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Denis Scheck und Andreas Fröhlich brachen bei Thalia eine Lanze für Tolkien und seine Geschöpfe

Denis Scheck und Andreas Fröhlich brachen bei Thalia eine Lanze für Tolkien und seine Geschöpfe

Wie synchronisiert man Andrew Serkis, der in Peter Jacksons Tolkien-Filmtrilogie "Der Hobbit" den Gollum spielt? Vor dieser Frage stand der Schauspieler Andreas Fröhlich, nachdem ihm angetragen worden war, Gollums deutsche Stimme zu sein.

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Denis Scheck

Quelle: Archiv

Er probierte und probierte - "und dann hatte ich den Gollum-Groove", wie er bei der von den DNN präsentierten Lesung in der Thalia-Buchhandlung verriet. So verwandelt, schlüpfte er abends ins Bett und greinte in Gollum-Manier zur holden Frau "Mein Schatz".

Er war nicht allein gekommen. Sein kongenialer Podiumspartner - der es als "unglaubliches Plaisir" bezeichnete, in Dresden zu sein - war der Literaturkritiker Denis Scheck, auch er ein bekennender Fan von Tolkien und dessen Büchern. Es wurde eine denkwürdige Veranstaltung, auch wenn die beiden Hobbitologen Scheck und Fröhlich von der Idee Abstand genommen hatten, diesen auf Elbisch zu gestalten. Die Arbeitsteilung war schnell klar: Fröhlich plaudert, wie das so läuft im Synchronisations-Business im deutschen Filmbetrieb. Und Scheck "kitzelt" ihn, streut lockere Witze und Zwischenfragen ein. An sich ist - das ein überraschend ehrliches Geständnis - der "vorzugsweise in der Dunkelkammer arbeitende" Fröhlich kein großer Fan der Synchronisation von Kinofilmen. Er selbst sieht sich diese lieber im Original an, was auch damit zusammenhängt, dass der Pool an Synchronsprechern im Land klein ist, Fröhlich also alle Berufskollegen kennt. Was den Hobbit-Film angeht. Für jeden grunzenden Ork wurden Probeaufnahmen mit verschiedenen Sprechern gemacht, Regisseur Peter Jackson wählte dann aus.

Den Vorwurf, der unverdrossen aus den literarisch-kritischen Festungen des Abendlandes kommt, Fantasy-Literatur sei doch schierer Eskapismus, also Flucht aus der Wirklichkeit, findet Scheck lächerlich. "Aber deshalb lesen wir ja, um mal auszusteigen aus der Wirklichkeit", lässt der Literaturliebhaber die Zuschauer wissen. Und was den anderen Vorwurf von vermeintlich "aufgeklärten" Deutschen angeht, von Tolkien zu behaupten, er sei faschistoid, und wenn nicht das, dann doch zumindest reaktionär, weil in seinen Werken so viel von Blut und Boden die Rede ist, erteilt er eine Absage. Er liest einen Brief Tolkiens aus dem Jahr 1938 vor, der deutlich macht, wie viel der bekennende Konservative und grundgelehrte Oxforder Sprachwissenschaftler Tolkien vom Gerede einer arischen Rasse hält: nichts. Eines wolle er allerdings einräumen, meinte Scheck: "Tolkien war ein ,elender' Chauvinist." In der Tat. Frauen gibt's fast keine, aber es reicht, dass Scheck die Galadriel, die mächtige Königin der Elfen im Dritten Zeitalter, "eine der großartigsten Figuren der Weltliteratur" nennt.

Scheck verriet, dass für ihn Tolkiens "Herr der Ringe" zeitweise die beste Interpretation des Zweiten Weltkriegs war, der dunkle Herrscher "postlagernd über die Reichskanzlei zu erreichen" war. Allerdings hat Tolkien diese Lesart immer abgelehnt, wie Scheck einräumte. Jeder findet bei Tolkien eben das, was er sucht. Man kann das Los der Zwerge als jenes sehen, das im 21. Jahrhundert Flüchtlinge aller Art trifft.

Dann hatte Gollum seinen Auftritt. Fröhlich las, nein spielte die Passage "Rätsel im Dunkeln". Es ist jene Szene, die ein Bonbon der Kinogotik ist - so kammerspielhaft präzise wie fantastisch hat Jackson getreu nach Tolkien den unheimlichen, unter die Haut gehenden Rätselwettkampf zwischen Bilbo Beutlin und Gollum in der eiskalten Höhle inszeniert, beginnend mit den Worten "Spritz und Spucke, mein Schatzzzz! Was für eine erstklassige Mahlzeit, wenigstens ein saftiger Bissen, gollum", wobei gollum, von dem die Kreatur den Namen hat, nicht nur in Hobbit-Ohren ein ätzender Kehllaut ist. Fröhlich verwandelte sich dermaßen in die Gollum-Kreatur, dass man nachvollziehen kann, dass Scheck mit schelmischem Blick auf den Sprecher zur Linken verkündete: "Obwohl ich an sich ein abgebrühter Leser bin, habe jedes Mal Gänsehaut, wenn er diese Kapitel liest!" Wer wollte, der konnte sein frisch gekauftes Buch dann noch mit einer Unterschrift der Akteure des Abends "entwerten" lassen.

Der Hobbit. Die große kommentierte Ausgabe (für Hobbitologen und solche, die es werden wollen), Herausgegeben von Douglas A. Anderson. Klett-Cotta Verlag, 418 Seiten, 29,95 Euro

J. R. R. Tolkien: Der Hobbit. Klett-Cotta Verlag, 384 Seiten, 14,95 Euro

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 26.04.2013

Christian Ruf

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