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Der Dresdner Kunsthistoriker Jürgen Müller hat das Buch "Die besten TV-Serien" vorgelegt

Interview Der Dresdner Kunsthistoriker Jürgen Müller hat das Buch "Die besten TV-Serien" vorgelegt

Der Dresdner Professor Jürgen Müller hatjetzt das erste umfassende Buch zur Entwicklung der TV-Serie veröffentlicht. Jörg Goedecke traf ihn zu einem Gespräch in der Filmgalerie "Cookino" in Dresden-Striesen.

 Eine der besten Serien der vergangenen Jahre: „Breaking Bad“ mit Bryan Cranston und Anna Gunn.

Quelle: F. Ockenfels/ Sony Pictures/dpa

Dresden. Die TV-Serie hat den vergangenen Jahren eine beeindruckende Entwicklung durchgemacht. Seit dem letzten Jahrzehnt werden TV-Serien wie aufwändige Kinofilme produziert und immer beliebter. Vor allem US-Serien wie "Breaking Bad", BBC-Serien wie "Downton Abbey" oder "Sherlock" und skandinavische Produktionen sind darin Vorreiter. Der Dresdner Professor Jürgen Müller hat dazu jetzt das erste umfassende Buch veröffentlicht. Jörg Goedecke traf ihn zu einem Gespräch in der Filmgalerie "Cookino" in Dresden-Striesen.

Frage: Vielen Dank für dieses Treffen hier in der Striesener Filmgalerie. Auf dem Tresen stehen die neuesten TV-Serien zur Ausleihe. Sie sind also mit Ihrem neuen Buch "up to date". Sind Sie ein eingefleischter Serienfan?

Jürgen Müller: Ja. Ich halte die Entwicklung im Bereich TV für sehr interessant und das Kino hat es im Moment schwer, sich gegen solch erfolgreiche Produktionen wie "True Detective" oder "Breaking Bad" zu behaupten. Allerdings habe ich nicht immer so viel Zeit, alle aktuellen Serien zu schauen und auf dem Laufenden zu bleiben. Das Angebot ist mittlerweile riesig.

Ein Kritiker hat zu Ihrer Publikation die Frage gestellt: "Ist das noch ein Buch oder schon ein Denkmal?". Wollten Sie und ihr Team der TV-Serie ein Denkmal setzen?

Nein, das Buch ist kein Denkmal, es dient der Orientierung für Leute, die nach der passenden Unterhaltung suchen. Die Texte zu den Serien sind großartig geschrieben, es gibt eine Menge Bildmaterial. Das Buch leistet eine wichtige Entscheidungshilfe für die Frage: Welche Serie könnte mich interessieren?

Wim Wenders, der bekannte deutsche Filmregisseur (The Million Dollar Hotel, Der Himmel über Berlin), sagte in einem Interview: "Serien sind das neue Kino." Würden Sie dem zustimmen?

Auf jeden Fall. Und es ist ja nicht nur Wenders, der das bemerkt hat. Viele berühmte amerikanische Regisseure arbeiten mittlerweile für das Fernsehen und nutzen die Möglichkeit serieller Formate. Die Frage ist, ob Wenders etwas über den schlechten Zustand des Kinos sagen wollte. Das ist schwierig zu sagen, aber bisher fand ich unser Kinojahrzehnt nicht besonders attraktiv.

Sind in Ihren Augen die TV-Serien das neue Medium für Kreativität und Innovation und revolutionieren das "alte" Kino?

Nein, auf keinen Fall. Das Fernsehen übernimmt viele Errungenschaften des Kinos, aber vielleicht ist die Frage auch falsch gestellt. Serien sind heute ja nicht mehr an einen Fernseher und einen Sendetermin gebunden. Jeder Computer, jedes Smartphone erlaubt ihnen, TV-Serien zu schauen. Der Erfolg der Fernseh serie ist nicht zu trennen vom Siegeszug digitalisierter Bilder.

Wo liegt die neue Qualität?

