Volltextsuche über das Angebot:

19 ° / 10 ° wolkig

Navigation:
Google+
Der Dresdner Kreuzchor feiert sein 800-jähriges Bestehen

Interview mit Kreuzkantor Kreile Der Dresdner Kreuzchor feiert sein 800-jähriges Bestehen

Mit einem Festakt wird am 4. März 2016 in der Semperoper das 800-jährige Bestehen des Dresdner Kreuzchores gewürdigt. Der Traditionschor begeht dieses Jubiläum gemeinsam mit der gleichaltrigen Kreuzkirche und der Kreuzschule. DNN sprachen mit Roderich Kreile, der seit 1997 als nunmehr 28. Kreuzkantor im Amt ist.

Der Dresdner Kreuzchor in der Kreuzkirche.
 

Quelle: Marko Förster/dpa

Dresden.  Mit einem Festakt wird am 4. März 2016 in der Semperoper das 800-jährige Bestehen des Dresdner Kreuzchores gewürdigt. Der Traditionschor begeht dieses Jubiläum gemeinsam mit der gleichaltrigen Kreuzkirche und der Kreuzschule. Jahrhunderte lang gehört der Kreuzchor zu Dresden und ist ein identifikationsstiftendes Kulturinstitut der Stadt. Es gab gute Zeiten, aber auch solche, die durch Krieg und ideologische Repression gekennzeichnet waren. Auch heute ist der Kreuzchor ein weit über die Grenzen Dresden hinaus bekanntes „Kulturgut“, in dem junge Menschen Bildung und Förderung erfahren. Ein Interview mit Roderich Kreile, seit 1997 als 28. Kreuzkantor im Amt.

Frage: Kreuzchor, Kreuzkirche und Kreuzschule feiern 2016 ihr 800-jähriges Bestehen. Bedeutet eine solche Respekt gebietende Tradition Bürde oder Anregung?

Roderich Kreile: Es ist keine Bürde, sondern eine Verpflichtung, sich mit der Tradition auseinanderzusetzen. Indem wir überprüfen, welche Stränge unseres Wirkens erhaltenswert und auszubauen sind und wo wir korrigieren müssen. Zum anderen ist es Motivation, Inspiration, vor allem zu einem Zeitpunkt, wo ich den Eindruck habe, der Kreuzchor ist so aufgestellt, dass wir uns in Ruhe den Zukunftsplanungen widmen können. Wir haben eine stabile Nachwuchssituation, wir sind gefragt, es geht uns gut.

Diese Bestandsaufnahme machen Sie doch aber nicht nur, wenn ein 800. Jubiläum ansteht. Was ist der Kreuzchor im 21. Jahrhundert, und wie muss er sich entwickeln, um auch noch das 22. Jahrhundert zu erleben?

Seine Stärke ist das Wirken für Menschen, und damit meine ich nicht nur das Publikum. Die uns anvertrauten Jungen erhalten hier einen besonderen Bildungsweg, der von musischer und musikalischer Bildung geprägt ist. Zum anderen prägt uns das Zusammenwirken sowohl mit dem evangelischen Kreuzgymnasium, das für die solide Schulbildung zuständig ist, als auch mit der Kreuzkirche, die uns immer wieder an unsere geistig-geistlichen Wurzeln erinnert. Das sind unsere Stärken, nach denen, wie ich glaube, eine Gesellschaft auch in Zukunft dürsten wird. Wie es der Bundespräsident in seinem Wort zum Kreuzchor formuliert: Das Gefühl, dass die Seelen vieler Menschen Nahrung brauchen und dass der Kreuzchor seit langem und hoffentlich für sehr lange Zeit ein Medium ist, das den Seelen Nahrung geben kann. Wenn das so ist, dann muss ich mir keine Sorgen machen. Wir sind keinen Moden unterworfen.

Eine christlich-humanistische Bindung bleibt auch in Zukunft die Basis für den Kreuzchor?

