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Der Bezug zu Beethoven

Schostakowitsch-Tage Gohrisch Der Bezug zu Beethoven

Die Schostakowitsch Tage in Gohrisch stellen dem Werk des russischen Komponisten das Oeuvre Beethovens gegenüber. Dabei gibt es allerhand Ähnlichkeiten zu entdecken. Eine Begegnung mit dem Komponisten, Musikwissenschaftler und Schostakowitsch-Freund Krzysztof Meyer.

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Kannte seinen Beethoven aus dem Eff-Eff: Schostakowitsch mit Beethoven-Büste in seinem Moskauer Arbeitszimmer (1968)

Quelle: Association internationale „Dimitri Chostakovitch“, Paris

Dresden. Als der Komponist und Musikwissenschaftler Krzysztof Meyer Dmitri Schostakowitsch besuchte, passierte etwas ganz Besonderes: Der russische Komponist holte die „Große Fuge“ von Beethoven aus dem Notenschrank und bat seinen Gast, das Werk gemeinsam mit ihm an zwei Klavieren zu spielen. Als Meyer feststellte, dass es nur eine Partitur gäbe, antwortete Schostakowitsch, das sei kein Problem. Meyer könne die Noten haben – er selber hätte jede einzelne Stimme im Kopf. Und so war es dann auch: Dmitri Schostakowitsch offenbarte sich als Musiker, der seinen Beethoven aus dem Eff-Eff kannte. In seiner Schostakowitsch-Biografie beschreibt Meyer, wie der Komponist einmal von Beethoven schwärmte: „Bei ihm haben wir alles: Klassik, Romantik und das 20. Jahrhundert.“ Allein im Adagio der „Hammerklaviersonate“ sei „schon alles drin“, befand Schostakowitsch. Wenn man sich heute mit Meyer unterhält, erzählt er schmunzelnd eine weitere Anekdote: Beethovens neunte Symphonie kommentierte der russische Komponist einmal lakonisch mit den Worten: „Das ist schon eine tolle Sache.“

Schostakowitsch liebte es, die Schüler in seinen Kompositionskursen mit dem Aufschreiben der Exposition eines Beethoven-Werkes herauszufordern, und sowohl in seinem Moskauer Büro des Komponistenverbandes als auch in seinem Privathaus stand eine Beethoven-Büste. Kein Wunder, dass Krzysztof Meyer sich nun besonders auf die Schostakowitsch Tage in Gohrisch freut, denn dieses Mal wird hier auch das Verhältnis zwischen dem russischen Komponisten und dem Meister aus Bonn aufgerollt. „Viele Verbindungen zwischen den beiden liegen ja auf der Hand“, sagt Meyer. „Zum einen natürlich die Grundauffassung der symphonischen Gattung: Schostakowitsch stellte sich in seinen Symphonien ganz bewusst in die Tradition Beethovens, Bruckners und Mahlers.“ Ebenso wie Beethoven glaubte er daran, dass die Form der Symphonie dafür geschaffen sei, die ganze Größe der Welt als Panoptikum aufzublättern.

„Schostakowitsch hält in seinen Kompositionen stets an Beethovens Dramaturgie einer Symphonie fest“, erklärt Meyer, „gleichzeitig führt er die Form weiter, übersetzt sie in eine aktuelle Sprache und nutzt dabei etwa die Einflüsse Mahlers.“ Aber im Kern bilden Schostakowitschs Symphonien für ihn – anders als die Musik Debussys oder Ravels – eine Fortsetzung der Werke Beethovens mit neuen harmonischen und ausdrucksstarken Mitteln.

Oft sei die Nähe des Russen Schostakowitsch zu Beethovens auch konkret in den Noten ablesbar, stellt Meyer fest. Etwa in seiner fünften Symphonie, wenn Schostakowitsch das Finale aus Beethovens „Siebter“ zitiert, wenn plötzlich nur noch die Streicher das große Motiv spielen. Auch in Schostakowitschs elfter Symphonie erkennt Meyer eine Verbindung zu den symphonischen Ideen Beethovens und Mahlers: „Hier verbindet er wie seine beiden Vorbilder verschiedene musikalische Elemente zu einem Weltbild und nutzt dabei Zitate zutiefst weltlicher Musik wie die russischen Revolutionslieder.“

Für Meyer ist klar, dass es „zwischen Beethoven und Schostakowitsch nicht nur musikalisch Parallelen gibt, sondern dass sie sich auch in ihrer Positionierung von Musik und Politik nahestehen.“ Für den Musikwissenschaftler liegen viele Ähnlichkeiten auf der Hand: „Beide Komponisten waren umfangen vom politischen Weltgeschehen ihrer Zeit. Bei Beethoven wissen wir das von seiner Widmung der dritten Symphonie an Napoleon und dem Rückzug eben dieser Widmung. Und auch Schostakowitsch hatte es in Stalins Sowjetunion schwer. Die Unberechenbarkeit der Politik und des Diktators haben ihn als Menschen und Musiker massiv geprägt.“ Auch wenn sich die Abhängigkeit zur Politik innerhalb der einzelnen Werke bei Schostakowitsch nur schwer musikwissenschaftlich nachweisen lässt, findet Meyer, dass man etwa in seiner zehnten Symphonie ziemlich deutlich die Reaktion des Komponisten auf die „Große Säuberung“ von 1937 hört.

