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Der Dresdner Maler Hubertus Giebe über Techniken, Vorbilder und seine Zeit an der Dresdner Kunstakademie

Der Dresdner Maler Hubertus Giebe über Techniken, Vorbilder und seine Zeit an der Dresdner Kunstakademie

Die Idee zu dieser Serie von Gesprächen entstand, nachdem die Dresdner Kunstakademie den Schriftsteller Volker Sielaff um einen Beitrag zu ihrem 250-jährigen Bestehen gebeten hatte.

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Am 19. November 1989 hielt Hubertus Giebe auf der Demonstration auf dem Dresdner Theaterplatz eine Rede für Meinungsfreiheit, Demokratie und politischen Wandel.

Quelle: W. Melzer

Er wollte einige von denen, die als Künstler oder Lehrkräfte oder beides prägend für diesen Ort der Künste waren oder es bis heute sind, treffen und ihnen zuhören. Hubertus Giebe ist ein Maler von Rang und ein "homo politicus", der sich einmischt in die Debatten seiner Zeit.

Frage: Sie haben von 1974 bis 1976 an der Dresdner Kunstakademie studiert...

Hubertus Giebe: Die Studienplätze waren sehr umkämpft damals, so war ich stolz, an der Schule angenommen worden zu sein. Ich betrat also, nach einer erdrückenden Armeezeit, die heiligen Hallen und wusste: In diesen Ateliers waren einst die von mir verehrten Kokoschka und Dix, Querner und Grundig gewesen. Ich kannte ihre Kataloge, nicht zuletzt Löfflers große Dix-Monografie von 1970 aus Frommholds Verlag der Kunst, seine Fundus-Bücher zur Kunst, es gab das herrliche Kupferstich-Kabinett, gehütet von Werner Schmidt, Dix' ungeheures Kriegs-Triptychon, seine Bildnisse im Albertinum, die Moderne-Ausstellungen der Galerie Kühl ...

Eines Ihrer berühmtesten frühen Werke ist das "Selbstbildnis mit Mohnblumen" von 1974, heute in der Kunstsammlung Freital auf Schloss Burgk zu sehen...

... das damals, als ich es ins Grundstudium mitbrachte, als pessimistisch wahrgenommen wurde. Wir sind doch optimistische Menschen, sagte mir die Dozentin.

Sie haben die Schule dann jedoch aus eigenem Antrieb vorzeitig verlassen. Warum?

Dix' Verismus, sein glänzendes zeichnerisches Handwerk, gewiss auch seine menschensuchende, existentielle Weltsicht lebten wohl in den besten Blättern eines Zeichners wie Gerhard Kettner weiter, aber diese weltoffeneren Kunsthaltungen lernte ich damals noch nicht kennen. Ich war im Grundstudium vier Semester, malerisch herrschte da eine Art Dresdner Postimpressionismus vor; die anderen Traditionen wurden eher kaschiert beiseite geschoben. Dieter Schmidt, der mich einige Jahre später in seiner legendären Galerie Comenius ausstellte, schrieb damals: "Giebe macht seinem Vornamen Ehre. Hubertus, der Jägerpatron. Er ist heftig auf Terrainerkundung. Antrieb ist ein intellektueller Widerspruchsgeist. Er begann antidresdnerisch mit Sachlichkeit statt malerischen Krusten."

Nach dem Grundstudium war ich für die Klasse des Rektors Fritz Eisel vorgesehen, der so etwas wie einen "sozialistischen Realismus" vertrat, sehr dünn, eine Art "Gute-Stube-Infektion" (Ernst Bloch), dorthin wollte ich auf keinen Fall und schrieb einen Antrag auf Exmatrikulation. Man wollte mir das ausreden. Aber ich konnte sehr stur sein. Da stand ich also draußen, bewarb mich beim Verband Bildender Künstler um eine Kandidatur, erhielt (jährlich zu verlängern) immerhin eine vorläufig befristete Arbeitserlaubnis, um nicht asozial zu sein. Später wurde ich in den Verband aufgenommen, aber das waren schon andere Zeiten.

Sie hielten sich in dieser Zeit mit Gelegenheitsarbeiten über Wasser, aber wie ging es dann künstlerisch für Sie weiter?

Ich konnte, schon verheiratet, bald mit kleinem Sohn, 1978 ein externes Diplom an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig ablegen und wurde ein Jahr Meisterschüler bei Bernhard Heisig. Mit der doch deutlich ausgesprochenen Forderung, eine Assistenz anzunehmen (damals wollte niemand die Kärrnerarbeit eines Assistenten machen, man hatte immer da zu sein), was mich dann, vor allem durch die familiäre Situation, paradox an das ungeliebte Haus nach Dresden zurückführte. Ich war dann gern Assistent in der Klasse von Günter Horlbeck, später im Grundstudium. Nach langjährigen Assistentenjahren erhielt ich 1987 eine Dozentur und eine Fachklasse für Malerei und Grafik.

Ich arbeitete im Grundstudium, das wir gründlich reformierten und, bei allem Handwerk, geistig und künstlerisch offen ausrichteten, gut einige Jahre mit dem aus Leipzig gekommenen Johannes Heisig zusammen. Ich glaube, die Studenten schätzten diese, was Zeichnung, Malerei, Maltechniken und Grafik angeht, solide handwerklich fundierte Ausbildung und Lehre, die immer einen Kanon anbot, aber nie ein Dogma. Alte Meister, klassische Moderne, auch die westlichen Entwicklungen wurden diskutiert. Ich schleppte unentwegt alle erreichbaren Kataloge in die Klasse, z.B. aus der Landesbibliothek, wo doch aus der Welt das Wesentliche vorlag. In den Endachtziger Jahren war unter den Rektoren Ingo Sandner, folgend bis nach der Wende Johannes Heisig, eigentlich alles möglich. Claudia Reichardt alias Wanda machte ihre subversiven Klubveranstaltungen mit Filmen, Performances, es gab die legendären Frühlingssalons, die Autoperforationsartisten hatten ihre wilden Auftritte im Kartonsaal unter der Zitronenpresse, die ganze Schule kam und diskutierte. Die immer mal folgenden politischen Prügel steckte Johannes Heisig ein. Man dankte es ihm später nicht.

Wie haben Sie die Zeit um 1990 erlebt?

Zur, in und nach der Wende waren die Studenten (und zahlreiche Lehrer) sehr aktiv. Erregte Diskussionen, endlose Sitzungen, Studentenräte, Teilnahmen an den Demonstrationen, Aktionen in der Stadt gingen Hand in Hand... Aber der kurze Sommer der Anarchie (die es auch war) währte nicht lange, dann zog die neue Regierung bald bürokratische Korsettstangen neuen Rechts, und zwar oft die konservativsten der alten Bundesländer, hier ein. Norbert Göller schrieb in den "Dresdner Neuesten Nachrich-

ten": "Die Studenten standen hinter der Schule, die ein Kessel im Kessel war. Der Druck wurde in künstlerische Reibung, Diskussion und Produktivität umgewandelt. Mit der Wende wich der Druck aus dem Kessel, und der Gemeingeist löste sich auf." Ich kündigte mit dem Ende des Studienjahres 1991, da sich alles wieder verhärtete und erneut verbürokratisierte. Ich sagte schon, ich kann sehr stur sein. Die postmoderne "Endzeitfreiheit" uferlos erweiterter Kunstbegriffe und Moderationen ist nicht meine Freiheit, Lehrhaltung gleich gar nicht. Dazu liebe ich das Wunder, die sehr alte Schönheit der Malerei zu sehr.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 14.03.2014

Volker Sielaff

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