Christlich-humanistische Traditionen bedeuten, dass man die Würde des Menschen, den Wert eines jeden einzelnen Menschen wahrnimmt und respektiert. Und auf andere Menschen zugeht. Das bedeutet auch, in der eigenen Lebensführung ein gewisses Maß zu halten, Achtsamkeit, Sensibilisierung auf sich und dadurch die Fähigkeit, Empathie für andere Menschen zu erleben. Ich sehe zu christlichen und humanistischen Werten keine Alternative. Wir müssen der Situation Rechnung tragen, dass das gesellschaftliche Umfeld diese Prägung nicht in ausreichendem Maße hat. Wir sind ein städtisches Institut, weltanschaulich offen, wir fragen nicht, ob jemand Atheist, Mohammedaner oder Katholik ist, wobei ich das durch eine solche Aufzählung nicht einander gleichsetzen will. Alle Kinder sollen die Möglichkeit haben, bei uns mitzuwirken. Wir setzen nur die Bereitschaft voraus, ernsthaft mitzumachen, verlangen aber nicht, alles zu glauben, was wir tun. Auf der anderen Seite sind unsere Werte ein attraktiver Grund für Eltern, ihr Kind in den Kreuzchor zu geben.

Viele der Kruzianer heute sind nicht christlich gebunden, die Werke aber wohl, die der Chor Woche für Woche singt. Wie vermitteln Sie den Kindern und Jugendlichen den Inhalt, damit sie verstehen und interpretieren können, was sie singen?

Diese Frage beschäftigt uns immer wieder. Erst einmal: Wer lotet den Inhalt der bedeutenden geistlichen Werke, die wir singen, aus. Manche Kinder haben einen ganz unmittelbaren Zugang dazu, müssen es nicht analysieren, aber sie spüren die lebensbejahende, lebensweisheitsgeprägte Tiefe, die in vielen Werken liegt. Es gibt für mich nichts Beglückenderes, als wenn ein Viertklässler bei uns einfach seine Freude bekundet, wenn er Schütz singt. Das hat mich fasziniert, als ich hier anfing, und es fasziniert mich heute noch. Die Älteren, die ein etwas kirchendistanzierteres Verhältnis haben, die können diese Texte auf andere Weise als wichtig für ihr Leben begreifen. Manchmal erlebe ich, dass ein Junge sich hier taufen und konfirmieren lässt, und die Eltern mit dazu. Auch das, was wir in unserem Festakt singen, ist geistliche Literatur, das ist unser Wesen.

Nicht in allen Familien sind Toleranz und Respekt Grundpfeiler der Erziehung. Die Widersprüche in der Gesellschaft treten deutlicher denn je zu Tage. Müssen Sie da manchmal „nacharbeiten“?

Meine Position zu den Ereignissen, die Dresden und Sachsen in ein ungutes Licht rücken, ist klar. Der Chor weiß, wo ich stehe. Ich gehe erst einmal davon aus: Alle besuchen das evangelische Kreuzgymnasium, sind also mit Werken befasst, die eine humanistische Weltsicht vermitteln. Ich habe da noch keine Konfrontation mit den jungen Menschen erlebt oder dass andere Einflüsse deutlich wurden. Man kann natürlich nicht auf den Grund jeder Seele schauen, aber ich habe erst einmal ein Grundvertrauen in das, was wir tun.

Zwischen älteren ehemaligen Kruzianern gibt es oft einen Zusammenhalt über die Chorzeit hinaus. Ist das auch heute noch so?

Ja. Es gibt bestimmte Momente im Jahr, da kommen und treffen sich die Ehemaligen. Klar haben Abgänger erst einmal eine andere Schwerpunktsetzung in ihrem Leben, aber es wird deutlich, dass sie voneinander und umeinander wissen und dass da eine starke Gemeinschaft ist. Es ist ein bisschen wie ein Biotop, in dem sich der Kreuzchor als Beziehungsgeflecht zwischen Heranwachsenden entwickelt. Das sind feine Kommunikationsformen, die bei den meisten ein Leben lang prägen und halten.

