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Der Broadway-Klassiker - Premiere für "West Side Story" in der Semperoper Dresden

Der Broadway-Klassiker - Premiere für "West Side Story" in der Semperoper Dresden

Noch immer ist er so ungewöhnlich wie atemberaubend, der Sound dieses Meisterwerks der Musicals, auch nach jetzt fast 56 Jahren. Da ist es nach den ersten Takten, das Fingerschnipsen, dann der erste Einwurf des Saxophons, kurze, fast versöhnliche Streicherklänge, dann das erste höhnische "Ha" der rivalisierenden Gangs, der Jets und der Sharks, in der New Yorker Upper West Side.

Szene aus dem Dresden-Gastspiel der "West Side Story".

Quelle: Dietrich Flechtner

Dann die ersten, schon brutal grundierten, scharfen Einwürfe der Blechbläser, die Bässe im Orchester werden aufgeregt gezupft, Trommeln, Pfiffe, immer wieder schrille Klänge der Holzbläser mit den typischen Saxophonpassagen, Pfiffe, Percussion, die Dissonanzen nehmen zu in der Musik, kein Halt, kein Aufschub, so beginnt die Spirale der Gewalt in Leonard Bernsteins "West Side Story", mit den Dialogen von Arthur Laurents und den Liedtexten von Stephen Sondheim.

Vorlage ist Shakespeares Tragödie "Romeo und Julia", in der die Liebe an der bornierten Unversöhnlichkeit verfeindeter Familien in Verona und Mantua zu Beginn des 15. Jahrhunderts zugrunde geht. Jetzt spielt die Adaption des Meisterwerkes zwischen den grauen Häuserschluchten Manhattans der 1950er Jahre, und es stehen sich keine Adelsgeschlechter gegenüber, sondern junge Leute. Die einen sind aus Polen eingewandert, die "Jets", die anderen aus Puerto Rico, die "Sharks". Romeo und Julia sind hier Tony und Maria, er ein Jet, sie gehört zu den Sharks.

Aber die Liebe fragt nicht nach der Herkunft, nur ist wie bei Shakespeare die Zeit auch jetzt noch nicht für deren Schrankenlosigkeit gekommen im Konkurrenzkampf um die kleine Existenz in der Gesellschaft der propagierten, unbegrenzten Möglichkeiten.

In Bernsteins Musical wird gegen diese Hoffnungslosigkeit getanzt, gekämpft, getötet, geliebt, geträumt und gestorben, aber auch gelacht. Und wie in jeder großen Tragödie spielen Verrat, Schuld und Unschuld, Übereifer und Ausweglosigkeit die Hauptrollen. So "grausam und wahrhaftig" (Jan Kott), wie Shakes- peare den scheinbar unlösbaren Kon- flikt berührend und unterhaltsam zugleich auf die Bühne seiner Zeit brachte, so nimmt das Musical vom Broadway diese Traditionen auf und verfehlt auch in der BB Promotion Tourneeproduk- tion der originalen Version mit den unerreichten Choreografien von Jerome Robbins bei der Premiere in der Dresd- ner Semperoper seine Wirkung nicht. Das verdankt sich natürlich entscheidend der tänzerischen Leistung dieser 35 grandiosen Darstellerinnen und Darsteller. Man kennt die berühmten Fotos, die Boys im Sprung mit den hoch, bis an die Brust gezogenen Beinen, als flögen sie voller Übermut durch die Luft und könnten jeden Widerstand überspringen. Oder den ausgelassenen Tanzulk der Girls im "Sozialarbeitsprojekt" Tanzstunde oder mehr noch, wenn die Puerto-Ricanerinnen von ihren amerikanischen Träumen singen und tanzen, "America", ein Evergreen. Die Fotos lügen nicht, hier ist eine Musicalcompany zu erleben, deren Tanz atemberaubend gut ist, vor allem authentisch.

Diese Girls, diese Boys sind großartig

Hinzu kommt die direkte Art der Protagonistinnen und Protagonisten zu singen, mögen sich leichte Unschärfen einschleichen, aber vor allem, dieser Gesang, mitunter rau und voller Übermut, er ist lebendig. Alles glücklicherweise weit weg vom weichgespülten Operettensound und mühsam bewegten Choristinnen und Choristen, die hierzulande sich mehrfach an diesem Werk versucht haben. Denn was im Prolog beginnt, läuft spätestens in der Kampfszene, erstes Finale, auf zu raffiniert gesetzter Musikdramatik, die jeder Art von Gefälligkeit entgegen klingt. Nicht zu überhören, wenn sich Emotion und Ironie musikalisch mischen oder im Ensemble "Tonight" mit Quintett mit Chor die unterschiedlichen musikalischen Charaktere aufeinander treffen. Da gewinnt das West Side Story Tournee Orchester unter der Leitung von Donald Chan an Fahrt und überzeugt vollends nach der gänzlich kitschfrei musizierten weißen Ballett-Traumszene zu Beginn des zweiten Teils bis ins beunruhigend dunkel grundierte Finale.

Mag sein, die Dialoge geraten mitunter in überhitzte Anstrengung, da ließe sich auch an der Lautstärke noch was regeln, das betrifft auch die Balancen zwischen der Bühne und dem Orchester, dann aber packt einen diese direkte und naiv anmutende Spielweise doch, weil sie auf die individuelle Ausstrahlung der Darsteller bezogen doch so wunderbar authentisch ankommt. Diese Girls, diese Boys sind großartig, ihre Anführer, Marc MacKillop als Riff und Pepe Munoz als Bernado, oder Penelope Armstead-Williams als Anita und Nick Nerio als Chino mögen stellvertretend genannt sein.

Natürlich lebt das Stück von seiner Julia, von seinem Romeo, von Maria und Tony, von deren Songs "Maria", "Tonight" oder "One Hand, One Heart" "Somewhere". Da präsentiert diese Produktion am Premierenabend mit Elena Sancho Pereg und Liam Tobin vorzügliche, rollengerechte Darsteller. Eine mädchenhafte, zerbrechliche und doch kraftvolle Maria, leicht opernhaft der Gesang, was aber ganz im Sinne Bernsteins sein dürfte. Tobins Tony hat da eher den Ton der Straße, im überzeugenden Spiel die jungenhafte Naivität und die Tragik der momentanen Unentschiedenheit zwischen Treue zur Gang und erträumtem Ausstieg aus den Zwängen der Gewalt.

Joey McKneeley nutzt als Regisseur die Arrangements des Originals (Bühnenbild: Paul Galli, Kostüme: Renate Schmitzer) und überträgt die Choreografien von Jerome Robbins auf die individuellen Dimensionen der Company.

Am Ende eher Betroffenheit als fanatischer Jubel, ein gutes Zeichen, der Klassiker des Musicals nach einem Klassiker der Weltliteratur in einer fast klassisch zu nennenden Präsentation kommt an.

iWeitere Aufführungen täglich außer montags bis 4. August in der Semperoper

www.semperoper.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 19.07.2013

Boris Michael Gruhl

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