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Der Autor und Regisseur René Pollesch inszeniert erstmals am Staatsschauspiel Dresden

Der Autor und Regisseur René Pollesch inszeniert erstmals am Staatsschauspiel Dresden

Als René Pollesch vor zehn Jahren im Prater in Berlin "Stadt als Beute" gab, waren - gelinde gesagt - viele irritiert von diesem speziellen Pollesch-Universum: radikale Brüche mit konventionellen Theaterformen; Schauspieler, deren Stimmen in Endlos-Loops durch den Bühnenraum hallten, wenn sie überhaupt auf der Bühne erschienen, anstatt auf der Hinterbühne unsichtbar zu bleiben; komplizierte Textmassen, die nur durch die Anwesenheit der Souffleuse auf der Bühne bewältigbar waren und ein Bühnenraum, der die ganze Stadt umfasste.

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Der Regisseur René Pollesch wurde wurde 2012 mit dem Elke-Lasker-Schüler-Dramatikerpreis ausgezeichnet. Er hat die mit 15 000 Euro Auszeichnung für Theaterautoren für sein dramatisches Gesamtwerk erhalten.

Quelle: Claudia Esch-Kenkel

René Pollesch war nicht immer der heutige Erfolgsgarant für die deutschsprachige Theaterlandschaft. Auf sein Studium der Angewandten Theaterwissenschaft in Gießen folgten Jahre der Arbeitslosigkeit und Durststrecken mit geringem Einkommen. Das änderte sich erst mit seiner Inszenierung der "Heidi Hoh"-Trilogie am Berliner Podewil Theater (1999-2001), die Pollesch viel Anerkennung bringen sollte. Fortan wurde er gefeiert und mit renommierten Theaterpreisen bedacht (2001 für "world wide web-slums" und 2006 für "Cappucetto Rosso" mit dem Mülheimer Dramatikerpreis; jüngst mit dem Else-Lasker-Schüler Preis für sein dramatisches Gesamtwerk). Er inszeniert seine Texte regelmäßig an der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz in Berlin, wo er neben Frank Castorf das künstlerische Profil des Hauses entscheidend prägt. Der spezifische Pollesch-Sound gehört mittlerweile zum kanonisch-postdramatischen Repertoire nationaler und internationaler Theaterbühnen. Erstmals wird dieser Pollesch-Sound nun am Staatsschauspiel Dresden zu hören sein, wenn René Pollesch als Autor und Regisseur - in Personalunion - "KapiTal der Puppen" im Kleinen Haus uraufführt.

Die Arbeitsweisen Polleschs sind dabei noch immer eine Herausforderung für die Dramaturgieabteilung. Ein Stück im herkömmlichen Sinne eines dramatischen Textes gibt es nicht. Und auch sonst gibt es nicht viel. Immerhin - es gibt den Titel "KapiTal der Puppen". Damit zumindest lassen sich einige Überlegungen anstellen: Der Titel nämlich geht zurück auf den Film "Das Tal der Puppen" von Mark Robson aus dem Jahre 1967. Es geht darin um die Schattenseiten des Showbusiness und den Kampf dreier Frauen zwischen Glamour, Sex und Drogen. Sicherlich wird die Inszenierung keine Nacherzählung des Filmes werden; es ist aber zu vermuten, dass die darin verhandelten Schauspielerschicksale aufstrebender Nachwuchssternchen in einer unbarmherzigen Scheinwelt als Folie für Polleschs Arbeit dienen. Die unauflösbare Frage nach gleichzeitiger Repräsentation und Präsenz des Schauspielers ist genauso wiederkehrendes Thema wie die zunehmende Ökonomisierung öffentlicher und privater Lebensbereiche in vielen Arbeiten Polleschs.

Im Pollesch-Kosmos gibt es, anders als in der Theaterpraxis üblich, zum Zeitpunkt des Probenbeginns keinen dramatischen Text. Es gibt überhaupt keinen Text. Stattdessen wird das Ensemble allerhöchstens mit einer Ansammlung kunst-philosophischer und wissenschaftlicher Materialien versorgt, die als mögliche Grundlage für ein Thema dienen. Pollesch widerstrebt der Gedanke an ein fertiges "Werk", das es zu inszenieren gilt. Er nimmt die Schauspieler vielmehr in die Pflicht, selbstverantwortlich zu agieren, in dem er sie zu Ko-Autoren, zu Mit-Arbeitern und Ko-Produzenten seiner Textpartituren macht. Die Entstehung von Textmaterial passiert unmittelbar in der kollektiven Arbeit mit dem Ensemble. Diese Arbeitsweise ist an sich schon bemerkenswert. Der Eindruck des "Unfertigen" wird noch verstärkt: Polleschs Texte sind auch nach der Premiere vor weiteren Umstellungen, Eingriffen und Veränderungen nicht gefeit. Ganz im Sinne der Shakespeare'schen Stückgenerierung, wonach der Autor auf die Wirkung seiner Dialoge beim Publikum schielte, werden die Texte auch bei Pollesch bei Bedarf umgearbeitet. Diese Veränderungen sind, wenn man so will, eine direkte Antwort auf die Zuschauerreaktionen. Jeder Satz wird auf seine Tauglichkeit überprüft und je nach "feedback" aus dem Zuschauerraum behalten, geändert oder gestrichen.

