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Der Ex-Kindersoldat Emmanuel Jal bekommt am 16. Februar den Dresden-Preis

Der Ex-Kindersoldat Emmanuel Jal bekommt am 16. Februar den Dresden-Preis

Manchmal ist es ein harmloses Bild, eine beiläufige Geste, die alles deutlich macht, die ganze Absurdität einer grausamen Geschichte, die alt ist und noch immer nicht aufhört.

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Er wird die Bühne der Semperoper am Tag der Preisverleihung für diverse Rap-Songs nutzen: Emmanuel Jal.

Quelle: PR

Zwei kleine Jungen laufen an einem Fluss entlang. Sie halten sich bei den Händen, wie es kleine Kinder eben tun, die schnell beste Freunde finden. Einer der beiden ist Emmanuel Jal, neun Jahre alt. Aufgenommen von einem Filmteam 1989 in einem Flüchtlingslager in Äthiopien. Ein paar Monate später wird der Junge mit einem Gewehr über der Schulter und Gleichaltrigen an der Seite durch das Trainingscamp für Kindersoldaten traben und singen: "Wir haben keine Angst, wir sind Männer". In der Vorstellung schieben sich die beiden Bilder übereinander. Aber sie wollen nicht passen.

Wenn Emmanuel Jal, ehemaliger Kindersoldat aus dem Süd-Sudan, am 16. Februar um 11 Uhr in der Semperoper den Dresden-Preis bekommt für sein Friedensengagement, wird auch dieser Ausschnitt aus dem Film "Warchild" von Karim Chrobog gezeigt werden. Es ist ein Glück, dass der Regisseur, der den Film über Emmanuel Jal drehte, diese alte Aufnahme fand. Und dass damals ausgerechnet Emmanuel in dem Lager gefilmt und interviewt wurde. Denn die Fotos von martialisch aufgerüsteten und finster drein blickenden Kindersoldaten, wie man sie kennt, sagen lange nicht alles. Nicht, was noch kurz zuvor war, nicht, dass Kindersoldaten nachts weinend auf ihren Pritschen liegen. Oder sich bei der Schlacht, das Gewehr in der Hand, einnässen vor Angst.

Auch davon erzählt Emmanuel, der heute 34 ist. Aber ganz genau weiß er es nicht. Sein Geburtsdatum ist in den Wirren eines Krieges verloren gegangen, der 20 Jahre dauerte. "Wir haben uns auf den 1.1. 1980 geeinigt", sagt Jal. Vielleicht ist er auch ein Jahr älter. Aber was macht das schon für einen Unterschied, ob ein Kind mit zehn oder elf ein erstes Mal in einem Gefecht schießt.

Zunächst war die Flucht, die begann, als er sechs war. Aber der Krieg setzte der Familie nach, wohin sie auch floh. Brennende Dörfer, verbrannte Menschen. Dann die Hoffnung. Der Vater, einst ein hoher Milizionär, hatte sich der SPLA angeschlossen, der südsudanesischen Befreiungsarmee. Und er schickte zwei Soldaten, den Sohn abzuholen. Er solle in Äthiopien zur Schule gehen, wurde ihm gesagt wie Hunderten anderer Jungen, die sich mit ihm auf dem Weg zur Grenze machten. Als Emmanuel nach wochenlangem Fußmarsch das Flüchtlingslager erreichte, ging er anfangs tatsächlich zur Schule. Der Film zeigt ihn, wie er eifrig die Hand hebt im Unterricht. Und im damaligen Interview sagt, dass er lernen will, immer.

Aber damit ist es schnell vorbei, zumindest mit dem Rechnen lernen und Englisch. Dafür wird ihm im nahe dem Flüchtlingslager gelegenen Trainingscamp das Kriegshandwerk beigebracht. In seiner ersten Schlacht läuft er davon und wird hinterher hart bestraft dafür. Er tut es nie wieder. Er sieht die Sterbenden auf der anderen Seite der Frontlinie, hört sie "Mama" schreien und fragt sich, ob es seine Kugel war, die getroffen hat.

