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Der Dresdner Bandstand: Hellerau schenkt der lokalen Musik gleich fünf Bühnen

Der Dresdner Bandstand: Hellerau schenkt der lokalen Musik gleich fünf Bühnen

Zwanzig Bands, zwei Tage, ein familiäres Festival. Wer am Wochenende von den Organisatoren des Bandstand eingeladen wurde und den Weg nach Hellerau fand, kann sich überregional hören lassen.

Während in der Vergangenheit die Kritik an der jüngeren Musik durchaus berechtigt war, hat sich in Dresden einiges getan. Eine neue Generation ist mittlerweile aus den Startlöchern gekommen und spricht eine selbstbewusste Sprache in ganz unterschiedlichen Genres. Die Spanne reicht von frontalen Metalallüren über minimalistische Experimente bis hin zu orchestraler Elektronik und Jazz. Zweimal zehn dieser Vertreter an einem Wochenende unter ein Dach zu bekommen, das war die große Herausforderung, der man sich in Hellerau wiederholt stellte und diese perfekt meisterte.

"Solche Festivals haben mehr als nur ihre schlichte Berechtigung", sagte Sven Helbig nach seinem Auftritt am Sonnabend, "die Veranstaltung lebt von ihrer ganz besonderen Atmosphäre". Der bereits zweimal mit einem Echo ausgezeichnete Komponist hat es genossen, sich mit seinen "Pocket Symphonies" ein Publikum zu erspielen, das nicht nur wegen ihm vor die Bühne trat. "Das ist eben was ganz anderes, ob Leute ein Ticket gekauft haben, um dieses eine Ding zu hören, oder ob es ein Gemisch gibt an Leuten, die sich für vieles interessieren und mal reinriechen. Man hat nicht die geballte Energie um dieses eine Konzert, viele haben vorher schon was gehört, man hört danach noch was, und das ist mehr ein etwas distanzierteres Zuhören."

Oder die Überraschung schwingt mit, so, wie sich Sven Helbig in Szene setzen ließ. Getragen von Lichteffekten und umhüllt von dicken Nebelschwaden, agierte er quasi aus dem Dunkel heraus. Seine Tonfolgen waren abstrakt genug für eine individuelle Geschichte. Der freigeschaufelte Platz war gut zu begrünen, mit Phantasie, Klangbildern und geweckten Emotionen. "Ich hab keine Ahnung, was neu ist und was nicht. Es ist immer ein Abschnitt, auf dem man sich selbst befindet. Man kann jetzt natürlich versuchen, Gesetze selbst zu machen und damit auch in die Zukunft weisen, und man glaubt, an Dingen zu hängen, von denen man glaubt, in dem Zusammenhang hat man sie noch nicht gehört. Aber eigentlich ist es weniger ein Erfinden, es ist mehr ein Einfangen." Und dieser eigene Mikrokosmos muss transportiert werden. Genau das ist die besondere Fähigkeit, die Sven Helbig besitzt. Dabei spielt es kaum eine tragende Rolle, ob er sich mit Rammstein-Songs auseinandersetzt, mit den Pet Shop Boys und Polarkreis 18 Klanggebäude konstruiert oder mit Kristjan Järvi und einem großen Orchester kooperiert.

"Was wir gehört haben, ist eine Arbeit, die auf vielen Schultern ruht, denn ich benutz ja ausführlich auch die Aufnahmen, die mit Orchester entstanden sind. Ich möchte schon bei den Orchesterklängen bleiben." Auch wenn vieles durch mehrere Rechner geschickt wurde, bis es wieder ans Ohr des Publikums drang. "Ich meine nur, dass man auch mit der Musik noch mehr machen kann, wenn man möchte. Wenn man Orchestermusik verändert, eingreift, zerschneidet, neu zusammensetzt und vielleicht noch was obendrauf und untendrunter baut, dann kommen immer die Hüter des heiligen Orchestergrals und haben dazu eine Meinung. Damit hatte und habe ich viel Erfahrung gemacht", die bisweilen auch schmerzhaft war. Heute hat sich Sven Helbig eine gewisse Freiheit erarbeitet. "Jetzt ist es meine Musik, und damit kann ich das machen. Da nehm ich mir das vor, und manchmal hör ich einfach noch Dinge, die in anderen Zusammenhängen als dem Konzertort eine interessante Ergänzung sind. Es ist wirklich orts- und zeitabhängig, auch von dem Publikum, welches zuhört, was am Ende wirklich entsteht, gerade bei dem Programm, das ich in Hellerau gespielt habe, da entwickelt sich das jeden Tag."

Was für Helbig gilt, trifft auch auf Jari Rebelein zu. Als Drummer ist er die eine Hälfte von Dyse, eine nicht nur Insidern bekannte Hardcore-Formation, die schroff und geradlinig für nachhaltige Hörerlebnisse sorgt. Mit seinem Kollegen Bruno aus Belgien sind sie das Experimental-Duett Jaruno. Immer wieder blitzt auch in dieser Konstellation das Ungeschliffene und Laute auf, aber nicht im Gegenspiel zu seinem Bassisten, vielmehr als andere Farbe in ihrer Klangmalerei. Was sich beim ersten Hören als gefällige Improvisation definieren lässt, folgt eigenen Gesetzen. "Wir suchen uns immer wieder auf der Bühne", sagt Bruno und blickt zu Jari, "nicht das Visuelle ist dabei wichtig, wir reagieren auch inhaltlich aufeinander". Alles, was die beiden in der knappen Stunde auf der Bühne auslebten, war ein Frage-Antwort-Spiel, nicht beliebig zu verlagern, dafür straff organisiert. "Wir können sicherlich immer wieder ganz ähnlich miteinander spielen, aber nichts wird völlig identisch sein. Der Raum, die Leute, unsere Tagesform, das alles sind Rahmenbedingungen, die uns beeinflussen, und hier hat einfach alles gepasst", fügt Jari hinzu. Spätestens in dem Punkt berühren sich Jaruno und Sven Helbig: "Ich weiß vorher überhaupt nicht, welche Melodien ich jetzt spiele und welche ich aus den Aufnahmen mit dem Orchester verwende", das ist im günstigsten Fall die passende Bauchentscheidung.

Den richtigen Ort für beeindruckende Experimente hatten Jari Rebelein und Sven Helbig in Hellerau. Hier fanden unter dem Bandstand an diesem Wocheennde noch 18 weitere Bands ein Zuhause, und mit etwas gutem Willen und einem Schuss Optimismus geht die dritte Auflage dieser Veranstaltung auch im kommenden Jahr hier wieder über die Bühne.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 01.12.2014

Stephan Wiegand

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