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Der Bachmann-Preis ist vorerst gerettet - Katja Petrowskaja gewinnt ihn 2013

Der Bachmann-Preis ist vorerst gerettet - Katja Petrowskaja gewinnt ihn 2013

Am Ende konnte man erleben, wie unterschiedlich Menschen ihre Gefühle ausdrücken: Da gab es bei der Preisvergabe des Ingeborg-Bachmann-Wettbewerbs herzliche Umarmungen.

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Ausgezeichnet in Klagenfurt: Katja Petrowskaja hat den Bachmann-Preis gewonnen, Benjamin Maack den 3sat-Preis.

Quelle: Gert Eggenberger dpa

Es gab kumpelhaftes Schulterklopfen. Oder auch ein kurzes, förmliches Händeschütteln. Und es gab gestern kurz nach elf Uhr Jubelrufe und tosenden Applaus im ORF-Landesstudio in Klagenfurt: Alexander Wrabetz, Generaldirektor des öffentlich-rechtlichen österreichischen Senders, hatte zuvor verkündet: "Der Bachmann-Preis bleibt."

Extra aus Wien war der smarte Generaldirektor in die Kärntner Landeshauptstadt gereist, um die gute Nachricht höchstselbst zu verbreiten. Eineinhalb Wochen ist es her, dass der ORF angekündigt hatte, aus Spargründen das traditionelle Wettlesen nicht mehr finanzieren zu wollen. Für den Wettbewerb hätte ein Rückzug des ORF wohl das Aus bedeutet, der Sender trägt nahezu alle Kosten.

Die angedrohte Sparmaßnahme hat die Literaturszene im deutschsprachigen Raum aufgeschreckt. Auch wenn seit Jahren viele Autoren, Lektoren und Literaturkritiker über das Spektakel meckern - missen mag es kaum einer. So gab es in den vergangenen Tagen viele Solidaritätsbekundungen für das Wettlesen und ebenso reichlich Medienschelte für den ORF. In der Wiener Zentrale, wo die Sparmaßnahmen verhandelt werden, hatten die Entscheider wohl unterschätzt, wie angesehen die "Tage der deutschsprachigen Literatur" sind. Nicht immer weiß man in den Chefetagen, was an der Basis geschieht.

Gestern nun sagte ORF-Chef Wrabetz: "Wir sind stolz auf diesen Preis." Der Wettbewerb bleibe - und zwar in Klagenfurt, im Fernsehen und im Internet. Man will jetzt nach weiteren Sponsoren suchen. Dass das vom Sender 3sat live übertragene Vorlesen in diesem Jahr in 60 Ländern via Internet verfolgt wurde, hat Wrabetz wohl beeindruckt. Zumindest sprach er diese Zahl mit einer Mischung aus Unglauben und Respekt aus.

Die sieben Juroren wiederum waren beeindruckt von Katja Petrowskaja. Die Autorin, 1970 in Kiew geboren und seit 1999 in Berlin zu Hause, erzählt in ihrem Text "Vielleicht Esther" von einer jüdischen Großmutter, die 1941 verschleppt und ermordet wurde. Dieser Romanauschnitt - eine "gelungene Aneignung der Historie durch eine Nachgeborene", so der Jury-Vorsitzende Burkhard Spinnen - zählte zu den Favoriten für den mit 25000 Euro dotierten Hauptpreis. Das lag vor allem an dem flirrend-leichten Tonfall, mit dem die Autorin die traurige Geschichte erzählt. Jurorin Hildegard Keller, die die Gewinnerin nach Klagenfurt eingeladen hatte, bedankte sich für dieses "große Geschenk an die deutsche Sprache und Literatur".

Katja Petrowskaja, deren Roman "Vielleicht Esther" im Frühjahr bei Suhrkamp erscheinen soll, war so ergriffen von dem Gewinn, dass sie erstmal weinte - und sich dann bei Hildegard Keller mit einer langen, herzlichen Umarmung für deren Laudatio bedankte. Ein bisschen erinnert der Tonfall der aktuellen Preisträgerin an den der Vorjahresgewinnerin Olga Martynova, die ebenfalls aus der ehemaligen UdSSR stammt und seit langem in Deutschland lebt. Petrowskaja und Martynova gehören zu den zahlreichen Klagenfurt-Teilnehmern, deren Muttersprache nicht deutsch ist. Wie die gebürtige Ungarin Terézia Mora, die 1999 den Bachmann-Preis gewann und durch den Auftritt in Klagenfurt schlagartig und nachhaltig bekannt wurde. Der aus Bulgarien stammende Ilija Trojanow hat zu Beginn seiner Laufbahn eine Nebenauszeichnung beim Wettbewerb erhalten, und Feridun Zaimoglu und Sasa Stanisic waren ebenfalls erfolgreich dabei.

Seit 1977 versammeln sich jeweils für drei Tage Autoren, Verleger, Lektoren und Journalisten am Wörthersee, um neue Literaten und neue Literatur zu entdecken. 14 Autoren lesen jeweils 30 Minuten aus einer noch unveröffentlichten Arbeit, anschließend debattieren die Juroren knapp eine halbe Stunde darüber - alles vor laufender Kamera.

Als sie gestern die Laudatio auf Heinz Helle hielt, der den Ernst-Willner-Preis (dotiert mit 5000 Euro) bekommen hat, sprach Jurorin Daniela Strigl von einem Original und von Abziehbildern, die in Helles Text auftauchen. Der Klagenfurter Wettbewerb ist auch ein Original: Es gibt diverse Abziehbilder - doch die Bedeutung des Wettlesens am Wörthersee hat bislang keine von ihnen erreicht.

Jury-Chef Burkhard Spinnen wirkte bei der Abschlussrede ergriffen. Weil er nicht gewusst habe, ob er nun über das Aus des Wettbewerbs oder über die Perspektiven würde sprechen müssen, habe er nichts vorbereitet, sagte er. Deshalb wirke er wohl ein bisschen wie ein Oscar-Preisträger bei der Dankesrede. Spinnen scheute sich nicht, sich wie ein solcher zu benehmen - und grüßte seine Mutter: "Mama, schön, dass du wieder drei Tage zugeschaut hast."

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 08.07.2013

Martina Sulner

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Von Redakteur Martina Sulner

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