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Der Dresdner Schaubudensommer zwischen Spiellust, Ballfrust und Neustadtchaos

Gardinenkunst als Kulturgrenze Der Dresdner Schaubudensommer zwischen Spiellust, Ballfrust und Neustadtchaos

Es ist die XIX. Edition vom Scheune-Schaubudensommer, der per Untertitel als „Internationales Festival für Theater, Vergnügen und Musik“ sein Spektrum hinreichend beschreibt. Und es ist die erste mit dem neuen Scheunevorplatz, dessen zweidimensional geschwungene Betonmauer sich als beliebte Sitzgelegenheit entpuppt.

Eine Zuschauerin (links) begutachtet Dr. Klein und die Miss Fits und ihr Programm „Come in and peep the show“, noch bis 17. Juli zu sehen.

Quelle: Andreas Weihs

Dresden. Es ist die XIX. Edition vom Scheune-Schaubudensommer, der per Untertitel als „Internationales Festival für Theater, Vergnügen und Musik“ sein Spektrum hinreichend beschreibt. Und es ist die erste mit dem neuen Scheunevorplatz, dessen zweidimensional geschwungene Betonmauer sich als beliebte Sitzgelegenheit entpuppt und wo nun wie ehedem hemmungslos gebechert, also eigentlich geflascht, wird.

Dahinter haben Muriel Cornejo und Cèsar Olhagaray, die hinten im Scheunegarten „Neustadts Odysee“ aus chilenischer Sicht darbieten, eine zarte Gardinengrenze gespannt, die sich auch in Lautstärke und Jargon ausdrückt und die nun während des Budenzaubers täglich bis 20 Uhr kosten- und visafrei überwindbar ist. Der Ausgangsstempel, der zum Einreisepass in die drei Satelliten namens Groovestation, Projekttheater und Thalia-Zelt wird, kostet danach als Platz-Obolus zweieinhalb Euro, die Shows selbst als Dreierkarte zwölf Euronen.

Während der Eröffnungsabend trotz Café-Live-Leinwand noch ein wenig unterm verglühenden Fußballpatriotismus litt, steigerte sich der Andrang über Freitag zum Sonnabend enorm, so dass hier, in bester Jahrmarkttradition, Geduld und auch ein wenig Robustheit nicht schadeten, um die beliebtesten der Shows zu sehen.

Denn die Werbung erfolgt lauffeuerartig per Mundpropaganda – und die Homogenität der Meinungen ist erstaunlich. Ein Ausdruck dessen: Die große Zeittafel am Eingang – mit der man sich je nach freien Abenden und in Korrelation zur Gesamtmatrix sein Programm stricken kann, welches möglichst wenig zu verpassen verspricht – erlebte mit weißen Klebebandkreuzchen unerwartete Ergänzungen. So erfuhr Maayan Iungman mit ihrer gepriesenen Knüllpapierpuppenshow „A Paper Tale“ eine Mitternachtszusatzaufführung, bei der die Andrangtraube dreifach zu groß fürs Zelt geriet – selbst mit geschicktesten Methoden aus Nexö-Disko- oder DDR-Oberligazeiten war keine Eindringen in „Le Petit Rouge“ möglich, der Verweis auf morgen, den der schicke Recommandeur mit schwarzer Melone ausrief, konnte nur Unbelesene befriedigen, denn es war der letzte Abend der Berliner Israelin.

Ebenso begehrt sind die Saalshows, für die eigens die überdimensioniert scheinende Feuertreppe als Eingangstrichter genutzt wird. Auch hier empfehlen sich Geduld und genaue Beobachtung, denn es passen mehr Leute als optisch zu vermuten rein in den Saal. Und es gibt künstlerisch kaum Fehlgriffe, sondern meist den Höhepunkt: So boten Cia. Zero en Conducta aus dem Ex-Europameisterland „La Derniere danse de Brigitte“, wobei Julieta Gascón und José Antonio Puchades nicht nur die Oma als lebensgroße Puppe oder als kleines Flugmädchen spielen, sondern selbst geschmeidig tanzen.

Satelliten brauchen noch Gewöhnung

Dabei entführen sie, bezaubernd in der Balance von Witzigkeit, Wärme und Melancholie, in die Abschiedswelt der ehemaligen Tanzfee namens Brigitte – die in ihren hypermodernen Rollstuhl ein Grammophon integriert hat, um sich per Musik oder Spieluhr in die schönsten Phasen ihres Lebens zu beamen. Dem schwelgenden Publikum wird nach dem Endentschlummern sofort jedwede Traurigkeit genommen, weil Oma Brigitte, sicher im Himmel, zum Jazztechnogroove aufwacht und dabei wie eine wilde DJane mit der Scheibe scrascht. Der Andrang – ab heute philosophiert hier je dreimal die Echse, ab Freitag toben dann Anna M. & Cora F. in „Schrödingers Datsche“ – wird nicht nachlassen.

Halb elf, also genau zur Halbzeit der Erlebniswelt, stand draußen vor der Tür auf dem Betonplatz wirklich eine lange rechtwinklige Schlange, während gegenüber in der zum Platz passenden Neueröffnung namens „Ronnys Ranch“ dutzende Junggesellen-Abschiede einen armen Lukas hauten, um ein, zwei Freibier oder gar freien Eintritt zu bekommen, um – wie vom heißeren Animateur versprochen – garantiert nicht ohne Stute nach Hause zu gehen.

Der Weg zu den Satelliten macht den Schritt in die raue, laute Welt der Echtzeitnachtgestalten nötig, wobei diese Institutionen ihre Faible pflegen: die Groovestation der Musik (ab heute: The Beez), das Projekttheater dem Tanz (ab heute: The Guts Company), und das Thalia hat im Garten ein Showzelt (ab heute: der Tscheche Pavel Vangeli mit seinen „Singing Swing Marionettes“ – ganz ohne Hurvinek). Hier gastierte bis Sonntag John Moran aus New York und bot eine Art Hörspiel mit Unplugged-Mimik in vier Figuren – eine Show eher für theaterfremde Freaks, die für andere gedächtnismäßig am Sonnabend, bevor es durch krawallige Szenen zur Bahn ging, von der Hamburger Partyband „Tante Polly“ im vollen Festivalclub überformt ward.

Dresdner Schaubudensommer noch bis 17. Juli täglich ab 19 Uhr.

schaubudensommer.de

Von Andreas Herrmann

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