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Der 18. Dresdner Schaubudensommer war ein Fest - der nächste Jahrgang steht in den Sternen

Der 18. Dresdner Schaubudensommer war ein Fest - der nächste Jahrgang steht in den Sternen

Es war ein schöner Abschlussabend, der am Sonntag die 18. Ausgabe des Dresdner Schauspielsommers hinter der Neustädter Scheune beschloss.Die große Hitze und das Unwetter waren durch, ein angenehmer Sommerabend mit ein wenig voreilig herbstlicher Frischluft verabschiedete.

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Parforce-Pantomime plus livehaftige Lautuntermalung: Preskrasnye Zvety aus der Ukraine.

Quelle: André Wirsig

Es war ein schöner Abschlussabend, der am Sonntag die 18. Ausgabe des Dresdner Schauspielsommers hinter der Neustädter Scheune beschloss.

Die große Hitze und das Unwetter waren durch, ein angenehmer Sommerabend mit ein wenig voreilig herbstlicher Frischluft verabschiedete. Die Veranstalter zählten über 15 000 Besucher an elf Abenden, für die vor allem das Fluidum zählte. Wer eingesessene Neustädter oder aktive Künstler lange nicht traf - so war hier die Gelegenheit zur beobachtenden Teilhabe oder zum aktiven Austausch. Zum Beispiel über die Porträtgemälde auf dem Konzertplatz, darunter eine große, witzige Baselitz-Adaption von Christopher Haley Simpson, die eine verkehrte Nackte vor der Frauenkirche zum Zeitpunkt des ersten Schaubudensommers zeigt.

Aber auch zum Finale gab es genügend darstellende Kulturperlen zu erleben, die sich - zählt man alle Programmsternchen auf Tages- und Festivalmatrix zusammen - locker auf über 500 Optionen, also Einzelauftritte, summieren. So reiste Major Tom noch einmal durch den The Big Hole genannten Wellblechpalast. Tobias Herzz Hallbauer, vor kurzem noch der treibende Gesangspart bei einer Salomé gewidmeten Landesbühnenproduktion im benachbarten Projekttheater, war nun hier live als Sønderling zu erleben und präsentierte fünf Songs von David Bowie in neuen Arrangements, meist in Halbplayback. Das weckt Erwartungsfreude auf die nächste Produktion der Cie. Freaks & Fremde, für die der Soundtrack bestimmt ist, denn die volle Show wird als "Loving the Alien" ab November im Societaetstheater zu sehen sein. Hier gab es dazu eine schwarzgekleidete Muse und ein Schwarz-Weiß-Video.

Die lange Schlange hingegen verriet die alte Echse. Diese kann nur noch im großen Saal, der eng bestuhlt rund 220 Plätze fasst, auftreten. Michael Hatzius ist so beliebt, dass man gern auf der Stahltreppe ausharrt und sich freut, der oder die Erste zu sein. Er bot zwei leicht differenzierte Programme, die er ungeniert als öffentliche Probe für die neue Premiere ("Echstasy"), mit der er im Herbst auch nach Dresden und Weinböhla kommt, bezeichnet und die anderen "da unten im Rindenmulch" echst. Am Sonntag hatte er dazu ein neues, reichlich häßliches Huhn zu Gast, dass der Echse so viel verdankt und ihr Gummientchen gleich direkt, also lebend gebärt. Deren Geschichte - und auch der folgende Auftritt des Stars - ist herrlich böse und immer ein Erlebnis.

Besser noch aber die Show von Preskrasnye Zvety aus Charkow, die sich auf Englisch Theatre Beautiful Flowers nennen und hier als Trio einen Auszug aus ihrem Startprogramm von 2011 namens "Ratte" boten. Dabei bieten Artem Vusik, Igor Kliuchnyk und Denis Chmelyov einen rasanten Parforceritt in die Zeiten der Stummfilmdebakel, wobei die Szenerie davon lebt, dass alle Töne live vorgetragen werden und haargenau zu den Bewegungen passen. Hier wird verfolgt, gerungen, geschlottert, geschossen und gestorben - so dass es eine Freude ist. Beim Zuschauen.

Heiki Ikkola, der gemeinsam mit Festivaldirektor Helmut Raeder gemeinsam seit acht Jahren die künstlerische Leitung inne- und damit auch einen Hut auf hat, fasst den Jahrgang recht unspektakulär zusammen: "Es war eigentlich ein typisches Festival: Nach harter Arbeit der Vorbereitung stehen plötzlich die Leute Schlange und die Künstler geben uns ein ebenso positives Feedback, dass es so etwas seinesgleichen sucht. Dann schwebt man rund zehn Zentimeter über dem Erdboden", schmunzelt er, verweist aber auf die Gäste aus den USA, Pakistan und der Elfenbeinküste, die verbindend wirken, aber starke kulturelle Kontraste setzten.

Die Luftdekoration auis Baubändern, die man ja vielleicht auch als deutsch-polnischen Schulterschluss gen Wrocaw 2016 unter Kultur- und Bruderstädten hätte deuten können und die durch Nachlass der Spannkraft mit der Zeit für immer mehr Leute auf Augenhöhe geriet, offenbarte einen ernsten Hintergrund: die Schaubudenoase als Dauerbaustelle - bis zur Volljährigkeit gut gelitten - steht unter Duldungsvorbehalt. Viele Besucher durften jetzt erstmalig die Kastration des Scheunegartens durch das neue grüne Sporthallenmonster nebenan bemerkt haben, im nächsten Jahr sollen auch der lauschig bespielte Dreikönigsschulhof und die Turnhalle saniert werden.

So ist noch nicht klar, ob, wann und in welcher Form die 19. Edition des internationalen Festivals für Theater, Vergnügen und Musik in Dresden stattfinden kann. Denn dass man solch ein als Prozess gereiftes Festival nicht einfach aufs Niveau des ersten Jahrzehnts schrumpfen kann, zumal selbst dieser Platz hinter der Scheune heute nicht mehr vollständig zur Verfügung steht, ist klar. Und auch der Scheune-Vorplatz steht ab Herbst unter akutem Bebauungsverdacht, nur selten gelang ähnliches in Dresden dezent bis rücksichtsvoll.

Immerhin 67 aktiv Mitwirkende vermeldet das dicke Programmheft per Impressum als aktuell Betroffene, alle 26 Recommandeure in schickem Schwarz-Weiß darunter, die den Einlass an allen neuralgischen Punkten regelten, sind reine Ehrenamtler. Sechs Leute umfasst das Kernteam, die der Schaubude Dresden e.V. zur Organisation beschäftigt - diese werden Ende des Jahres nach einer Ortsbegehung in Ruhe über das Wohl und Wehe des 19. Budenzaubers entscheiden. Alles andere bleibt abzuwarten. Nur eins gilt. Derzeit, so betont Ikkola, sei ein anderer Ort für alle unvorstellbar.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 28.07.2015

Andreas Herrmann

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