast lapidare, illusionslose Analyse der Mechanismen gesellschaftlicher Umbrüche wird. Insofern zählt erst einmal nur, was auf der Bühne geschieht.

Da gibt es einen Schreibtisch mit Leselampe am Rand, zentral einen Kubus aus aufgestapelten Fernsehgeräte-Attrappen, die als vielfältig funktionierende Versatzstücke und als Projektionsfläche dienen. Für intime Einblicke ebenso wie für Nachrichten aus einer Außenwelt, die sich weitergedreht hat. Vergessen sind Hitler und Stalin, gestürzt Mielke und Gaddafi. Heiner Müller steht am Gestade des Mittelmeeres, im Rücken die Ruinen von Europa. Als Hugos Doppelgänger intoniert JPS (Thomas Braungardt) über Generationen populäre Friedens- und Freiheitssongs.

Doch ehe es zur Sache kommt, misstrauen Hugo (Stefko Hanushevsky) und seine junge kesse Frau Jessica (Annika Schilling) ihren Gefühlen. Indem sie vorgeben, sie ersatzweise zu spielen, drohen sie sich ganz zu verlieren und ein wenig auch das Interesse des Zuschauers, der ja keine erotisch mäßig prickelnde Politposse erwartet, sondern weiß, dass sich Hugo aus Überzeugung und Frust als angehender Mörder ins Haus des "objektiven Verräters" eingemietet hat. Und eigentlich gleich auf der Strecke bleiben müsste, würden dessen Bodyguards Slick und Georges nur ordentlich ihres Amtes walten. Doch das sind hier zwei schräge, fast gutherzige Typen, von Thomas Eisen und Torsten Ranft mit grantelndem bzw. gemütlichem Mutterwitz und dem jeweils eingeborenen Wiener bzw. Leipziger Dialekt ausgestattet. Damit gewinnt die Geschichte vordergründig an Fahrt, während dahinter, zunächst nur in audiovisueller Übertragung, Wolfgang Michalek souverän die Figur des Hoederer aufbaut. Zunächst nur als Boss, der an den Strippen zieht und sich zu inszenieren weiß, auf den man aber zunehmend neugierig wird, auch dank der sehr wirkungsvollen Aus- und Anschnittechnik, mit der ihn Valerie-Francoise Vogt in ihren Videoübertragungen präsentiert: Fragmente, die spannungsvoll bewusst machen, dass die eigentliche Begegnung mit ihm noch bevorsteht. Und sei sie auch ernüchternd, wenn er plötzlich das Licht im Saal einschaltet und nicht nur Hugo und Jessica, sondern auch das Publikum in seiner Beobachter- und Analysehaltung aufstört.

Dieser Hoederer ist einer, der Überlegenheit durch Ruhe herstellt, der vielleicht ein Demagoge ist, aber jedenfalls über Erfahrung und Weitblick verfügt, der bei allem Machtbewusstsein so weit mit dem Leben fertig ist, dass er es aufs Spiel setzen kann. Hugo dagegen ist besessen von dem Wahn, einer allein richtigen Überzeugung zu folgen, dabei angestachelt vom Bewusstsein seiner eigenen Unvollkommenheit. Für ihn und Jessica wird Hoederer so zu Herausforderung und Chance, an der sie jedoch im letzten Moment scheitern, die sie aus Eigennutz und Eigensinn verspielen aus nur zu menschlichen Gründen. Solberg bringt das situativ auf den Punkt, lässt sich nicht auf eine unübersichtliche Verwirrung der Gefühle ein. Die Frage, ob es irgendeine Rechtfertigung für den Mord geben könnte, stellt sich hier gar nicht erst.

Auf der großen Politischen Bühne (mit Ranft als Regent, Eisen als Karsky) findet Schmierenkomödie statt, immerhin mit ein bisschen Schmäh, doch die Revolutionäre Romantik (mit Ranft als bärtigem Folklore-Iwan, Eisen als kaltem Funktionär Louis) verblasst am Rande zur anachronistischen Klamotte. Was es Olga (Antje Trautmann) nicht, ihrer Gegenspielerin Jessica dafür um so leichter macht, sich gegen den Angriff dieser Intellektuellen zu behaupten, die sich vor allem dadurch definiert, dass sie ohne Liebe auskommt und folglich unfehlbar funktioniert. Ohne Olga ist freilich die Entwicklung von Hugo schwer nachvollziehbar. Bei Sartre träumt er anfangs davon, sich mit einer Bombe in die Nähe eines Großfürsten zu stellen und zusammen mit ihm hochzugehen und wird von Louis dafür zurechtgewiesen. Ein intellektueller Anarchist sei er und komme 50 Jahre zu spät: "Terrorismus, das ist vorbei." Bei Solberg erklärt Hugo seine Nichtverwendbarkeit angesichts des Sieges der Bewegung und schnallt sich doppelsinnig einen Bombengürtel aus Büchern um.

Große Begeisterung um Darsteller und Regieteam. Tomas Petzold

nächste Aufführungen: 4.12., 7. und 26. 1.

www.staatsschauspiel-dresden.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 28.11.2011

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