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Der Dresdner Dirigent Hartmut Haenchen und sein weltweites Projekt "War & Peace - Krieg und Frieden"

Der Dresdner Dirigent Hartmut Haenchen und sein weltweites Projekt "War & Peace - Krieg und Frieden"

Heute vor 70 Jahren war der zweite Weltkrieg zu Ende. Deutschland wurde geteilt. 25 Jahre ist es jetzt her, dass diese Teilung überwunden wurde. Doch nach wie vor scheint Weltfrieden eine ferne Vision.

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Plakat für das Tokyo-Konzert im Rahmen von "War & Peace - Krieg und Frieden"

Quelle: PR

Wer die gegenwärtigen Anzeichen für ein erneutes Aufbrechen der Ideologien neuer Kalter Krieger übersieht, hat die blutigen Schriften an neu errichteten Mauern zwischen den Anbetern der allmächtigen Kraft der Ökonomie und denen der religiösen Heilsversprechen, für die es lohnt, mit dem Leben zu bezahlen, wieder nicht erkannt.

Einer, der solange er sich erinnern kann, es als vordringliche Aufgabe ansieht, auf die Zeichen der Zeit als Künstler zu reagieren, ist der 1943 in Dresden geborene Dirigent Hartmut Haenchen. Der Feuerhimmel von 1945, der Blick aus dem Fenster des Luftschutzkellers haben sich als frühkindliches Trauma für ihn ins Gedächtnis gebrannt. Im Alter von zehn Jahren stand die Aufnahmeprüfung für den Dresdner Kreuzchor an. Es war der 17. Juni 1953. Für Hartmut Haenchen hieß das 20 Kilometer zu Fuß zu gehen, von Cossebaude nach Strehlen, alles stand still in der Stadt. Auf dem Postplatz waren die sowjetischen Tanks, aus Fensterlöchern in den Ruinen zielten Rohre der Geschosse auf die Menschen.

Auf eindrückliche Weise erinnert sich der Dirigent an diese frühen Nachkriegseindrücke in dem niederländischen Film "The Skies Over Dresden - Der Himmel über Dresden", der im März 2015 auf dem 33. Filmfest in Montreal mit der Goldenen Palme ausgezeichnet wurde. Der Heranwachsende bleibt beunruhigt, nimmt bald wahr, was ihn an der DDR stört, er druckt mit einem Gummibärchensetzkasten Flugblätter gegen die Wahlen und erfährt später, dass er schon im Alter von 16 Jahren im Visier des Staatssicherheitsdienstes war. Heute im Rückblick kann er sagen, dass es von seiner Seite kein Hurra und kein Entschuldigungen für das System gab, aber dass es dazu beitrug, die lebenserhaltende Kraft der Kunst immer stärker wahrzunehmen.

In eine innere Immigration, in einen Elfenbeinturm der schöngeistigen Abschottung etwa, hat die Kunst ihn nicht geführt. 1986 muss Haenchen die DDR verlassen. Seinem Anspruch, als Künstler dem Gewissen zu folgen, bleibt er treu und somit unbequem im Hinblick auf Entwertung der Kunst zum Zwecke reiner Unterhaltung.

Inzwischen hoch geehrt, vielfach ausgezeichnet, als Dirigent für Oper und Konzert auf Jahre gebucht, konnte er sein Projekt "War & Peace - Krieg und Frieden" im vergangenen Jahr auf den Weg bringen. Für den musikalisch- visionären Künstler ist auch die Erinnerung an das Ende des zweiten Weltkrieges vor 70 Jahren eine weitere Herausforderung, nicht aufzuhören, Kunst gegen Krieg zu setzen. Und weil der Satz von Heinrich Böll - "Der Krieg wird niemals zu Ende sein, solange noch eine Wunde blutet, die er geschlagen hat" - für dieses Projekt angesichts des gegenwärtigen Zustandes der Welt weit mehr als ein Motto ist, wird "War & Peace - Krieg und Frieden" auch im nächsten Jahr fortgesetzt.

Das ist natürlich nur möglich, weil Hartmut Haenchen dafür kompetente wie gleichgesinnte Partner der internationalen Musikszene in Europa und in Japan gefunden hat. Ausdrücklich, als Dresdner Dirigent, wurde er gebeten, in diesem Jahr das Sumida Memorial Peace Konzert in Tokyo anlässlich des 70. Jahrestages der Zerstörung der Stadt durch alliierte Bomber und des 4. Jahrestages des Erdbebens von Fukushima zu dirigieren. Selbstverständlich empfindet der Künstler dies als eine große Ehre, unverständlich hingegen, dass in seiner Heimatstadt Dresden sein Projekt kaum wahrgenommen wird, geschweige denn in die Planungen der Konzerte oder Opernaufführungen einbezogen werden konnte. Insgesamt dirigiert Hartmut Haenchen bei derzeitigem Stand der Planungen im Rahmen seines weltweiten Projektes im Verlauf von drei Jahren über 30 Konzerte in Helsinki, Tokyo, Stockholm, Brüssel, Kopenhagen, Oslo, Genf, Pisa, Köln, Madrid, Toledo, Lille, Valencia, Amsterdam, Toulouse, Barcelona und Weimar.

