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Der Dresdner Künstler Günther Hornig ist im Alter von 79 Jahren gestorben

Ein einzigartiges Lebenswerk Der Dresdner Künstler Günther Hornig ist im Alter von 79 Jahren gestorben

Er hat ein einzigartiges Lebenswerk geschaffen: der Dresdner Künstler Günther Hornig. Am Sonntag ist er nach schwerer Krankheit im Alter von 79 Jahren gestorben. Die Kunsthistorikerin Susanne Altmann würdigt Günther Hornig in einem Nachruf in den DNN.

Günther Hornig 2014 im Atelier vor einem Selbstbildnis von 1961.

Quelle: LÄKEMÄKER Berlin

Dresden. April 2016 im Atelier von Günther Hornig: Es wird eng für mehr als drei Personen, denn hier schichtet sich ein einzigartiges Lebenswerk wie in einer engen Zeitkapsel aneinander. Während die starkfarbigen Reliefbilder und die kühnen Turmskulpturen eine ausgesprochen heitere Stimmung ausstrahlen, wirkt der 79-Jährige ein wenig ratlos in der selbstgeschaffenen Fülle. Mehr zu sich selbst als zu den Besuchern sagt er: „All die Jahre arbeitet man und jetzt drängt sich alles in diesem einen Raum.“ In Hornigs Worten schwingt Wehmut mit und die Sorge um die Zukunft seiner Arbeiten. Es ist wahr, diese Schöpfungen, die so jung, frisch und zeitgemäß wirken, sollten ein viel größeres Publikum haben, denke ich und: Eine wahre Wiederentdeckung für die Gegenwart und für die Kunstgeschichte der poetischen Geometrie wäre das. Doch andererseits ist wohl kaum ein anderer Dresdner Künstler so ungebrochen präsent bei der jüngeren Generation wie er: Sein geistiges Erbe befindet sich einem höchst lebendigen Umlauf; unzählige Schüler hat er mit seinem Wissen, seiner Energie und seinen unkonventionellen Ideen bis heute geprägt. Ich spreche diesen Gedanken aus, an jenem sonnigen Nachmittag im Loschwitzer Künstlerhaus. Ob ihn das getröstet hat? Ein paar Schülernamen fallen. Die meisten von ihnen habe ich dieser Tage angerufen und gebeten, ihre Erinnerungen an einen großartigen, ja legendären Lehrer mit mir zu teilen. Denn letzten Sonntag ist Günther Hornig verstorben, nach schwerer, kräftezehrender Krankheit.

Bei allem Kummer fällt es leicht, diesen wunderbaren Künstler jetzt mit rückhaltloser Bewunderung und Respekt zu würdigen. So leicht, wie eine seiner komplexen, aber fragilen Konstruktionen aus Karton anzuheben. Denn ihm war im März 1937 in Bitterfeld nicht nur ein großes künstlerisches Talent in die Wiege gelegt worden, sondern ebenso ein angenehmes, sanftes Wesen; eine natürliche Art, sein Gegenüber ernst zu nehmen, kombiniert mit wacher Neugier und Humor. Das sind Eigenschaften, die einen guten Pädagogen ausmachen. Günther Hornig hat von mindestens 1968 bis zu seiner Emeritierung 2002 ununterbrochen an der Dresdner Kunsthochschule unterrichtet, erst ab 1993 mit einer längst verdienten Professur. „Er wirkte auf uns jugendlich, encouragierend, etwas melancholisch. Wie ein väterlicher Freund“, erinnert sich Henrik Schrat, der ab 1991 bei ihm studierte. Und Else Gabriel, um 1985 Mitbegründerin der bekannten Künstlergruppe Autoperforationsartisten, erklärt kategorisch: „Ohne ihn hätte es uns so nicht gegeben. Seine Lehre im ersten Semester fiel bei uns wie Regen auf ausgedörrten Boden, und als er im nächsten Semester krankheitsbedingt ausfiel, haben wir die plötzliche Leere der Lehre in seinem Sinne gefüllt.“ Aus vier aufmüpfigen Bühnenbildstudenten namens Gabriel, Brendel, Lewandowsky, später auch Görß, formierte sich eine konzeptuelle Truppe, die jene Farb- und Gestaltexperimente, die ihnen ihr Dozent verordnet hatte, nun auch in den Raum ausweiten wollte und sich, zum Unmut des restlichen Lehrkörpers, dabei auf Hornig berief. Derlei Aufruhr mag Letzteren nicht wirklich beglückt haben, hatte er doch im Grundlagenstudium der Szenografie nicht nur eine Nische gefunden, die ihm weitgehend unreglementiertes Unterrichten sowie die Existenz sicherte. Zudem konnte er hier sein eigenes Schaffen verfolgen, das für damalige Verhältnisse ziemlich sensationell war und es bis heute bleibt.