Polleschs Stücke nachinszenieren indes darf niemand. Die Autorschaft und Inszenierungstätigkeit sind aneinander gebunden und liegen ausschließlich bei ihm.

Pollesch-Texte wirken, als würden Tagebuchnotizen mit Theorieschriften von Michel Foucault, Jacques Lacan oder Giorgio Agamben vermixt. Einmal vom Redecocktail genippt, lassen die Schauspieler den Pollesch-Sprachkosmos ex- und implodieren, in dem sie seine Texte halsbrecherisch herunterschlucken, lautstark ausprusten oder genüsslich schlürfen. In einem Interview hat der Autor und Regisseur René Pollesch einmal gesagt: "Ich mache Diskurstheater. Es geht nicht darum, alles zu verstehen. Die Beschäftigung mit Theorien ordnet aber die Erfahrungen."

Wenn René Pollesch nun als Autor und Regisseur am Staatsschauspiel Dresden aktiv wird, ist auch nicht garantiert, dass wir alles verstehen. Sicher ist nur eines: Pollesch-Abende sind im Wortsinne leibhaftig energetisch. Auf der Bühne verrenken sich Schauspieler in aberwitzigen Posen zu lustigen Texten, und im Zuschauerraum hält man sich nicht selten die Bäuche vor Lachen. Für Nicht-Pollesch-Kenner sind dessen Arbeiten erstmal eine Herausforderung. So wenig wie es einen fertigen Text gibt, gibt es eine festgelegte Rollenaufteilung. Alle sprechen alles. Das führt so weit, dass selbst die Geschlechteridentität negiert wird. Das Ergebnis: gender trouble.

In ihrem gleichnamigen und wegweisenden Buch vertritt die US-amerikanische Philosophin Judith Butler die radikale These, dass die biologischen Unterschiede von "Frau" und "Mann" lediglich das Ergebnis diskursiver und performativer Wiederholungen sind. Diesen Gedanken nimmt Pollesch in seinen Arbeiten immer wieder auf, indem er die Unterscheidung der Geschlechter als Reflexion über die Geschlechtszuschreibung thematisiert und gerade nicht mit geschlechtlich eindeutig markierten Bühnenfiguren identisch besetzt. Es wäre aber kein Pollesch-Theater, wenn nicht jede These auch die Gegenthese heraufbeschwört. Kritisch hinterfragt und gerne widerlegt wird praktisch alles, was Normativität behauptet.

Die vielschichtigen Textcollagen zirkulieren zwischen den Sprechern. In Turbo-Hochbeschleunigungs-Sprach-Suaden pressen die Schauspieler die gesampelten Textabschnitte hervor und setzen so auf die Wucht der Unmittelbarkeit. Die Sprache geht in den Körper und durch ihn hindurch. Der spezifische "Pollesch-Sound" zeichnet sich durch eine enorm schnelle und überartikulierte Sprechweise aus, die sich jeder Einfühlung in eine Figur verweigert.

Tempolimit gibt es bei Pollesch nicht; alle sind auf der Überholspur. Sich überschlagende Stimmen stellen das "Unperfekte", die Störung und Spaltung aus, die der Autor immer wieder sucht und wünscht: In dieser "intendierten Imperfektion", wie es die Theaterwissenschaftlerin Bettina Brandl-Risi nennt, zeigt sich die eigentliche Virtuosität sowohl der darstellerischen Leistung wie auch der komplexen Texte. Bei Pollesch werden die Schauspieler zu Denk- und Sprachmaschinen, die in Höchstgeschwindigkeit über unser nervöses Zeitalter reflektieren - radikaler und stimmiger lässt sich die Unstimmigkeit unserer Welt vielleicht gar nicht fassen. Scharfzüngig analysiert René Pollesch gegenwärtige neoliberale Verhältnisse und verpackt sie in humorvolles Sprech- und Körpertheater. Unser desolater gesellschaftlicher Zustand wird von ihm schonungslos unter die Lupe genommen. Aus einem Potpourri juxiger Trivialität und vielschichtigen Theoriekonstrukten geht Pollesch auf die Spurensuche nach falschen und wahren Empfindungen in der Spätmoderne.

Das vielleicht Lustigste an Pollesch-Aufführungen ist, dass man unendlich viel Spaß, im Grunde aber einer hochkomplexen Veranstaltung beigewohnt hat - ohne es zu merken. Seine Abende sind wie Wundertüten. Jede Premiere ist eine Überraschungspremiere. Wann hat man schon mal ein Blind Date mit dem Theater? *Julia Weinreich arbeitet als Dramaturgin am Staatsschauspiel Dresden.

"KapiTal der Puppen" von René Pollesch, Regie: René Pollesch, Uraufführung am 15. Februar, 19.30 Uhr, Kleines Haus 2

weitere Aufführungen: 19. und 27.2.; 9. und 22.3.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 12.02.2013

Julia Weinreich

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