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Den stilechten barocken Musikinstrumente aus "Drei Haselnüsse für Aschenbrödel" auf der Spur

Den stilechten barocken Musikinstrumente aus "Drei Haselnüsse für Aschenbrödel" auf der Spur

"Wäre es nicht besser mit Musik?" fragt Aschenbrödel (Libuse Safránková) den Prinzen, nachdem er sie endlich zum Tanzen aufgefordert hat. Gespannt wartet die Ballgesellschaft.

Der Prinz (Pavel Trávnícek) stutzt und wendet sich mit den Worten "Warum spielt die Musik nicht, Präzeptor?" an jenen rundlichen Herrn, der Aschenbrödel über seine Schulter hinweg mustert. Und ruft dann "Musik!" hinauf zum Balkon, auf dem die Musiker stehen. Die Herren der Hofkapelle, die eben noch neugierig das Erscheinen des neuen Gastes beobachtet hatten, setzen die Instrumente an und beginnen auf ein Zeichen ihres Konzertmeisters zu spielen. Die Kamera fährt zurück und man sieht das komplette kleine Orchester.

Die Ballszene im legendären Märchenfilm "Drei Haselnüsse für Aschenbrödel" mit dem kuriosen Aufmarsch potenzieller Bräute für den Prinzen kennt fast jeder. Nicht nur mir, auch einigen Freunden, die sich mit Musik oder Musikinstrumenten befassen, boten darin die Bilder der "Hofkapelle" seit Jahren ein Rätsel: Die Musiker halten ganz offensichtlich echte Musikinstrumente in den Händen, die stilgerecht zur Barockzeit passen, in der die Filmhandlung angesiedelt ist. Die Detailtreue geht soweit, dass der Konzertmeister und zwei Gambenspieler mit authentischen Bögen spielen. Diese barocken Bögen sind anders geformt als moderne. Heute sind sie bei Ensembles der "Alten Musik" alltäglich, doch als der Film 1973 entstand, waren solche Spezialitäten nur Spezialisten geläufig. Umso mehr erstaunt an der Ausstattung dieses Films die Sorgfalt bis in derartige Kleinigkeiten.

"Drei Haselnüsse für Aschenbrödel" - man muss kein Fan sein, um den Streifen zu mögen. Das mündet zu jedem Weihnachtsfest in ein ähnliches Szenario: Füße hochlegen und den Film nebenbei ansehen, sei es auch nur aus Nostalgie. Oder etwa mit dem leisen Hintergedanken, das Rätsel um Aschenbrödels Hofkapelle doch noch zu lösen?

Irgendwann schlägt der Ehrgeiz durch und man will es wissen. In den wenigen Einstellungen des Orchesters sind die Musiker gut zu erkennen. Mit der geborgten DVD ging es auf die Suche nach Anhaltspunkten. Zwar hört man in Karel Svobodas Filmmusik etwas anderes, als zu sehen ist, doch der Konzertmeister spielt sein Instrument offensichtlich wirklich. Eine markant geformte Laute erkennt man, eine Bassblockflöte, die Gamben hinter der Balustrade. Traversflöte, Oboe, eine Trompete weiter hinten und gelegentlich etwas versteckt eine kleine Harfe und ein Horn. An der Wand steht das Orgelpositiv. In der Moritzburger Ausstellung "Drei Haselnüsse für Aschenbrödel" erfährt man Einzelheiten über die Dreharbeiten zur Ballszene in den Babelsberger Filmstudios. Da der Film eine Koproduktion des Prager Studios Barrandov mit der DEFA war, dürfte das Personal in Potsdam aus der DDR gestammt haben. Dem Gedanken folgend, dass sich in der DDR des Jahres 1973 eigentlich all jene persönlich kannten, die sich mit historischen Instrumenten beschäftigten, fragte ich im Bekanntenkreis herum. Jeder kannte den Film, doch niemand hatte auch nur einen der Musiker erkannt.

Zwei Tage später und etwas resigniert auf die Standbilder von Aschenbrödels Hofkapelle starrend, schoss es mir am Abend durch den Kopf: Diese Instrumente, die Viola und die Laute, hatte ich schon in einem anderem Zusammenhang gesehen! Im Katalog zur "Reka-Sammlung", jener umfänglichen Instrumentenkollektion des Brandenburger Sammlers, Originals und Musikartisten Berol Kaiser-Reka, die seit 1975 im Museum Viadrina in Frankfurt (Oder) beheimatet ist. Der Bildteil des Buches zeigt sie: die Viola da braccio, die Laute mit den drei extra Saiten für den Bass. Auch die Traversflöte fand sich und eine kleine Geige, die in der Szene auf dem Dach der Orgel liegt. Nun war es ganz einfach: Im Telefongespräch am nächsten Tag bestätigte Berol Kaiser-Reka, dass er damals seine Instrumente an die DEFA ausgeliehen und selbst den "Konzertmeister" gespielt hatte. Letzteres vor allem deshalb, um im Trubel der Dreharbeiten in der Nähe seiner wertvollen Stücke sein zu können. Auch bei anderen Filmen hatte der musikhistorisch bewanderte Kaiser-Reka die DEFA sachkundig beraten. Kein Wunder also, dass in "Drei Haselnüsse für Aschenbrödel" selbst ein Detail wie die schlanke Spitze des Geigenbogens stimmt.

In Frankfurt waren Museumsdirektor Martin Schieck und der frühere Direktor der Konzerthalle "Carl Philipp Emanuel Bach" Wolfgang Jost, der sich fachkundig um die Reka-Sammlung kümmert, nicht wenig von der Mitteilung überrascht, dass einige der Instrumente im Museum Viadrina einst als Requisiten im Märchenfilm gedient hatten. Die Nachricht von deren Entdeckung und auch, dass es vielleicht eine Möglichkeit gibt, die Ausstellung über "Drei Haselnüsse für Aschenbrödel" für die geplante nächste Auflage um etliche sehenswerte Exponate zu bereichern, begeisterte schließlich Kuratorin Margitta Hensel vom Schloss Moritzburg so sehr, dass sie sich mit auf den Weg nach Frankfurt zur kurzfristig verabredeten Besichtigung der Sammlung machte. So ergiebig sind Forschungsreisen wohl selten: Fast alle Instrumente des "Orchesters" hatten Margitta Hensels Kollegen aus Vitrinen und Magazin des Museums Viadrina zusammentragen. In einem Raum, der derzeit umgestaltet wird, wurde Aschenbrödels Hofkapelle zum ersten Mal seit 1973 wieder sicht- und greifbar. Allerdings ohne die "Musiker" des Films, die mit Ausnahme von Berol Kaiser-Reka sämtlich Statisten waren.

Die Instrumente sind in gutem Zustand und einer Leihgabe nach Schloss Moritzburg steht nichts im Weg. So dürfen sich alle Liebhaber des Films auf eine interessante Fortführung der Ausstellung freuen, denn wie sich zeigt, gibt es um den reizvollen Märchenfilm noch einiges zu entdecken. Was nicht zuletzt der Grund für den beispiellosen Besucheransturm ist, den "Drei Haselnüsse für Aschenbrödel" dem Moritzburger Schloss momentan zum zweiten Mal beschert. Der sollte sich mit interessanten, neuen Exponaten in der Schau wiederholen lassen - im nächsten Winter. Hartmut Schütz

Ausstellung noch bis zum 26. Februar in Moritzburg

www.maerchenschloss-moritzburg.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 24.01.2012

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