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Der Blick von draußen

Der Blick von draußen

Im Jahr 2010 hatte das Goethe-Institut Südafrika und Sub-Sahara Afrika vier afrikanische Kuratorinnen zur Kunsttriennale in Luanda, der Hauptstadt Angolas, eingeladen.

Von Interesse war: Wie präsentieren afrikanische Frauen Kunst? Bei einem gemeinsamen Abendessen diskutierte man dann: Wie würde es aussehen, wenn afrikanische Künstler europäische Kunst interpretieren? Zwecks praktischer Umsetzung folgte eine Anfrage an deutsche Museen, wie beim gestrigen Pressetermin im Albertinum Norbert Spitz, Leiter des in Johannesburg angesiedelten Goethe-Instituts, erläuterte, der gemeinsam mit Hartwig Fischer, Generaldirektor der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, und Kuratorin Meskerem Assegued die Ausstellung "Curvature of Events. Barock. Romantik. Video" vorstellte. Denn "übrig geblieben" von den angefragten Museen waren schließlich Essen beziehungsweise Dresdens Kunstsammlungen im Gefolge der Amtsübernahme durch Fischer. Ihm ist ein solches Projekt quasi auf den Leib geschrieben, ist ihm doch der Blick in alle Himmelsrichtungen (und das "alle" betont er) ein Bedürfnis, das er dringend auch anderen nahe bringen möchte.

Ebenfalls "bei der Stange" geblieben war die Äthiopierin Meskerem Assegued, die während Mengistu Heile Mariams sich als "sozialistisch" postulierender Diktatur als Emigrantin in den USA lebte, studierte, eine Familie gründete. Nach ihrer Rückkehr - inzwischen hatten sich die Verhältnisse auch in Äthiopien wieder "gewendet" - widmete sie sich verstärkt der Kunst, ist heute Direktorin des Contemporary Art Center Addis Abeba und kuratierte in den vergangenen 16 Jahren Ausstellungen in Europa, Afrika sowie Nordamerika. Ihr Interesse gilt besonders den zeitgenössischen Perspektiven auf historische und gesellschaftlich-kulturelle Zusammenhänge. Für Dresden tat sich Meskerem Assegued mit zwei Künstlern und einer Künstlerin zusammen - alle drei mehr oder weniger film- beziehungsweise videoerfahrene, multimedial orientierte Kollegen: Abel Tilahun (Jg. 1983), der in Washington und Addis Abeba arbeitet, der anerkannte Filmer Gunter Deller (Jg. 1963) und Barbara Lubich (Jg. 1977), die 21 Jahre ihres Lebens in Italien verbrachte, seit 2002 als Filmemacherin arbeitet, seit 2006 Kamerafrau der Forsythe Company ist. Die Besucher der Ausstellung "Curvature of Events" erwartet folglich viel Filmisches. Dafür sollte man sich Zeit mitbringen, auch um die inhaltlichen Bezüge zu erschließen. Denn darum geht es ja schließlich, wenngleich eine erste Draufschau, mit der sich die Verfasserin zunächst begnügen musste, "Bilder" bietet, die sich festhaken, Fragen aufwerfen, denen man weiter folgen möchte. Meskerem Assegued hat zunächst Dresden, besonders auch seinen historischen Kern, sowie die Galerien Alte und Neue Meister der Staatlichen Kunstsammlungen durchstreift, hat aber wohl auch einen Blick in die anderen Sammlungen geworfen. Sie interessierte besonders, "wie sich die alten Kunstsammlungen auf die Gegenwart beziehen". Im Ergebnis hatte sie 60 Bildkunstwerke aus der Zeit zwischen etwa 1550 und 1900 auf ihrem "Schirm", woraus jede/r Beteiligte acht auswählen durfte, um dazu je einen Videofilm zu drehen. Assegued ging es dabei nicht zuletzt um die "Überführung" des statischen Bildwerks ins Heute - inhaltlich und technisch. Das Ergebnis ist sehr anregend (auch die drei Filmer sahen die Werke der anderen erst beim Aufbau).

Abel Tilahun etwa bringt Johann Alexander Thieles Ansichten der Feste Augusts des Starken im Zwinger mit Aufnahmen von heutigen Feierwütigen aus der Neustadt und den Touristen im Zwinger (Procession, 2014), aber auch der Bebauung des Neumarkts und der Brühlschen Terrasse in Verbindung. Letzteres vollzieht sich in einem alten Bilderrahmen, in dem dann trickreich die Häuser des Neumarkts wegkippen (Under the Shell, 2014). Schließlich schwebt statt den bekannten Ballons noch "Ganymed" (Dislocation) am Himmel. Gunter Deller lässt unter anderem die Heiligen Drei Könige durch Hochhausschluchten heutiger Städte stürmen, angeregt von Joos van Cleves "Die große Anbetung der Könige" von 1525 (C+M+B=X, 2014). Und Barbara Lubich forderte Max Slevogts Tänzerin Marietta di Rigardo (1904) heraus, eine heutige Künstlerin arabischer Herkunft nach ihrer Sicht auf sich, aber auch ihre Reflektion der Außenwahrnehmung ihrer Person zu fragen (Homage, 2014). An anderer Stelle - dies sei erwähnt, weil man verschiedentlich auf mit den Bildern verwandte Interieurandeutungen, arrangiert mit Stücken aus dem Kunstgewerbemuseum, stößt - lässt sie, anknüpfend an Ferdinand von Rayski, im Video junge Leute im "Porträtierstuhl" Platz nehmen (Brother, 2014).

Kleine Tafeln zu den einzelnen Arbeiten und eine Abbildungsliste der "Vorbilder", worunter auch Skulpturen sind, erleichtern dem Besucher die Orientierung in der phantasiereich-anregenden Schau (ebenso ein handlicher, informativer Katalog).

bis 4. Januar, täglich (außer Mo) 10-18 Uhr, heute, 14 Uhr; Roundtable mit den Ausstellungsmachern (in der Ausstellung); morgen und am 15. November, jeweils 14 Uhr: Führung mit Meskerem Assegued (deutsch und englisch), Informationen zu weiteren Veranstaltungen www.skd.museum, Katalog 9,90 Euro (Buchhandel 19,90)

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 17.10.2014

Lisa Werner-Art

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