In Madrid steht Beethovens Freiheitsoper "Fidelio" auf dem Programm, in der es ja um den mutigen Einsatz einer Frau im Kampf gegen menschenverachtende Herrscherwillkür geht. Mit dem Opernprojekt "Iphigénie en Tauride" von Chr. W. Gluck am Grand Théâtre de Genève, widmet sich der Dirigent anhand eines mythologischen Stoffes dem erschreckenden Blick in die Vergangenheit, anhand eines Werkes, "das die schrecklichen menschlichen Folgen der Kriege darstellt und zeigt, wohin religiöser Fanatismus führt".

Überhaupt ist Haenchens Anliegen, die Bedeutung der von ihm im Rahmen von "War & Peace - Krieg und Frieden" dirigierten Werke in ihren historischen Zusammenhängen ernst zu nehmen, aber in der Art und Weise, wie er sie an bestimmten Orte in klug gewählte Kontexte setzt, mit dem Wissen um gegenwärtige Erfahrungen zu interpretieren.Im Mittelpunkt der Konzertprogramme steht Beethovens fünfte Sinfonie, jenes Werk c-Moll, das "in C-Dur als der Tonart des Lichts" endet, nur dass sich Haenchen bei der Interpretation "jede Heroik oder Triumph" verbietet. Er stellt das Werk in die spannende Korrespondenz zur 8. Sinfonie von Dmitri Schostakowitsch mit der gleichen Tonartenfolge, komponiert 1943, im Geburtsjahr Hartmut Haenchens. Für ihn "zeichnet der Russe darin hochexpressive Bilder", um nach Aussage des Komponisten "die Erlebnisse des Volkes auszudrücken und die furchtbare Tragödie des Krieges" musikalisch zu vermitteln. Zudem bekam Hartmut Haenchen während seines Studiums bei Jewgenij Mrawinski einen besonderen Zugang zu diesem auch als "Stalingrader Sinfonie" bezeichneten Werk und hatte Gelegenheit, mit Schostakowitsch über sein Werk zu sprechen. Dessen Aussage zu seiner Sinfonie setzt Maßstäbe für die heutige Interpretation: "Das Werk spiegelt meine Gedanken und Gefühle, auch Seelenzustände, in Verbindung mit den freudigen Nachrichten über die ersten Siege der Roten Armee wider ... alles Dunkle und Schändliche wird vergehen, alles Schöne wird triumphieren." Wie zaghaft aber Schostakowitsch im Gegensatz zu Beethoven am Ende das C-Dur einsetzt, spiegelt die Situation des Komponisten unter Stalins Herrschaft wider.

Den jeweiligen Anlässen der Konzerte entsprechend, finden auch andere Werke Aufnahme in Haenchens Programme. In Tokyo stand Mozarts unvollendetes Requiem auf dem Programm des Gedenkkonzertes. Zu anderen Anlässen wurden bzw. werden auch Bohuslav Martinus "Mahnmal für Lidice", Karl Amadeus Hartmanns "Concerto funebre", Arnold Schönbergs "Ein Überlebender von Warschau", Richard Strauss' "Metamorphosen", das "Schicksalslied" von Johannes Brahms oder Frank Martins Oratorium "In terra pax" und Haydns Oratorium "Die Schöpfung", um deren Bewahrung es letztlich geht, im Rahmen von "War & Peace - Krieg und Frieden" aufgeführt.

Der Dresdner Dirigent wird nicht aufhören, mit seinen Möglichkeiten Menschen nachdenklich zu machen, zu sensibilisieren und zu motivieren, sich weder in Deutschland noch in Europa in falschen Sicherheiten zu wähnen. Die Wunden, von denen Heinrich Böll sprach, sind längst nicht verheilt. Es sind neue hinzugekommen. "Der Schoß", um den klugen Brecht in leichter Abwandlung zu zitieren, aus dem die Kriege kriechen, "ist fruchtbar noch".

Informationen und Termine zum Projekt "War & Peace - Krieg und Frieden": www.haenchen.net

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 08.05.2015

Boris Gruhl

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