Wir leben in Zeiten vermeintlich unbegrenzter Freiheiten. Wie vermittelt man jungen Kruzianern, mit dieser neuen Freiheit umzugehen?

Sie ist tatsächlich schwer begrenzbar und schwer kontrollierbar. Man kann Regeln aufstellen, man kann appellieren und, wenn nötig, restriktiv vorgehen. Sich dazu zu positionieren, ist schwierig. Das nimmt einen breiten Raum ein. Aber da sind Kruzianer nicht anders als andere Jugendliche. Ein völlig restriktives Vorgehen ist undenkbar. Wir wissen, was wir leisten können, und wir wissen, dass wir an Grenzen stoßen. Da müssen wir mit Eltern und Schule zusammenarbeiten, das hat sich noch intensiviert.

Hat das 800. eine besondere Bedeutung für den einzelnen Kruzianer?

Ja, die meisten sind stolz, dass sie das Jubiläum in ihrer Kruzianerzeit erleben. Das Konzert im Stadion zum Beispiel war etwas ganz Besonderes für die Jungs.

Das Jubiläum mit vielen Auftritten und weiten Konzertreisen bedeutet für die Kruzianer aber auch eine extreme Belastung...

In bestimmten Stoßzeiten kommt das vor. Aber wir haben ja, was die Anzahl der Auftritte des Chores angeht, in den letzten Jahren reduziert.

Vor allem im liturgischen Bereich...

Gleichmäßig, auch bei den Konzerten. Wir machen vielleicht in dieser Saison einige Vespern und Gottesdienste weniger. Aber wir versuchen, mit weniger Auftritten dennoch mehr Leute zu erreichen. Die Motivation der Kinder muss stimmen. Freilich gibt es in diesem Schuljahr schon ein sehr straffes Programm. Wir sind eine Lebensgemeinschaft, die besonderen Forderungen ausgesetzt ist, die leisten und bestehen muss. Aber wir sind alle überzeugt, dass es sich lohnt.

Was ist die Daseinsberechtigung, das Besondere eines Knabenchores in Zeiten von Genderisierung und Gleichberechtigung?

Gerade die Genderfrage kann die Existenzberechtigung von Knabenchören begründen. Um die Ecke gedacht: Wir haben eine überwiegend weiblich geprägte Pädagogik, und dass man männliche Rollenvorbilder hat in pädagogischer Arbeit, ist wichtig. Und es gibt tatsächlich Jungen, die sehr gern singen. Aber das schafft man nicht, indem man sie mit gleichaltrigen oder älteren Mädchen mischt. Eigentlich ist das Singen in einem Knabenchor wie im Fußball: eine Mannschaft, die ehrgeizig ist und etwas erreichen will. Engelsgleiche Stimmen von Knaben? Über das rein Musikalische und Klangliche wurde ja reichlich spekuliert. Aber es bleibt das Faszinosum der Vergänglichkeit der Knabenstimmen. Ich gehe schon davon aus, dass die klangliche Mischung von Knaben- und jungen Männerstimmen ein günstiges Obertonspektrum und besonderes Charakteristikum hat.

Wie charakterisieren Sie Leipziger Thomaner und Dresdner Kreuzchor im Vergleich?

Jeder Chor hat ein Klanggedächtnis. Das speist sich aus den Auftrittsorten, der Literatur und dadurch bestimmten Singweisen. Der Kreuzchor beispielsweise hat unter meinen Vorgängern und bedingt durch die Größe der Kreuzkirche viel romantisches Repertoire gesungen und einen anderen Ansatz als der Thomanerchor, der durch die Hinwendung zu Bach und die Polyphonie und durch die vielen Kantatenaufführungen in der deutlich kleineren Thomaskirche natürlich eine andere Singweise hat, auch in der sprachlichen Ausformung. Ich habe den Eindruck, die Chöre suchen sich dann schon immer den Kantor, der zu ihnen passt.

