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Der Choreograf inszeniert: "Der kleine Horrorladen" von Giorgio Madia an der Dresdner Staatsoperette

Der Choreograf inszeniert: "Der kleine Horrorladen" von Giorgio Madia an der Dresdner Staatsoperette

Wo hat dieser Mann eigentlich bisher nicht auf der Bühne getanzt, wo hat er nicht für und mit anderen Tänzerinnen und Tänzern bekannte, unbekannte oder gänzlich neue Choreografien kreiert? Und bald wird man fragen, wo hat er inzwischen nicht inszeniert? Es geht um den in Mailand geborenen Giorgio Madia, der sich im Gespräch daran erinnert, dass er sich bewegen musste, solange er denken kann.

Die eigene Bewegung aber reichte ihm bald nicht mehr, die Cousinen mussten nach seinen Anweisungen tanzen, es gab wenige Tage im Jahr, an denen er zu Hause keine Show veranstaltet habe, sagt er lächelnd.

Wir treffen uns in der Kantine der Staatsoperette, die Probe ist zu Ende, kleine Pause, dann geht es weiter, noch wenige Tage bis zur Premiere eines der beliebtesten Musicals, "Der kleine Horrorladen", uraufgeführt 1982 in New York, vier Jahre später erstmals in Deutschland, basierend auf dem Erfolgsfilm "Little Shop of Horrors" oder "Kleiner Laden voller Schrecken" von 1960.

Zunächst aber möchte ich wissen, wie es begonnen hat, damals in Mailand, wann aus dem Spiel Ernst wurde, wann der Weg des jungen Giorgio Madia in jene Richtung führte, die ihn bald als Tänzer rund um die Welt führen sollte.

Eigentlich, so sagt er heute, war ihm schon früh klar, der reine Tanz interessierte ihn weniger als das Gesamtkunstwerk des musikalischen Theaters, das ja wiederum ohne Tanz, ohne Choreografie nicht denkbar ist. "Ich habe schon früh den Wunsch verspürt, künstlerische Entscheidungen zu treffen, als mich den Entscheidungen anderer unterzuordnen." Aber zunächst heißt es doch unterordnen, hart arbeiten, tägliches Training an der Ballettstange, ausführen, was die gestrengen Lehrerinnen und Lehrer vorgeben. Das war, so im Rückblick, "die volle Härte als Kind". Mit elf Jahren begann die Ausbildung an der Ballettschule der Mailänder Scala, eine der ersten Adressen in Italien.

In dieser Zeit die erste kleine Rolle, raus aus dem Ballettsaal, hinaus auf die Bühne, "jetzt kann ich Theater machen", das war die Initialzündung. Von 50 Anfängern haben es am Ende drei geschafft, Madia ist dabei, erstes Engagement an der Scala. Davon träumen viele.

Giorgio Madia indessen träumt davon, bei Maurice Béjart zu tanzen, in dessen Kompanie, dem Ballett des 20. Jahrhunderts, das er beim Gastspiel in Mailand erlebt. Das waren, so sagt er heute, jene magischen Momente im Theater, nach denen man sich sehnt, und bestenfalls geschehen sie auch immer wieder. Der Vorhang geht auf, die Magie beginnt, die Horizonte des Alltags sind durchbrochen.

Madia erinnert sich genau an jenen Moment, in dem er im Sportpalast von Mailand mit seinen 6000 Plätzen als Junge auf dem Boden saß und ihn der hochkonzentrierte Blick eines Tänzers traf, messerscharf und unausweichlich.

Der Traum wird wahr, ein Engagement bei Béjart, später in der Kompanie in Lausanne. Béjart habe bei den Leuten seines Ensembles immer wieder in der choreografischen Arbeit etwas gefunden, was sie selbst noch gar nicht entdeckt hatten. Und darin besteht ja diese Kunst, bewegtes Theater zu machen, das bewegt und auch die Zuschauer dazu führt, Dinge wahrzunehmen, die ihnen bisher verborgen waren.

Giorgio Madia hat dann als Tänzer die Welt bereist, er hat große Partien getanzt, andere wurden für ihn kreiert, mit einem Star wie Rudolf Nurejew ging er auf große Tournee. Er war der Jago, Nurejew Otello in José Limóns "The Moor's Pavane", von der nicht wenige meinen, es sei die bislang beste Choreografie zu einem Stück von Shakespeare.

Und dann, als Tänzer in Top-Form, fällt die Entscheidung: Ich höre auf. Ich werde jetzt Talente entdecken, anderen Tänzerinnen und Tänzern vielleicht dabei helfen, die Rollen ihres Lebens zu finden. 1995, am Opernhaus in Zürich, beginnt die lange Liste der Choreografien, dazu gehören Erfolge wie "Alice's Wonderland" zur Musik von Nino Rota mit dem Staatsballett Berlin oder, ebenfalls hier, für Polina Semionova in der Hauptrolle, "OZ - The Wonderful Wizard" zu Musik von Dmitri Schostakowitsch.

Madia arbeitet in Wien, er entwickelt eine besondere Beziehung zu Kompanien an Opernhäusern des Nachbarlandes Polen, was ihm mehrfach als Auszeichnung eine "Goldene Maske" beschert. Und weil er sich gerne über Genregrenzen hinwegsetzt, wird er mehrfach eingeladen, für die Operette zu choreografieren. Als Einspringer übernimmt er hier seine erste Regiearbeit und erobert sich bald ein neues Arbeitsfeld.

Jetzt gibt er sein Debüt als Regisseur in Dresden. Choreografisch hat er schon mit dem Ballett der Staatsoperette gearbeitet. Für das beliebte Stück "Der kleine Horrorladen" könnte es gut sein, den Sängern als Choreograf und den Tänzern als Regisseur neue Möglichkeiten zu eröffnen. Grundsätzlich aber gilt es bei einem so liebenswerten Stück der Unterhaltungskunst, sich auf dessen Stilistik einzulassen, die Vorlage nicht zu überfrachten und schon gar nicht zu verfremden. Man muss solche Stücke eben mögen, sonst solle man die Finger davon lassen. "Entweder du liebst das Stück oder nicht, falls nicht, dann mach ein anderes", sagt Giorgio Madia augenzwinkernd, er müsse sich nicht über das Stück stellen. Zudem biete dieser Stoff um eine gefährliche, Menschen verschlingende Pflanze doch genug Stoff für die Fantasie und dann müsse sich eben jeder Zuschauer seinen eigenen Reim auf das machen, was er da gesehen hat, mag es noch so phantastisch sein.

Morgen ist es so weit, dann öffnet der kleine Horrorladen, und jedermann mag gerne kommen und sich auf unterhaltsame Weise warnen lassen vor den bösen Pflanzen, die ja doch nicht nur im Theater gerne wachsen und gedeihen.

Für Giorgio Madia aber geht die Reise weiter, nach Tallin, wo er ein Ballett von Nino Rota nach Fellinis Film "Das süße Leben" kreieren wird und dann wieder nach Berlin, an das Staatsballett, wo er im Juni ein "Don-Juan-Ballett" als Barocktheater in moderner Gestalt zur Musik von Christoph Willibald Gluck herausbringen will.

"Der kleine Horrorladen", Musical von Alan Menken und Howard Ashman, Premiere morgen, 19.30 Uhr, Staatsoperette, weitere Aufführungen: 18., 19., 24., 25., 26.1.

www.staatsoperette-dresden.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 16.01.2014

Boris Gruhl

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