In der erzählerischen Präzision. Eine Erzählung kann einen Charakter nicht so komplex schildern wie ein Roman, also die zur Verfügung stehende Zeit beeinflusst die Möglichkeiten, Spannung zu erzeugen und Nebendarsteller zu inszenieren, eine Entwicklung darzustellen. All das benötigt größere Zeiträume.

Haben sich mit den TV-Serien die Zuschauer verändert?

Absolut. Es gibt den englischen Ausdruck Binge Watching, was man vielleicht am besten mit Koma-Glotzen übersetzen könnte. Das heißt, man kann eine Serie an einem ganzen Wochenende ununterbrochen durchschauen. Also man kann Serien heute so schauen, wie man früher einen spannenden Roman geschmökert hat. Man wird so in die erzählte Welt hineingezogen, dass man unbedingt wissen möchte, wie es weitergeht.

Mit welcher TV-Serie fing dieses Genre an und wie hält sie sich im Vergleich zu den aktuellen?

Die Frage nach dem Ursprung ist schwierig zu beantworten. Wir haben uns dafür entschieden, mit "Twin Peaks" und den "Simpsons" einzusetzen, das heißt wir behandeln die letzten 25 Jahre. Aber natürlich gibt es Serien, die auch davor schon ein hohes Niveau geboten haben.

Gibt es gute TV-Serien aus deutscher Produktion? Die Serie "Türkisch für Anfänger" war doch in der jüngeren Generation ein guter Erfolg. Oder kann man den "Tatort" auch als Serie betrachten?

Also die Serie, die mir in diesem Zusammenhang einfällt, ist von Edgar Reitz und heißt "Heimat". Dieser Mehrteiler wurde fürs Fernsehen inszeniert und war ein großer Erfolg. Reitz erzählt die Geschichte einer deutschen Familie im 20. Jahrhundert aus dem Hunsrück und hat großartige Charaktere entwickelt. Heimat hat in den 80ern ganz Europa verzaubert.

Die Attraktivität von Serien speist sich auch in einer gewissen Großstadtromantik. Städte als Orte, die Menschen individualisieren und die sich dann in langen Serienfolgen ein familiäres Dazugehörigkeitsgefühl abholen?

Natürlich spielen Städte wie New York eine große Rolle und selbstverständlich hat die Situation eines Singles, der gleichzeitig ein Großstädter ist, eine unbezweifelbare Wichtigkeit. Aber Serien erzählen nicht über Großstädte, sondern über die moderne Welt. Darüber, was uns bewegt und berührt.

Woran liegt es, dass die Amerikaner die Nase so weit vorn haben?

Da wird eindeutig mehr Geld in die Hand genommen. Serien wie "Game of Thrones" verschlingen Unsummen und stellen eine große Investition dar, die unsere öffentlich-rechtlichen Sender so nicht leisten können. In Amerika ist der Zusammenhang zwischen Kunst und Unterhaltung natürlicher als bei uns. Wir fragen uns immer "Ist das schon Kunst?" oder wir denken, dass dies schon keine Kunst mehr sei, weil damit Geld verdient wird. So etwas macht die Sache nur kompliziert. Alfred Hitchcock, der große britische Regisseur, hatte sicherlich die Vorstellung, ein Künstler zu sein. Aber er war beleidigt, wenn seine Filme nicht beim großen Publikum angekommen sind.

Als letzte Frage: Welche TV-Serie ist Ihr Liebling?

Zwei. Ich habe sehr gern "Breaking Bad" und "House of Cards" gesehen. Aber natürlich ist das wie mit dem Kino auch, besonders gute Filme schaut man sich mehrfach an, aber man liebt auch alle anderen.

Prof. Dr. Jürgen Müller hat den Lehrstuhl für Mittlere und Neuere Kunstgeschichte an der Technischen Universität Dresden inne. Er veröffentlichte Aufsätze und Bücher zu Kunst- und Filmgeschichte und ist Herausgeber der Film-und TV-Serienbuchreihe bei TASCHEN.

"Die besten TV-Serien", Verlag TASCHEN, 744 Seiten, 49,99 Euro

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