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Der DresdnerInterview mit dem Dresdner Eckehard Stier, GMD in Görlitz und Chef der Neuen Lausitz Philharmonie

Der DresdnerInterview mit dem Dresdner Eckehard Stier, GMD in Görlitz und Chef der Neuen Lausitz Philharmonie

Auckland, Tokio und London stehen bei Eckehard Stier unter anderem im Kalender 2012, doch der Görlitzer Generalmusikdirektor und Chef der Neuen Lausitzer Philharmonie versäumt es nicht, in der Heimat für Furore zu sorgen: Er holte den Londoner Solocellist Raphael Wallfisch für seine "Klagelieder" in die Lausitz.

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Spielt ein außergewöhnliches Programm in einem besonderen Jahr: der Görlitzer Generalmusikdirektor Eckehard Stier.

Quelle: Dieter Wuschanski

Er spielt beim 4. Philharmonischen Konzert, das bis Samstag in vier Städten der Lausitz erklingt, "Schelomo für Violoncello und Orchester" von Ernest Bloch. Außerdem hat sich Neben Bernsteins Sinfonie Nr. 1 (Jeremiah) hat sich Stier auch zweimal Lukas Foss (Song of Songs, Elegie für Anne Frank) ausgesucht. Für die DNN unterhielt sich Elmar Mann mit dem 39-Jährigen aus Dresden.

Frage: Herr Stier, was unterscheidet Sie von Ihrem Kollegen Michelle Carulli, dem Generalmusikdirektor der Landesbühnen Sachsen?

Eckehard Stier: Der Musikbetrieb der Landesbühnen ist natürlich leicht different zu unserem. Wir spielen mit unserem Orchester mehr Konzerte - und insofern habe ich als Dirigent die Möglichkeit, viel stärkeren Kontakt zum Publikum zu pflegen. Das ist beim Operndienst im Orchestergraben nicht so - da stehen die Sänger im Mittelpunkt - zu Recht. Wir spielen ja jedes Konzertprogramm mindestens fünf Mal in vier Städten, da ist der Kontakt zum Publikum intensiv. Wir haben ein gutes Verhältnis, er wirkt sehr engagiert und ebenso mit Feuer und Flamme. Ich bin einfach ein anderer Typ von Dirigent.

Und er spielt Stürmer in der Orchestermannschaft, sie waren Torwart bei den Kruzianern...

-ich war auch später Libero. Heute muss ich feststellen, dass meine Flugeigenschaften für ein gutes Torwart- spiel nicht mehr ausreichen: Mann fällt einfach um - und das ist zu gefährlich, denn dafür ist mein Terminkalender zu voll. Ein Ausfall wäre zu risikovoll.

Die Auswahl Ihrer NLP-Konzertreihe klingt immer wieder gewagt - und funktioniert dennoch hervorragend...

Natürlich mussten wir unser Publikum über die Jahre langsam daran gewöhnen - immer mal ein Stück nach unserem Geschmack dazwischen. Derweil haben wir ein Vertrauensverhältnis zum Publikum aufgebaut, so dass wir viel wagen können und die Leute dennoch kommen. Als ich 2003 hier anfing, hatten wir hier rund 300 Zuschauer pro Konzert, jetzt spielen wir zweimal und erreichen regelmäßig über 900 Menschen - allein in Görlitz. Suchen Sie doch mal in Dresden so einen Konzertplan! Aber es gibt auch Konzerte, wo ich sage: Die müssen deshalb gespielt werden - einfach weil ich sie liebe.

Was interessiert Sie am meisten?

Mich interessiert immer die Musik, hinter der eine Geschichte steht. So wie bei Gustav Mahler, wo es bis ins Existenzielle geht. Das ist ein Lebenswerk für jeden Dirigenten, sich damit zu beschäftigen. Ich dirigiere jetzt erstmals Mahlers Neunte, seine letzte vollendete Sinfonie - dieser Gratwandel zwischen absoluten, existenziellen Wahnsinn mitsamt Absage an das Leben und dem Wiener Schmäh bis hin zum Kitsch, ist faszinierend. Außerdem habe ich viel Schostakowitsch gespielt, weil mich das Brachiale und das Archaische an seiner Musik interessiert.

Liegt das Spannende auch an den mitschwingenden Biographien der Komponisten?

Auf jeden Fall. Nehmen Sie Mahlers Schicksalsschläge seiner letzten fünf Jahre. Die hat er direkt und ohne Abstraktion in Musik transformiert.

Sie haben ja noch in der Görlitzer Stadthalle gespielt - freuen Sie sich schon auf die Wiedereröffnung?