15 Jahre später steht er vor 50 000 auf der Bühne im Londoner Hyde Park. Es ist das Konzert zum 90. Geburtstag Nelson Mandelas. Peter Gabriel kündigt Emmanuel Jal an. Einen Musiker, so Gabriel, der das Potenzial des jungen Bob Marley habe. Und dann beginnt Emmanuel zu singen. Von Emma McCune. "Was wäre aus mir geworden, hätte mich Emma McCune nicht gerettet." Er rappt und tanzt und springt. Und das Publikum singt emphatisch den Song mit, der etwas von einer Hymne hat, einer Hymne auf Emmanuels Retterin. Die britische Mitarbeiterin einer Hilfsorganisation hatte den damals 13-Jährigen aus dem sudanesischen Kriegsgebiet nach Kenia gebracht, wo er zur Schule gehen konnte und schließlich das werden, was er heute ist: ein Friedensaktivist, der sich bei Amnesty International engagiert, gegen den Einsatz von Kindern als Soldaten kämpft, für die Kontrolle von Waffenexporten. Der jedes Jahr vor tausenden Jugendlichen spricht über Krieg, aber vor allem Frieden. Und ohne Emma wäre er auch kein Musiker geworden, der Star-Rapper, als der er heute gilt.

Aber auch in Afrika stimmen Schwarz-Weiß-Schemata nicht. Emma McCune, die 1993 bei einem Autounfall starb, half Kindersoldaten - und war mit einem sudanesischen Warlord verheiratet. Dem bekanntesten, bis heute. Ex-Vizepräsident Riek Machar ist der Rebellenführer im gerade neu aufgeflammten Konflikt im Süd-Sudan.

"Ich werde so glücklich sein, wenn es Frieden gibt im Sudan", singt Emmanuel in "Gua", dem Song, mit dem er vor zehn Jahren zunächst auf dem gesamten afrikanischen Kontinent zum Star wurde. Auch diesen Titel wird er in der Semperoper singen und andere wie "Emma" und "We want peace", einen Titel, den er unter anderem mit Alicia Keys und Peter Gabriel eingespielt hat. Das Konzert wird er geben mit einer in der Oper eher ungewöhnlichen Besetzung. Begleitet wird er von seinem Londoner DJ sowie einer Backgroundsängerin und einem Gitarristen.

Die Laudatio auf Emmanuel Jal hält Fatou Bensouda, Chefanklägerin beim Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag. Dort wird sie "Big Mama" genannt, ein Tribut an die Mischung aus Unerschrockenheit und Warmherzigkeit, die sie auszeichnet. Das Time-Magazine wählte Fatou Bensouda in den Kreis der 100 einflussreichsten Persönlichkeiten der Welt. "Die Täter, es sind Tausende, sie sollen sich nie mehr sicher fühlen", sagte Bensouda in einem Interview vor zwei Wochen im Magazin Stern über die Rolle des Internationalen Strafgerichtshofs und über ihre Mission. Die aus Gambia stammende Juristin kennt Emmanuel Jal persönlich, sie kennt auch das Thema Kindersoldaten. Und sie tut etwas. In ihrem ersten Prozess an dem Gericht verurteilte sie 2012 den Kongolesen Thomas Lubanga wegen der Rekrutierung von Kindersoldaten.

"Ich glaube, ich habe überlebt, um meine Geschichte zu erzählen", singt Emmanuel Jal in "Warchild". Er hat schon an vielen Plätzen der Welt erzählt. Am 16. Februar wird er es das erste Mal in einem Opernhaus tun.

Eintrittskarten zum Preis von 15 Euro (Schüler/Studenten ermäßigt 7,50 Euro) sind erhältlich beim Besucherdienst der Semperoper. Restkarten an der Tageskasse.

Schinkelwache, Theaterplatz 2, Tel. 0351 4911 705, bestellung@semperoper.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 08.02.2014

Heidrun Hannusch

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