Das Jubiläums-Programm – Höhepunkte bis zum Sommer

4. März, 11 Uhr, Semperoper: Festakt 800 Jahre Dresdner Kreuzchor – gemeinsam mit Anna Lucia Richter (Sopran) und der Sächsischen Staatskapelle Dresden

23. März, 18 Uhr, Großes Festspielhaus Salzburg: Weber: Missa sancta Nr. 1 und Bach: Messe in h-Moll im Rahmen der Salzburger Osterfestspiele gemeinsam mit Solisten und der Sächsischen Staatskapelle Dresden

25. März, 16 Uhr, Kreuzkirche Dresden: Bach: Matthäuspassion – gemeinsam mit Gerlinde Sämann (Sopran), Ingeborg Danz (Alt), Thomas Volle (Tenor), Dietrich Henschel (Bass, Jesus), Christoph Pohl (Bass, Arien) und der Dresdner Philharmonie

26. März, 23 Uhr, Kreuzkirche Dresden: Osternacht mit den Männerstimmen des Dresdner Kreuzchores

15. April, 18 Uhr, Kreuzkirche Dresden: Eröffnungsveranstaltung der Festwoche „800 Jahre Kreuzchor, Kreuzkirche, Kreuzgymnasium“; 20 Uhr, Rathaus Dresden: Das Rathausfest der Bürger – Dresdner Kreuzchor, Ensembles des Kreuzgymnasiums

23. April, 17 Uhr, Kreuzkirche Dresden: Beethoven: Missa solemnis – gemeinsam mit Camilla Nylund (Sopran), Gerhild Romberger (Alt), Martin Petzold (Tenor), Konrad Jarnot (Bass), Vocal Concert Dresden und dem Freiburger Barockorchester

4. Juni, 22 Uhr, Hauptbahnhof Dresden: Nachtkonzert mit den Männern des Dresdner Kreuzchores

16. Juni bis 3. Juli: Sommertournee Deutschland

Hinzu kommen zahlreiche Vespern und Gottesdienste in der Dresdner Kreuzkirche.

Und wie klingt der Kreuzchor?

Ich würde unseren Klang als leichter, etwas obertonreicher und transparenter bezeichnen. Der Kreuzchor wird auf absehbare Zeit nicht mehr so klingen wie zu Mauersbergers Zeit, auch unter dem Gesichtspunkt der früher einsetzenden Mutation. Natürlich haben sich auch die Klangideale ringsum geändert. Man ist ja überrascht, wenn man beispielsweise Aufnahmen aus den 60ern hört.

Rudolf Mauersberger hat seinem Chor viel auf den Leib komponiert …

Ja, aber das war auch nötig, weil die Noten zu großen Teilen verbrannt waren. Später hat auch Chorassistent Ulrich Schicha sehr schöne Chorsätze verfasst. Aber es gibt so unglaublich viel herausragende Literatur, ich würde nie komponieren wollen. Dennoch haben wir auch in meiner Amtszeit viele Uraufführungen gemacht. Leider gibt es für uns nicht die Möglichkeit, Kompositionsaufträge zu vergeben, aber ich weiß auch nicht, ob das sein muss. Auf meinem Schreibtisch landen laufend Kompositionen, darunter ist nur gelegentlich etwas Brauchbares.

Die Kruzianer gehen ganz normal in die Schule und haben zusätzlich dazu Musikunterricht, Proben, Auftritte, Reisen ... Ein hart durchstrukturierter Alltag, welche Ausgleichsmöglichkeiten gibt es für sie?