Günther Hornig

Günther Hornig. Ohne Titel. 1985. Galerie Gebr. Lehmann

Quelle: Galerie Gebr. Lehmann

Natürlich kannten seine Studenten, die er gelegentlich zu sich einlud, diese Arbeiten: Raumtafeln, in denen sich Chaos und Ordnung planvoll durchdringen; Collagen, die ärmliche Alltagsmaterialien zu Kunst veredeln; dreidimensionale Konstruktionen aus Gitternetzen wie endzeitliche Bühnen und immer wieder Türme. Diese stehen zweifellos in der Tradition der sowjetischen Avantgarde und deren utopischen Hoffnungen für eine bessere Welt. Doch Günther Hornig hat, wie viele seiner konstruktivistisch arbeitenden Kollegen, nicht zuletzt sein zeitweiliger Nachbar Hermann Glöckner, derlei Formen von inhaltlichen Projektionen befreit. Ganz klar, dass eine solche Autonomie des Gestaltens den Kunstideologen der DDR suspekt war. Matthias Runge, heute Ausstellungsgestalter und 1988 Bühnenbildstudent, sagt: „Beeindruckt merkten wir, dass man seine Arbeitsweise der unablässigen Störung einer Ordnung auf die Gesellschaft übertragen konnte.“ Diese rebellische Symbolik blieb also nicht unbemerkt. Kompromisslos und unbestechlich arbeitete Hornig weiter und nahm in Kauf, dass seine Werke nur einem kleinen Kreis bekannt waren. Unaufhörlich experimentierte er und durchbrach beherzt die Grenzen der reinen, konkreten Kunst. Als einstigem Theatermaler und praktizierendem Bühnenbildner war ihm die Fläche allein zu eng. Diese gleichsam transdisziplinäre Freiheit war für offizielle DDR-Verhältnisse unerhört, aber gleichzeitig auch ungewöhnlich für die traditionelle Dresdner Malkunst, die auf stimmungsvolle, meist gegenständliche Botschaften setzte. Insofern musste seine Art der Eigenständigkeit doppelt fremd erschienen sein. Genau darin liegen auch der Reiz und der Wert seiner Arbeiten für uns heute. Ihre künstlerische Relevanz und ihre faszinierende Zeitlosigkeit sind untrennbar mit einer unbeirrbaren Persönlichkeit verbunden. Ein Ausnahmekünstler. In Günther Hornig findet dieser vielstrapazierte Titel einen mehr als würdigen Träger. Und ich bin mir sicher, dass auch der gern prophezeite Nachruhm im Falle Hornig keine Trostfloskel bleibt. Traurig nur, dass der Meister seine Atelier schon verlassen hat.

*Susanne Altmann ist Kunsthistorikerin in Dresden. Am 29. Oktober eröffnet die von ihr kuratierte Ausstellung „Virus Form. Geometrisches aus Dresden von 1920 bis 2016“ u.a. mit Arbeiten von Günther Hornig in der Galerie Gebr. Lehmann.

Von Susanne Altmann*

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