Letztlich hätten beide Musiker – Schostakowitsch wie Beethoven – eine ähnliche Konsequenz aus der Geschichte, die sie umgab, gezogen: Sie haben nicht das konkret Politische in den Vordergrund gestellt, sondern die Botschaft einer überpolitischen Humanität und Menschlichkeit. So oder so – das politische Umfeld bleibt für Meyer mitentscheidend für die Kunst und den Klang. „Ich bin sicher“, sagt er, „dass Schostakowitschs Musik massiv durch die Diktatur Stalins geprägt wurde und dass er ohne den politischen Druck in Russland, wenn er zum Beispiel in den USA geboren wäre, eine ganz andere Musik komponiert hätte – wahrscheinlich Filmmusik.“

Eine weitere Parallele zwischen Beethoven und Schostakowitsch stellt für Meyer die charakterliche Empfindsamkeit der beiden Musiker-Persönlichkeiten dar. „Von Beethoven wissen wir durch zahlreiche Überlieferungen, wie sensibel er auf sein Umfeld reagierte, und auch in seiner Musik lässt sich stets eine Grundtraurigkeit und Melancholie feststellen, selbst bei Werken wie der sechsten Symphonie oder dem dritten Klavierkonzert – damals konnte Beethoven noch relativ gut hören, war erfolgreich und hatte allen Grund glücklich zu sein. Dennoch schwingt bei ihm immer eine traurige Sinnlichkeit mit.“ Ähnlich sei es bei Schostakowitsch, „er war ein unglaublich sensibler Mensch, sehr nervös und oft auch verunsichert. Und ich glaube, dass dieser empfindsame Charakter grundsätzlich ausschlaggebend für einen guten Künstler ist“, sagt Meyer. „Sowohl bei Beethoven als auch bei Schostakowitsch sind es die persönliche Konstitution und die Weltpolitik, die ihre zutiefst menschliche Musik provoziert haben.“

Persönlich hat der Musikwissenschaftler und Komponist mit Schostakowitsch nie über den Zusammenhang von Politik und Musik geredet. „Es wäre taktlos gewesen, ihn nach all dem, was er mit dem Stalin-System erlebt hat, nach dem Einfluss der Politik auf sein Werk zu fragen“, sagt Meyer. Und überhaupt analysierte Schostakowitsch seine eigene Musik nur ungern. „Meistens rollte er dann mit den Augen, und gab die Antwort durch Schweigen: ‚Hört einfach hin, statt zu viele Worte zu machen.’“ Genau das wird in Gohrisch nun möglich sein: Bei den Schostakowitsch Tagen lassen sich die Meisterwerke Beethovens mit jenen von Schostakowitsch vergleichen – auch ganz ohne große Worte.

Krzysztof Meyer studierte u.a. bei Krzysztof Penderecki in Krakau und bei Nadia Boulanger in Frankreich. Seit 1987 hat er eine Professur an der Kölner Musikhochschule inne, wo er eine Meisterklasse für Komposition leitet. Meyer schrieb die erste polnische Monographie zu Leben und Werk von Dmitri Schostakowitsch (1973), die in zahlreichen Ländern erschienen ist und heute als ein Meilenstein der Schostakowitsch-Literatur gilt. 1980/81 vollendete er die fragmentarisch hinterlassene Schostakowitsch-Oper „Die Spieler“, die in dieser Form 1983 in Wuppertal uraufgeführt wurde und auf CD erschienen ist. Bei den Schostakowitsch Tagen in Gohrisch wird Krzysztof Meyer am 25. Juni an einer Podiumsdiskussion mitwirken (Komponieren im Schatten des Eisernen Vorhangs).

7. Internationale Schostakowitsch Tage Gohrisch, 24. – 26. Juni 2016
In Kooperation mit der Sächsischen Staatskapelle Dresden. Schostakowitsch – Beethoven – Eisler , mit Quatuor Danel, Vocal Concert Dresden, Anna Vinnitskaya, Matthias Wollong, Isang Enders, Peter Rösel, Sebastian Herberg, Uwe Tellkamp, Dresdner Streichquartett, Norbert Anger, Michael Schöch, Semper Winds Dresden u.a.
Karten in der Schinkelwache am Theaterplatz sowie unter (035021) 590 25

www.schostakowitsch-tage.de

Von Axel Brüggemann

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