Die Jungen sitzen zu viel, das ist keine Frage. Wenn sie können, spielen sie Fußball, sie haben einen Fitnessraum, einen Tischtennisraum. Aber es ist schon eine etwas verkopfte Lebensweise, und wir müssen darauf achten, dass sie genug Bewegung haben.

Mit Geld der Stiftung Dresdner Kreuzchor soll ein Anbau fürs Alumnat entstehen, wie weit ist diese Verbesserungsmaßnahme gediehen?

Es gab eine Verzögerung, weil wir Stiftungsgelder der Stadt für den Umbau des Kulturpalastes zur Verfügung gestellt haben. Im Gegenzug hat sich die Stadt bereit erklärt, für fünf Millionen Euro einen Alumnatsanbau zu realisieren. 2019 wird dieser fertig sein als Wohn- und Studienhaus für unsere Oberstufe der 10., 11. und 12. Klassen. Mit besseren Möglichkeiten für unsere Kurrendaner, die nicht im Alumnat leben. Die Pläne sind fertig und abgesegnet, es hat seinen Lauf, und ich sehe dem Ganzen mit Freude entgegen.

Seit 1997 sind Sie Dresdens Kreuzkantor, was war Ihre schwierigste Zeit, und sind Sie jetzt zum 800. rundum zufrieden?

Es ist wie ein Seismograph: Wenn’s Dresden gut geht, geht es uns auch gut. Wenn’s Dresden schlecht geht, dann spüren wir es auch, wie alle im Kulturbereich. Im Moment geht es uns verhältnismäßig gut, und ich bin sehr froh, dass man trotz Haushaltssperre nicht in unsere Jubiläumsaktivitäten eingreift. Aber es gab Phasen, da war ich ob der Sparmaßnahmen am Verzweifeln, so dass ich auch mal zu drastischeren Zeichen greifen musste und beispielsweise die Kruzianer nicht in Konzert-, sondern Alltagskleidung auftraten. Da wusste man manchmal nicht, wie es weitergehen soll. Aber aus solchen Zeiten sind wir lange raus. Der Kreuzchor befindet sich in einer grundsätzlich gesicherten Position, und im Moment verfügt er über zusätzliche Mittel, die es ihm möglich machen, sein Standing, seine Bekanntheit weithin zu intensivieren, international wie national. Wir spüren jetzt schon positive Rückkopplungen, im Konzertbesuch und Nachwuchsbereich: Weil der Kreuzchor ein Thema ist und wir vermitteln, dass das hier ein zeitgemäßer Bildungsweg ist. Wir arbeiten intensiv daran, dass das auch nach dem Jubiläumsjahr so bleibt.

Ich war nie soweit zu sagen, ich schmeiß hin. Es gab immer Leute, mit denen man sich auseinandersetzen musste und konnte. Aber es lässt sich immer, manchmal auf verschlungenen kommunikativen Wegen, eine Lösung finden. Gescheitert bin ich nur mit einem Projekt: ein Festival für Alte Musik nach Dresden zu holen.

Wird die Kreuzkirche trotz der städtischen Trägerschaft des Chores auch weiterhin die Heimstatt bleiben, nicht immer gibt es in der Zusammenarbeit eine reibungslose Verständigung?

Ich halte die Anbindung an die Kreuzkirche, wie auch immer sie sich in Zukunft gestalten wird, für ganz wichtig. Der Chor hat eine Heimat, und das ist die Kreuzkirche. Das ist natürlich vom handelnden Personal abhängig, auf beiden Seiten. Ja, es gibt in manchen Dingen Meinungsverschiedenheiten, aber was auch immer passiert, der Kreuzchor kommt, singt Konzerte, Vespern und Gottesdienste in der Kreuzkirche. In welcher Trägerschaft was und wann laufen wird, das ist Gegenstand von Verhandlungen. Über das Miteinander in dieser Trias Kreuzchor, Kreuzkirche, Kreuzschule besteht ja kein Zweifel, nur ist die Frage, ob die Strukturen tragfähig sind, um den Anforderungen, die künftig auf uns zukommen, gerecht zu werden. Wir haben da andere Vorstellungen als die Kreuzkirche. Der Zuhörer, der Tourist und der Dresdner, soll aber davon nichts mitbekommen.

