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Der Dresdner Maler Gottfried Körner ist gestorben

Geprägt von Grenzerfahrungen Der Dresdner Maler Gottfried Körner ist gestorben

Gottfried Körner hat für immer den Pinsel und die Radiernadel aus der Hand gelegt. Er wird uns fehlen, der wohlmeinende Grübler und Zweifler, der einem großen künstlerischen Anspruch folgte und seine Mitmenschen zu humanistischen Bekenntnissen herausforderte.

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Gottfried Körner

Quelle: privat

Dresden. Sein Ideal war es, Bilder zu schaffen, die völlig durchdrungen waren von der Erfahrung der Natur, so dass er sich mit ihrem Rhythmus identifizieren konnte. Doch zweifelsohne war er ein moderner Mensch, dem die Versklavung, die der Naturalismus mit sich brachte, wenig Befriedigung bereitete. Stattdessen verfolgte er eine Praxis, die sich auf die Wirklichkeit bezog, ohne zwangsläufig zum Vergleich mit einem unbeschreiblichen, sich mutmaßlich dahinter verbergendem Vorbild einzuladen.

Sein Werk, das er uns hinterlässt, funktioniert innerhalb seines eigenen Bereichs, weder losgelöst von der Wirklichkeit, noch sie vereinnahmend. Mit anderen Worten, bildliche Darstellung war für Gottfried Körner kein Selbstzweck, sondern primär ein Mittel, um Sinneswahrnehmungen und Emotionen in bestimmte Bahnen zu lenken. Er war von seinem Sujet so durchdrungen, so erfüllt, dass er mit geschlossenen Augen zeichnen könnte.

Von der Natur zur Abstraktion - und zurück

Die extremen Grenzerfahrungen des Krieges und der Nachkriegszeit aktivierten die lebensspendenden Kräfte für eine humanistische Weltsicht, die sich in Zeichnungen von expressiv versponnenen, kafkaesk anmutenden figürlichen Lineargeweben offenbarten, in an die Farbe verlorenen Aquarellen sinnlicher Landschaftsimprovisationen, in experimentellen Modellen von raumgreifenden Brunnenanlagen und Wegzeichen. Der Künstler war ein Kolorist, der einen osmotischen Farbrausch in Flächen zu disziplinieren vermochte, die von pulsenden Lineaturen wie ein Aderngeflecht durchzogen waren. So entstand ein lebendiger Bildorganismus, der vom Stoffwechsel der Farben lebt, die sowohl Gleichnisse für Naturphänomene als auch emotionale Stimmungslagen sind. Landschaftserfahrung verschmolz mit Gesellschaftserfahrung.

Leicht und schwer, heiter und beschwingt, melancholisch und sinnlich, Nähe und Ferne assoziierend, in musikalischer Kontrapunktion setzte Gottfried Körner wissend Akzente zwischen einem Noch-Nicht und einem Nicht-Mehr, durchmaß er die Vergänglichkeit und die Ewigkeit, glaubte er an die Verbindung von Licht und Schatten, setzte er persönliche Ausdruckszeichen einer durchschauten Wirklichkeit. Von der Natur ist er einst ausgegangen, um zur Abstraktion zu gelangen, die ihn wieder zu ihr zurückführte.

Es handelt sich um eine ebenso expressive wie harmonische Kunstauffassung, der er sich verbunden fühlte. Seine Bilder sind Gleichnisse von Schönheit, keine Abbilder, vielleicht im Sinne von Ernst Ludwig Kirchner, dem Expressionisten und Brücke-Mitgründer, der sich wie folgt äußerte: "Formen und Farben sind nicht an sich schön, sondern die, welche durch seelisches Wollen hervorgebracht sind."

1927 wurde Gottfried Körner in Werdau geboren. Er gehörte zu der Generation, die durch die Kriegserlebnisse unwiderruflich geprägt wurde. Von 1951 bis 1956 studierte der gelernte Lithograf an der Hochschule für Bildende Künste in Dresden Malerei und Zeichnung. Zu einer Zeit also, als die öffentliche Kunstmeinung von der unseligen Formalismusdiskussion geprägt war, die das Werk zahlreicher Künstler ausgrenzte und diffamierte, die sich dem starren Rahmen des sozialistischen Realismus widersetzten.

Gottfried Körner bewahrte sich seine Träume. Er experimentierte. In den 60er und 70er Jahren entstanden konstruktivistisch akzentuierten Modelle für Brunnen und Wegzeichen, denen das spannungsvolle Wechselspiel und Ineinandergreifen von Konkav- und Konvexformen zugrunde lag. Stilbrüche kennt sein Werk nicht. Er ist sich und seinem Werden treu geblieben. Selbst die älteren Monotypien tragen Elemente in sich, die man in den späteren Arbeiten wieder entdeckt. Leuchtendes Farbgewebe ist für die Aquarelle von Gottfried Körner typisch, lebensbejahend und doch voller Melancholie.

Alles geht ohne Bruch ineinander über

Der Künstler war dem Atmosphärischen und dessen geheimnisvoller Durchlichtung auf der Spur. Er dichtete, träumte, musizierte mit der Farbe und gewann ihr faszinierende Klänge ab. Er ließ sich mitreißen von der Poesie des Augenblicks. Man erahnt zuweilen, dass das Licht der Mittagszeit weicht und das sanfte Licht eines bevorstehenden nächtlichen Schimmers bereits funkelt, um dann mit donnernder Gewalt und dynamischer Kraft zurückzukehren, wenn sich das Feuer mit dem Tag vermählt. Sonne und Mond spiegeln sich wieder in den weiten Horizonten, Felsformationen sind sichtbar, die Hügel der erfahrenen Mittelsgebirgswelt. Und würde man die Einzelblätter zu einer Ganzheit zusammenfassen, würde man überrascht sein, dass sich kein Bruch ergibt. Alles geht ineinander über. Alles gehört zusammen. 2006 thematisierte Gottfried Körner das flammende Inferno vom 13. Februar 1945 und auch den Neubeginn. Er trug seine Vergangenheit mit sich und auch seine Tradition. Er gab sich seinem Gefühl von Rhythmus und Farbe hin, aber er gab sich nicht aus der Hand. Er hinterlässt eine eigenständige künstlerische Spur, die ihn unvergessen macht.

von Karin Weber

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