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Der Band "Kunst in Dresden" blickt zurück nach 1990

Durch den Schleier eines Vierteljahrhunderts Der Band "Kunst in Dresden" blickt zurück nach 1990

Der Freundeskreis der Städtischen Galerie Dresden hat ein Jahrbuch für 1990 veröffentlicht. Sara Tröster Klemm schaut darin ein Vierteljahrhundert zurück ins Nachwendejahr - und auf das, was damals die Dresdner Kunstszene bewegte.

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Dresden. Kunstvereine in Deutschland sind zwar rege, aber eines offenbar nicht: Herausgeber von Jahrbüchern. Das muss nicht abwertend verstanden werden, schließlich bestechen Almanache mit einer meist drögen Zusammenschau der Jahreschronik, umrahmt mit vielen Danksagungen und Nennungen all derer, die auf Danksagungen und Nennungen allerhöchsten Wert legen. Also besser, da nicht noch eine Ausgabe draufzusatteln, die dann nur bleischwer in Buchhandelsregalen dem eigenen Zerfall entgegendämmert.

Oder man macht es anders, ganz anders sogar. Als fortschreibende, subjektive Erzählung eines Jahres und dessen, was in der Kunstszene einer Stadt binnen dieses Jahres passierte. Eines Jahres zudem, das schon 25 Jahre zurückliegt. So sah zumindest die Idee des Freundeskreises der Städtischen Galerie Dresden aus. Ein knappes Jahr vom Plan bis zum Buch hat es wiederum gebraucht, nun liegt es vor: "Kunst in Dresden", ein Jahrbuch für 1990, geschrieben von der jungen Kunsthistorikerin Sara Tröster Klemm. Sie schaut ein Vierteljahrhundert zurück ins Nachwendejahr - und auf das, was damals die Dresdner Kunstszene bewegte. Ein Art Zwischen-Zeit-Raum ist die Lücke von heute bis zur Ära, die betrachtet wird. Genug Zeit ging ins Land, um einen Schleier entstehen zu lassen, der zu einer gelassenen Tour der Erinnerung führen könnte. Und doch reicht diese Spanne aus, dass Zeitzeugen sich noch persönlich zu Wort melden können, um das Buch fortzuschreiben. So sieht zumindest die Vorstellung des herausgebenden Galerie-Freundeskreises aus. Erinnerung im Quadrat soll auf diesem Weg entstehen. Die Zeit wird zeigen, ob und wie dieses Angebot aufgegriffen wird.

Das Buch illustriert dabei nolens volens auch etwas, das die Stadt seit dem Ende der DDR in Schüben immer wieder erfahren hat und noch weiter erfährt: Gentrifizierung. Der Rückblick muss dabei nicht verklärend romantisch sein (und ist es auch nicht), doch die damals empfundene Chancenfülle im Sinne von "Alles ist möglich" wich offenbar bereits 1990 einer gewissen Ernüchterung. Die angehängte Liste der damaligen Galerien und Ausstellungsräume in Dresden liest sich jedenfalls zu guten Teilen wie ein Ruhe in Frieden. Wie das Bronxx in der Neustadt zum Beispiel. Es brannte in der Silvesternacht 1990 aus, im DNN-Vorgänger Union fand sich damals eine knappe Meldung und ein Foto der rußgeschwärzten Fassade des Hauses auf der Alaunstraße. Das gewaltsame Ende der Bronxx, Galerie und Coffeeshop, hatte sich dabei schon vorher angedeutet. Am 23. Dezember, so schreibt die Buchautorin, "wird die Bronxx (angeblich) von Skinheads überfallen und zerstört mitsamt den Kunstwerken von Volker Lenkeit, die dort ausgestellt sind".

Um Klarheit zu bekommen, was damals wirklich im Detail ablief, müssten wohl Polizei- und Ermittlungsakten aus jenen Tagen eingesehen werden. So bleibt es beim Einschub "angeblich". Dennoch, und das zeigt Tröster Klemm auch an anderer Stelle, ist das Problem rechter Schläger in Dresden keins, das erst in allerjüngster Vergangenheit geboren worden wäre. Ein Detail nur, doch mehr als nur eine Randnotiz.

Die Autorin hat sich als Beobachterin eine Doppelperspektive gewählt. Einerseits sind vor allem Ausgaben des Stadtmagazins SAX und des längst eingestellten reiterIN Quellen für sie. Andererseits bemüht sie sich um Blicke aus verschiedenen Blickwinkeln, die sie in Magazinen wie Cicero, in Romanen wie Peter Richters "89/90" oder in zahlreichen Ausstellungspublikationen findet. Was dagegen kaum Gewicht erhält, sind Berichte und Artikel hiesiger Zeitungen.

Tröster Klemm schreibt all das sehr flüssig, fast flott. Umrahmt von den Fotos Betty Schöners ergeben sich 110 Seiten des Erzählens, ohne dass Langeweile aufkommt, ohne dass die Kunsthistorikerin kunsthistorische Kontexte auch groß bemühen würde. Es geht mehr um (Stadt-)Geschichte als um Kunstgeschichte. Vor- oder Nachteil? Um das zu beantworten, sollten wohl die für die kommenden Jahre im selben Stil vorgesehenen Nachfolge-Ausgaben abgewartet werden. Denn dieses Buch bildet den Auftakt einer Reihe, eine Fortsetzung ist sicher. Die 25-Jahre-Lücke der Rückschau aber bleibt bestehen. So folgt 2016 der Blick auf 1991. Und auch die Autorin wird, sollte sich nichts ändern, wieder Sara Tröster Klemm heißen. "Lesbar, aber wissenschaftlich fundiert", fasste sie ihr Credo bei der Buchvorstellung jedenfalls treffend zusammen.

Das Buch ist im Buchhandel für 19,90 Euro erhältlich (ISBN: 978-3-981 7792-1-9), für Mitglieder des Vereins für 12 Euro (zzgl. Versand). Bestellungen: info@cm-vuv.de, tel. 0351/80729 0 (-25)

Link zum ebook: www.freunde-sgd.de/wp-content/themes/sgd-dresden-fk/ebook-jahrbuch-1990/

von Torsten Klaus

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