Der Kreuzchor hat sich ein Marketing verordnet, hat im Erscheinungsbild in neuen Druckerzeugnissen vom bisherigen Blau und dem vertrauten Logo Abschied genommen, sich im Internet positioniert …

Wir ändern nicht unseren Wesenskern, sondern wir verbreitern nur unsere Kommunikationswege,. Auf Facebook und Youtube zum Beispiel zeigen wir kleine Filme, die ganz nah dran sind am Chor, und freuen uns natürlich über Likes. Es ist schon so, wie Analysten sagen: Man schafft dadurch eine breitere und ausgeführte Anbindung an Menschen.

Das ist nicht automatisch und unbedingt stets mit Nachhaltigkeit verbunden. Der Imagefilm des Chores und die neue Werbestrategie sind von vielen kritisiert worden, auch dafür, dass der Kreuzchor als „Leistungsträger“, als sächsisches „Spitzenprodukt“ vermarktet wird...

Die Kritik ist mir nicht neu. Aber dieser Film ist zielgruppenorientiert entwickelt worden, damit gehen wir nicht in die Breite und sagen nicht, das ist der Dresdner Kreuzchor. Das ist eine Positionierung in Segmenten, die für andere ein Vergleichsmaß ermöglichen. Wir wollten signalisieren, es gibt in Sachsen eine ganze Breite von hervorragenden Dingen in verschiedenen Bereichen: Forschung, Wirtschaft, Kunst und Kultur. Und ich hab nichts dagegen, wenn wir dadurch Zusagen für Sponsorengelder erhalten.

Sie werden in dem Werbefilm als Intendant und musikalischer Leiter bezeichnet?

Kreuzkantor ist in Dresden ein Begriff, außerhalb ist er das nicht. Die Besonderheit des Hauses ist, dass der Intendant auch der künstlerische Leiter ist. Da ist keine Tendenz oder Absicht dahinter, die Funktion des Kantors im eigentlichen Sinne zu tilgen. Nach wie vor bin ich protestantischer Kirchenmusiker, wenn auch städtischer Intendant.

Nehmen Sie Kritik von außerhalb ernst?

Wir sind noch nicht fertig mit unserer Website, da gibt es Bearbeitungsbedarf. Wir haben einen sehr großen Aufwand betrieben, eine namhafte Agentur beauftragt. Wir haben einen Wertekanon aufgestellt, und die Agentur hat das umgesetzt. Aber eine Website dient heutzutage nicht mehr nur der Informationsvermittlung, sondern lässt ein Bild entstehen. Das ist Work in progress.

Zurück zum Musikalischen: Was sind für Sie die Höhepunkte dieses 800-Jahre-Jubiläums?

Für mich ist letztendlich alles wichtig und von Bedeutung. Aber natürlich freue ich mich besonders auf Salzburg, auf die Matthäus-Passion mit der Dresdner Philharmonie, auf die Herausforderung der „Missa solemnis“. Aber unser Credo ist, wir nehmen die nächste Vesper genauso ernst wie die große Missa.

Von Kerstin Leiße

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr zum Artikel
Jubiläum

Mit einem Festakt in der Semperoper ist am Freitag das 800-jährige Bestehen des Dresdner Kreuzchores gefeiert worden. Bundestagspräsident Norbert Lammert hielt dabei eine betont politische Festrede und verwies auf die aktuelle Lage in Deutschland.

mehr
Mehr aus Kultur News

Entwirren Sie mit schnellem Auge und flinkem Geist den Buchstabensalat des Rätselspiels! Hier kostenlos im Spieleportal von DNN.de spielen! mehr