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Der 19. Schaubudensommer war wieder ein Fest

Jubiläum 2017 steht noch auf vagen Füßen Der 19. Schaubudensommer war wieder ein Fest

Ein warmer, voller und schöner Sommerabend war es, der am Sonntag die 19. Ausgabe des Dresdner Schaubudensommers hinter der Neustädter Scheune gebührend beschloss. Dennoch ist der zwanzigste Schaubuden-Akt im Juli 2017 kein Jubiläumsselbstläufer. „Wir beraten im Herbst und verkünden spätestens im Oktober, ob und wie es weitergeht“, erklärt der künstlerische Leiter.

Anna Mateur (l.) und Cora Frost spielen „Schrödingers Datsche“ in der Scheune beim 20. Schaubudensommer in der Dresdner Neustadt.
 

Quelle: André Wirsig

Dresden.  Ein warmer, voller und schöner Sommerabend war es, der am Sonntag die 19. Ausgabe des Dresdner Schaubudensommers hinter der Neustädter Scheune gebührend beschloss. Mit dem Abschlusskonzert vom Neofarius Orchestra, nach eigenen Angaben aus Berlin, Odessa und Guadalajara stammend und 1883 gegründet, begann die interne Party, die nahezu fließend in den rasanten montäglichen Abbau überging und die die Anwesenden unter insgesamt 87 Künstlern aus elf Ländern, die an elf Abenden mindestens drei Shows hatten, gemeinsam mit den rund 60 Organisatoren und Helfern unter Hut- statt Schirmherrschaft der „künstlerischsten Leiter von allen“, bürgerlicherseits als Helmut Raeder und Heiki Ikkola bekannt, begangen.

Die Hälfte der guten Geister widmete im reinen Ehrenamt als gut behütete Recommandeure ihre privaten Ferienspiele im Vollzeit- und -körpereinsatz dem arteigenen Volksfest. Diese, zu zwei Dritteln weiblich, hatten einiges zu tun, vor allem bei richtigem Andrang der Höhepunkte, die sich per Flüsterpropaganda schnell herumsprachen und dann, war allem als Zeltschwarm, energisch Zuspruch erfuhren. Denn die Veranstalter zählten über 14.000 Besucher an elf Abenden, bei denen nur eine lahme Männer-Europameisterschaft im Endstadium ein wenig störte, während der Klimawandel sich unwetterfrei benahm und zweidimensionale Netzmonster keinen Zutritt hatten.

Für viele zählt seit jeher vor allem das Fluidum auf dem Festplatz, aber auch über 20 000 Einzeltickets wurden gebucht. Da diese Zahlen mehr öffentlicher Schall, denn streng arithmetischer Rauch sind, weiß jeder, denn genaueres entzieht sich der Erkenntnis, weil einerseits vor acht Uhr freier Eintritt löckt, andererseits jene Künstler, die das faszinierende Jahrmarktflair ausmachen, auf eigene Kasse agieren. So sind die offiziell verkündeten eintausend Besucher weniger als 2015 gar kein Problem, wie ein zutiefst glücklicher Ikkola – mit Cie. Freaks und Fremde amtierender Kunstpreisträger der Stadt und am letzten Wochenende selbst per „Life on Mars“ am Start – verkündet: Tausend Leute pro Abend auf dem Platz sei der seriöse Zielwert, bei dem das Konzept gut greift und alle zufrieden sind. Am ersten Sonnabend und am Abschlussabend waren es weit mehr, was gut fürs rahmende Schaubudengetümmel gerät, so dass auch Kartenlegerin Ivonne Burmann, das Kurzfilmkino Funkelflix und der Salon Tusch als DADA-Schrein gute Resonanz, sichtbar als Menschenschlange, erfahren.

Dabei war die Konkurrenz am letzten Wochenende echt hart: Im großen Saal sorgte Anna Mateur – wie immer beim Heimspiel – für eine lange Schlange vor jeder Show, die in Dreierreihe über die Metalltreppe, hoch zum großen Saal, wabbert: Die Neustädterin bot, unterstützt von ihrer Berliner Kolleginnenfreundin Cora Frost und dem begnadeten Gitarristen Hamid Jamshidi, „Schrödingers Datsche“. Diese, recht kompakt vorgetragen und mit genug Raum für Musik gesegnet, bietet durchaus abendfüllendes Potenzial, wobei Quantenphysik nur eine assoziierende Bedeutung hat.

