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Der Dresdner Lyrikpreis geht an die Tschechin Simona Rackova und den Kölner Guy Helminger

Verleihung Der Dresdner Lyrikpreis geht an die Tschechin Simona Rackova und den Kölner Guy Helminger

Alle zwei Jahre wird in Dresden der Dresdner Lyrikpreis verliehen – 2016 bereits zum 11. Mal. Acht Autorinnen und Autoren aus Tschechien, Deutschland und Österreich, die von einer Vorjury aus 700 Bewerbern ausgewählt wurden, stellten dem Publikum und der Hauptjury im Literaturhaus Villa Augustin eine Auswahl ihrer Gedichte vor.

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Simona Racková und Guy Helminger teilen sich in diesem Jahr den Dresdner Lyrikpreis. Der Wettbewerb war Programmpunkt der Tschechisch-Deutschen Kulturtage.

Quelle: Tomas Gärtner

Dresden. Laudator Urs Heftrich traf den Nagel auf den Kopf: Bei einem zweisprachigen Wettbewerb sei kein besseres Ergebnis vorstellbar, meinte der Heidelberger Slawist. Der mit 5000 Euro dotierte Dresdner Lyrikpreis geht in diesem Jahr zu gleichen Teilen an die tschechische Lyrikerin Simona Racková und den in Köln lebenden Dichter Guy Helminger.

Lea Schneider bescheinigte Simona Rackovás Gedichten großen Mut und Ehrlichkeit. Als Preisträgerin von 2014 saß die Berliner Dichterin in diesem Jahr in der siebenköpfigen Hauptjury. Diese Gedichte, sagte sie, sprächen von Themen und verwendeten Sprachregister, die im literarischen Kanon verpönt seien, hätten keine Angst vor Unfertigkeit, Versuchhaftigkeit, Offenheit und Verletzlichkeit. Traurig seien sie, doch selbstbewusst. Manchmal wählten sie Albernheit als Waffe gegen das Zum-Schweigen-Gebracht-Werden. „Wie hier Klanglichkeit, Klangassoziationen, Wortspiele und aus verschiedenen Tanzstilen entlehnte Rhythmen den Inhalt der Texte formen, ohne ihn zu überformen – das ist absolut bemerkenswert.“ Eine weibliche Stimme spreche auf eigene Weise, ohne Klischees zu bedienen, auch über Mutterschaft und weibliche Körperlichkeit.

In „Wäre ich Sylvia Plath“, einem ihrer Gedichte, denkt Simona Racková am Ufer des Pazifik über Selbstmord nach, spricht von der Küche als „Raum ohne Trost“ und resümiert: „wir bleiben für immer allein“. In anderen Versen findet man solch ungewöhnliche Wendungen wie das Knirschen des Schnees, das den Mond zweiteilt, „wie auch einen Parmesanlaib, wenn er richtig reif ist“. Selbstbewusst verlassen „nasse Tänzerinnen, feurige Hysterikerinnen“ das Spiel.

Sie ist Jahrgang 1976, hat schon als Sechsjährige Gedichte geschrieben, wie sie im Gespräch mit der Prager Journalistin Bára Procházková sagte, die virtuos sowohl moderierte als auch selbst vom Deutschen ins Tschechische wie umgekehrt dolmetschte. „Gedichte sind ein Teil meiner Identität.“ Übertragen wurden sie bereits ins Englische, Portugiesische, Italienische, Serbische und nun für diesen Wettbewerb erstmals von Anne Hultsch so überzeugend auch ins Deutsche.

Guy Helminger, 1963 in Luxemburg geboren, seit 1985 Kölner, schreibt außer Gedichten (2010 gesammelt unter dem Titel „Libellenterz“ bei Editions Phi), auch Romane, Theaterstücke, Hörspiele und moderiert literarische Veranstaltungen. Sein Vortrag kam so gut an, dass er gleich auch noch den Preis des Publikums bekam. In Gedichten wie „Einkauf“ verwandelt er eine banale Alltagssituation zu einer mehrsträngigen Geschichte, wie Urs Heftrich verdeutlichte: „eine ganze Lebensgeschichte und eine katholisch anmutende Mischung von unterdrückter Erotik und Gottesdienst“. Da zeige sich die Stärke dieses Dichters: „Er versteht es, aus kleinen, präzisen Beobachtungen seiner Umgebung einen Funkenregen von Assoziationen zu schlagen.“ Voller Kühnheit lasse er „aus einer Mikrosituation das große Drama von Verlangen nach Verbotenem mit anschließender Sublimation aufsteigen“. Bemerkenswert sei aber zugleich sein Humor, mit dem er dieses Drama allen Pathos’ beraube. „Wer dieses Gedicht gelesen hat, wird seine Bäckerei um die Ecke künftig mit anderen Augen sehen.“ Eine Art „Helminger-Effekt“, wie Heftrich meinte.

Eng zusammenrücken mussten die Zuhörer bei der Wettbewerbslesung in Dresdens Villa Augustin, so groß war das Interesse diesmal. Sehr unterschiedliche, doch durchweg überzeugende lyrische Stimmen konnten wir vernehmen. Seien es die mythologisch grundierten Verse von Andrea Lydia Stenzel (Göttingen) in klassischen Rhythmen, seien es Dan Jedlickas (Opava) lyrische Auskünfte aus der uns umgebenden „binären Realität“, Anja Kampmanns Landschaftsgedichte, in die als Assoziationen jäh Waffengewalt einbricht, Helwig Brunners (Graz) sich in Anmerkungen verzweigende Wortbildwelten oder Martin Simeks (Pilsen) von japanischer Lyrik, Jan Skácel oder Rilke inspirierte Verse über Augenblick und Ewigkeit.

Mit ihrer unverstellten Offenheit, ihren religiösen und wissenschaftlichen Suchbewegungen ließen besonders auch die Gedichte von Carl-Christian Elze (Leipzig) aufhorchen. Sein Gedichtband „diese kleinen, in der luft hängenden, bergpredigenden gebilde“, dieses Jahr im Verlagshaus Berlin erschienen, ist eine Empfehlung für jene, die weite Assoziationshorizonte schätzen. In ihrem eindringlichen Sound nehmen sie uns mit ins Nachdenken über Angst und Tod. Dabei schreiten sie gewaltige Räume aus. Sie bewegen sich zwischen Schnellimbiss, Molekülen, dem Starren auf ein „stück waldboden“ und lassen uns abheben in Galaxien.

Signum Sonderheft 18, Dresdner Lyrikpreis 2016. Hrsg. von Norbert Weiß. 84 S., 8,20 Euro

Von Tomas Gärtner

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