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Der Dresdner Tänzer und Choreograf Manfred Schnelle ist tot

Nachruf Der Dresdner Tänzer und Choreograf Manfred Schnelle ist tot

Am Mittwochvormittag ist der Tänzer und Choreograf Manfred Schnelle gestorben. In der Nacht zum Sonntag erlitt er einen Zusammenbruch, wurde auf die Intensivstation der Dresdner Universitätsklinik gebracht und in ein künstliches Koma versetzt, aus dem der 80-Jährige nicht mehr erwachte.

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Manfred Schnelle bei einer Probe in der St.-Afra-Kirche auf dem Meißner Burgberg.

Quelle: Oliver Killig /Archiv

Dresden. „Es gibt Menschen, die haben eine so angenehme und anregende Wesensart, dass allein schon ihre Nähe erwärmend ist. Man empfindet Vertrauen, spürt Wahrhaftigkeit, Intensität. Egal, wo und wann man ihnen begegnet – „es tut der Seele gut“, hatten die DNN den Dresdner Manfred Schnelle aus Anlass seines 70. Geburtstages im Jahr 2005 gewürdigt. Am Mittwochvormittag ist der Tänzer und Choreograf gestorben. In der Nacht zum Sonntag erlitt er einen Zusammenbruch, wurde auf die Intensivstation der Universitätsklinik gebracht und in ein künstliches Koma versetzt, aus dem der 80-Jährige nicht mehr erwachte.

Ein wirklich tragisches Zusammentreffen, denn gerade hatte sich Manfred Schnelle wieder mit ganzem Elan in die Arbeit gestürzt. Mit dem jungen Absolventen der Staatlichen Ballettschule Berlin Nils Freyer studierte er fünf Präludien aus dem Wohltemperierten Klavier von Johann Sebastian Bach ein, jene Choreografien seiner einstigen Lehrerin Marianne Vogelsang, die ihm so sehr am Herzen lagen. Die Dresdner Ausdruckstänzerin hatte ihm diese Tänze kurz vor ihrem Tod 1973 als Vermächtnis übertragen.

Besonders motiviert war Manfred Schnelle durch die hohe Anerkennung dieser Arbeit seitens der Bundeskulturstiftung, die das Projekt im Rahmen ihres Programms Tanzfonds Erbe für unbedingt förderfähig hält. In der Erinnerung an Marianne Vogelsang, anlässlich ihres 100. Geburtstages im Jahr 2012 sagte Manfred Schnelle, dass er damals ja nicht ahnen konnte, dass sie „ihr eigenes Sterben choreografierte“ und dass für sie „die letzte Bewegung eines Tanzes immer den Anfang des nächsten bildet“. Auch er konnte nicht ahnen, als er begann, diese für ihn so bedeutenden Tänze jetzt mit einem jungen Tänzer einzustudieren, dass das eigene Sterben für ihn die aktive Arbeit an seinem Vermächtnis beenden würde.

Manfred Schnelle ist es zu verdanken, dass er – gegen erhebliche Widerstände der offiziellen Kulturpolitik der DDR – als Tänzer in den Kirchen und vor allem als Lehrer sowie als Choreograf nicht nur bewahrt, sondern vor allem weitergegeben hat, was es nach den Erfahrungen bei Marianne Vogelsang bedeutet, dass sich „Intuition und Raum entsprachen“, und vor allem, wie man existenzielle Erfahrungen in der Bewegung thematisiert. Für seine Verdienste um die „Bewahrung der Traditionen des Deutschen Ausdruckstanzes in der DDR“ wurde er schließlich mit dem Bundesverdienstkreuz geehrt. Wer Manfred Schnelle als Tänzer erlebt hat, konnte spüren, dass seine Kunst in der Korrespondenz zur Besonderheit der Architektur und Tradition sakraler Räume „ein ganz eigenes, tiefes Gefühl für die Wirklichkeit“ widerspiegelte.

Wichtig war ihm auch die Beschäftigung mit dem höfischen Barock- und Renaissance-Tanz, was für ihn aber keine pure Rekonstruktion bedeutete: „Historischer Tanz vermittelt mit seinem spezifischen Schritt-Vokabular und seinen stilistischen Besonderheiten nicht nur museale Kenntnis, sondern er ist vor allem Träger einer Geisteshaltung, die in gegenwärtiger Stunde als Zeugnis von Kultur und Kunst zu menschlicher Würde mahnt“, wusste er.

Anlässlich des 80. Geburtstages von Manfred Schnelle im vergangenen Jahr schrieb Professor Ralf Stabel, Direktor der Staatlichen Ballettschule Berlin, für die DNN, dass Manfred Schnelle „vermutlich durch seine Ausbildung bei Marianne Vogelsang in Berlin frühzeitig erfahren“ habe, „dass man mit dem Tanzen etwas gestaltet, das vom Menschen kündet und nicht lediglich schöne Bewegungen zelebriert. Auch gegen das Vertanzen von Ideologien schien er durch diese frühe Prägung immunisiert zu sein.“

Stabel deutete aber auch an, dass die Manfred Schnelle eigentlich gebührende Anerkennung ausblieb: „Hätte er Bleibendes geschaffen, wäre er heute sicher ein – für den tänzerischen Ausdruck seiner menschlichen Haltung – vielfach und hoch geehrter Künstler. Aber vielleicht hat ein im besten Sinne des Wortes ausgezeichneter Künstler all dies auch gar nicht wirklich nötig. Aber verdient hätte er es!“

Am Dienstag, als der Tanzfonds Erbe davon in Kenntnis gesetzt werden musste, dass mit großer Wahrscheinlichkeit Manfred Schnelle seine Arbeit nicht fortsetzen könne, dass aber die von ihm geschätzte Tänzerin Sonja Zimmermann die Präludien von Marianne Vogelsang mit Nils Freyer weiter einstudieren werde, wurde auch unter diesen Umständen die weitere Förderung des Projektes bestätigt. Ralf Stabel antwortete kurz: „Wir machen weiter – jetzt erst recht!“

So wird zum Dresdner Bachfest 2016 aus dem als „Ein Abend für Marianne Vogelsang“ geplanten Projekt im Societaetstheater am 29. und 30. September nun „Ein Abend für Marianne Vogelsang und Manfred Schnelle“, und dies dürfte ganz sicher in seinem Sinne sein.

Von Boris Gruhl

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