Kirschblüteninvasion und Blitzkunstratsch

Denn anders als bei dessen Katze geht es hier um Japaner als Invasoren, die über einen Spalt im Garten nach Deutschland eindringen und alles – vor allem per pinker Kirschblütenflut – japanisieren. Dagegen wehrt sich Anna M. alias Frau Zenker mit diversen Initiativen vom Schreibtisch aus, aber auch in großer Sumomanier gegen Samurine Frost, während Jamshidi als schweigender Sidekick alles unterschreibt, was ihm die knallgelbe, mehrfachbeschlüpferte Komödiantin hinhält. Darunter alle möglichen Asylunterlagen in schönstem, weil echten Bürokratenduktus und eine Heiratsurkunde samt Ehevertrag.

Das nahmündliche Empfehlungssystem, also der Blitzkunsttratsch, funktioniert auch in anderer Richtung: „Gilgamesh“ sei schon gewöhnungsbedürftig, so die Warnung vor dem Pakistani Ahsan Nadeem Sheikh, der in ewiger gleicher Bauchtanzanmutung zwischen zwei großen Papp-Phalli herumsteppt, während sein Kompagnon, Bariton Martin Keller, die Story von jenem Gilgamesch, zu zwei Dritteln Gott, zu einem Drittel Mensch, samt dessen Bock auf „göttliche Wildkuh“ erzählt und der finale Beilkampf einfrierend entfällt. Am Ende untermalen Studenten mit Hippsteroutfit den freundlichen Beifall mit ironischen Zugaberufen, um danach den Kulturbegriff neu zu diskutieren. Sie wären parallel beim Lockblockflötenvirtuosen Gabor Vosteen aus Ungarn oder bei den Tänzern von Postskriptum aus Spanien sicher besser aufgehoben gewesen. Doch nur Versuch macht klug.

Glücklich ist Heiki Ikkola vor allem deshalb, weil sich immer wieder weltweitgereiste Künstler offenbaren, dass diese Art von Festival wunderbar einmalig sei. Vergleicht man es mit dem diesmal zeitgleich stattfindenden Görlitzer Straßentheaterfestival ViaThea, welches drei Jahrgänge mehr auf dem Buckel hat so zeigt sich das Dresdner Konzept zunehmend als das nachhaltigere, was sich inzwischen auch an Umsatz und Andrang widerspiegelt. Weil dort mittlerweile die großen, expansiven Platzshows auf dem Obermarkt fehlen und dort ein normaler Fressmarkt simple Stadtfestatmosphäre verströmt, bleiben auch die Zuschauer weg. So sprechen die Organisatoren, die seit über einem Jahrzehnt mit rund 130 000 Euro auskommen müssen, heuer nur noch von „Tausenden Zuschauern“, während man in den guten Zeiten, also vor dem Neißehochwasser 2010, vorsorglich die Obergrenze bei 60 000 zog und als Zahl angab. Nun ist das Fest sogar für ortansässige Semiprofis, die für den Hut und/oder die Ehre spielen, geöffnet, während das für den kostenlosen Genuss erforderliche recht dünne Programmheft inzwischen fünf Euro kostet. Das von Max Rademann gestaltete Dresdner kostet zwei, ist aber dafür doppelt so groß und dick. Dazu aussagekräftiger und schöner.

Dennoch ist der zwanzigste Schaubuden-Akt im Juli 2017 kein Jubiläumsselbstläufer. „Wir beraten im Herbst und verkünden spätestens im Oktober, ob und wie es weitergeht“, erklärt Ikkola. Der Grund der erneuten Unsicherheit: Der genutzte Schulhof wird nächstes Jahr umgebaut und fällt auf jeden Fall aus. Ob er danach überhaupt wieder zur Verfügung steht, darüber gibt es keine Aussagen. Von den neuen Satelliten funktionierten Projekttheater und Thalia-Zelt gut, während die Shows aus der Groovestation, nur über den abschreckenden, lauten Betonvorplatz zu erreichen – ab Dienstag wegen mangelnden Besuchertransfer mit ins große blaue Zelt hinter der Scheune integriert wurden. „Die Zusammenarbeit mit allen war perfekt“, lobt Ikkola die Kulturnachbarn, nun müsse man neue Ideen entwickeln. Es gelte aber wie im Vorjahr: Generell sei ein anderer Ort für alle unvorstellbar.

Von Andreas Herrmann

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Auch der diesjährige Schaubudensommer soll wieder Jahrmarktgefühle wecken.

Alle Jahre wieder die gute Nachricht zuerst: Der Scheuneschaubudensommer findet statt – und feiert an den elf Sommerabenden vom 6. bis 16. Juli gar Jubiläum. Er werde „zarte 20 Jahre“, so steht es auf Seite 2 des schicken, 58-seitigen Programmheftes, dieses Jahr von Anett Bauer gestaltet.

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