Ja, mein Antrittskonzert 2003 war dort - vor 340 Besuchern. Es ist eine gute Halle mit hervorragender Akustik - aber ansonsten möchte mich über diesen Schildbürgerstreich nicht mehr öffentlich äußern. Es ist einfach ein trauriges Kapitel, ich glaube erst bei der Eröffnung wirklich daran.

Wie steht die Neue Lausitzer Philharmonie im Vergleich zu anderen sächsischen Orchestern da?

Das kann man nicht so recht vergleichen, denn wie will man die Unterschiede, bei Spielorten, Organisation oder Stellenzahl bewerten? Alle C-Orchester haben sich in den letzten Jahren enorm weiterentwickelt - so auch wir. Man kann sagen: Die neue Neue Lausitzer Philharmonie ist ein gutes Orchester.

Wie gerät man denn als Görlitzer GMD an ein festes Engagement in Auckland?

Auf ganz normalen Wege: Der Kontakt begann mit einer Einladung zu einem Gastdirigat für 2007. Erst nach der Wiedereinladung ein Jahr später habe ich realisiert, das die einen Chef suchen. Nach dem zweiten Konzert wurde ich ab 2009 zum Chefdirigenten und Musikdirektor berufen. Sie müssen wissen: Das Orchester ist spitze, die Konzerthalle ist groß und mit einem herrlichen Klang wie das zweite Leipziger Gewandhaus, die Konzerte werden alle live im Radio übertragen.

Also Sie haben sich gar nicht beworben?

Nein, ich wurde gefragt.

Spüren Sie dort eine größere Achtung vor der Arbeit?

So kann man das nicht sagen. Aber die Tendenz der vergangenen zehn Jahre hier macht schon mürbe, der ständige Frust über die steten Kürzungen an Stellen und Mitteln - ich habe es einfach satt, mich dafür rechtfertigen zu müssen, dass mein Beruf Künstler ist. Die ganzen Fusionen - wir haben jetzt gerade die dritte hinter uns - dienen doch nur als Ausrede für die Politik, die sich und uns die Kürzungen an der kulturellen Substanz schön reden wollen. Und spätestens nach fünf Jahren zerbröckeln die Strukturen aufs Neue und die Diskussion beginnt von vorn. Doch hier ist nix mehr zu holen: Ehe man hier nochmal 100 000 Euro sparen will, dann sollte man lieber gleich die Menschen nach Hause schicken.

Was meinen Sie, wie viel Prozent müssen Sie mehr arbeiten als der durchschnittliche Theaterkünstler?

Diese Frage beantworte ich nicht. Aber man hat am Theater das allgegenwärtige Phänomen, dass jede Berufsgruppe glaubt, für das wenigste Geld am meisten zu arbeiten. Bei mir ist es so, dass ich zwar sehr viel arbeite - aber das gerne! Zur Zeit ist es so, dass ich tagsüber meine Görlitz-Arbeit erledige und nachts dann die Auckland-Geschäfte. Das klapp gut, denn Neuseeland ist genau zwölf Stunden weiter. Insofern muss mein Tag sehr gut strukturiert sein. Mein letzter richtiger Urlaub war Weihnachten, davor drei Jahre lang keiner. Aber wie gesagt: Das mein Leben - ich will das so!

Sie waren im letzten Monat in Auckland, Bautzen und Tokio, nun folgen Konzerte in vier Städten der Lausitz - geht es so weiter?

Ja, es ist ein besonderes Jahr: Im Februar folgt das London Philharmonic Orchestra, im Mai die Wiederaufnahme von "Der Besuch der alten Dame" und im Juni die Premiere von "Eugen Onegin" in Görlitz - das werden gigantische Monate. Das komplette kommende Jahr ist ausgebucht - ich komme 2012 auf sechzig bis siebzig Auftritte.

Gibt es denn für Sie so eine Art Höchstverweildauer in einem Engagement?

Zu DDR-Zeiten war es gang und gäbe, dass Musikdirektoren über längere Zeiträume mit Orchestern gearbeitet haben. Heute - in der Wegwerf- oder Weggehgesellschaft - heißt es: Nach spätestens acht Jahren soll man wechseln. Das kann ich nicht leiden, Leuten, die dass behaupten, zeige einfach ich die kühle Schulter und ein Lächeln - und bleibe da. Denn der pure Drang nach etwas Neuem ist noch kein Wert an sich.

Konzerttermine:

heute 19.30 Uhr Lausitzhalle Hoyerswerda

Do 19.30 Uhr Theater Bautzen

Fr 19.30 Uhr Theater Görlitz

Sa 19.30 Uhr Theater Zittau

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 25.01.2012

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