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Den Blick weiten und das Herz: Dirigentenlegende Kurt Masur wird am Mittwoch 85

Den Blick weiten und das Herz: Dirigentenlegende Kurt Masur wird am Mittwoch 85

Kurt Masur füllt jeden Saal. Steht sein Name auf dem Plakat, ist das Haus voll. Ob in Leipzig oder Dresden, in New York oder Paris, in London oder Rio. Betritt er einen Raum, ist der sofort voll von dieser Persönlichkeit, die Blicke magisch anzieht, Gespräche verstummen lässt, Aufmerksamkeit auf sich zieht.

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Eine Persönlichkeit, deren Charisma jeden Raum füllt: Kurt Masur.

Quelle: dpa

Dieses Charisma ist wohl das größte Geheimnis des Hünen. Es hat ihm Türen geöffnet, Orchester zu Füßen gelegt und das Publikum. Es hat ihn zu einem der Großen unter den Dirigenten des 20. Jahrhunderts gemacht. Und es funktioniert noch immer.

Dabei ist in den letzten Jahren nicht mehr zu leugnen, dass das Alter seinen Tribut einfordert. Masurs Gesten sind sparsamer geworden. Früher streckte er die Arme weit ins Orchester, mal umarmend, mal bedrohlich, mal fordernd mal liebkosend. Mittlerweile liegt der linke Arm oft am Körper, während die rechte Hand sachte Muster ins Orchester tupft.

Doch der Unterschied ist keineswegs so grundlegend, wie es auf den ersten Blick erscheinen mag. Kurt Masur war nie ein Pultstar der präzisen Zeichengebung, hat sich immer schon auf eine eher unkonventionelle Schlagtechnik verlassen. Und manchmal konnte und kann man Orchestermusiker nur bewundern, dass sie daraus einen Tempowechsel ablesen können oder einen Einsatz.

Aber genau darum geht es einem Musiker wie Kurt Masur nicht. Wo man noch diskutieren muss über Einsätze und Tempowechsel, ist der Weg zur Musik ohnehin zu weit. Worauf es wirklich ankommt, das fasst er so zusammen: "Ich spüre, wie das Orchester eine Phrase aufbaut, und führe die Musiker dahin, wo wir nach meiner Vorstellung gemeinsam landen sollen. Das ist einer der Vorgänge, wo das wirkliche Dirigieren beginnt. Wenn man jahrzehntelang Dirigent ist, hat man eine Intuition und eine Fähigkeit, das auszudrücken, was in der Partitur steht und was man haben will. Die heutigen Orchester müssen nicht zusammengehalten werden."

Das stimmt. Jedenfalls zum größten Teil. Steht einer wie Masur vor einem Spitzenorchester, und das waren die seinen potenziell immer, dann geht es schon beim Proben nicht um den Notentext, sondern um Kommunikation, darum, was die jeweils eine Seite der anderen geben kann, auf dass gemeinsam etwas Neues, Großes entstehe. Dirigiert Masur Tschaikowski oder Strauss oder Dvorák oder Bruckner oder Schostakowitsch, entsteht beinahe immer Großes. Dirigiert er Mendelssohn oder Schumann oder Brahms oder Beethoven, ist es unmöglich, sich dem emotionalen Sog dieses Musizierens zu entziehen. Da lässt der Bauch, der sich ausliefen will, dem Kopf keine Chance, wenn der diese oder jene stilistische Detailfrage zu klären versucht. Wenn es allerdings kompliziert wird und für beide Seiten unbekannt, auch dann, wenn Solisten zu begleiten sind, stößt diese Art der Orchesterleitung bisweilen an ihre Grenzen. Doch ein großer Dirigent muss nicht alles können. Was Masur kann, kann er, wie nur Masur es kann. Das reicht für beglückende, bewegende Konzerte, bei denen Wirklichkeit wird, was der Klassikzirkus oft nur behauptet: dass sie den Menschen verändern, den Blick weiten und das Herz.

Verändern, den Blick weiten und das Herz. Das ist die Lebensleistung Kurt Masurs. Einer wie er kann sich nicht abfinden. Mit Mittelmaß nicht und auch nicht mit dem Erreichten. Das hat ihn groß gemacht, ihn Publikumsliebling werden lassen, damit hat er der DDR-Führung das dritte Gewandhaus aus dem Kreuz geleiert - zu einer Zeit, als der kleine sozialistische Staat sich derlei längst nicht mehr leisten konnte. Damit hat er geholfen, dass die Revolution von 1989 eine friedliche blieb. Damit hat er das Gewandhausorchester an die Weltspitze zurückgeführt - und diese Stellung gegen Ende der Ehe wieder gefährdet.

Denn das System Masur trägt in seiner Stärke auch den Kern seiner Schwäche: Patriarchale Strukturen führen beinahe automatisch zu Gegenbewegungen. Im Gewandhaus hatte er in allen Fragen das letzte Wort. Über seine Musiker hielt er schützend die Hand - und forderte dafür unbedingte Loyalität ein. Und auch nach der Wende blieben die meisten Musiker bei der Stange, retteten den einzigartigen Klang des Gewandhausorchesters in die neue Zeit.

Und doch begann mit ihrem Anbruch Masurs Götterdämmerung am Augustusplatz. Nachwachsenden Orchestermitgliedern leuchtet nicht automatisch ein, dass etwas wahr war, nur weil er es sagte. Im Rathaus begann man, die Daumenschrauben auszuprobieren, weil Masur, der auf Visionen aus war, und die neue Rathausspitze um Hinrich Lehmann-Grube, der es um Alltägliches ging, um Wirtschaftlichkeit und Pragmatismus, nicht die gleiche Sprache fanden. So führte gegenseitige Entfremdung dazu, dass Kurt Masur im September 1996 seine Demission bekanntgab. Durchaus im Zorn - und auf Seiten der Stadt wie des Orchesters mit einer gewissen Erleichterung zur Kenntnis genommen.

Zu dieser Zeit war er längst auch Chef der New Yorker Philharmoniker, später sollten das Orchestre National de France und die Londoner Philharmoniker sich den großen alten Mann als Galionsfigur vor den Bug schnallen. Dennoch blieb er Leipzig treu.

Mit einem wie Masur gibt es kein Mittelmaß. Eine solche Persönlichkeit reizt zur Schwarzweißmalerei. Und wie unmittelbar nach seinem Fortgang sein Wirken kleingeredet wurde, sind danach die Legenden in den Himmel gewachsen. Auch hier muss man ein wenig relativieren: Das Gewandhausorchester war bereits vor seiner Ankunft ein erstklassiges Orchester, sein Vorgänger Vaclav Neumann ein vortrefflicher Dirigent. Nach seinem Weggang musste Herbert Blomstedt hart an Präzision und Repertoire arbeiten. Masur war weder Dissident, noch hat er die Mauer zum Einsturz gebracht. Er wäre auch nicht beinahe Bundespräsident geworden. Masur taugt weder als Heiliger noch als Buhmann. Sehr wohl aber als Vorbild.

Mittlerweile hat Leipzig seinen Frieden mit ihm gemacht und er mit Leipzig. Als Ehrendirigent ist er häufiger Gast am Gewandhauspult.

Kurt Masur wird am 18. Juli 1927 in Brieg nahe Breslau als Sohn eines Ingenieurs geboren. Er absolviert eine Elektrikerlehre, bevor er 1942 an die Musikschule wechselt. Mit 16 Jahren bekommt er die ärztliche Diagnose, dass sein rechter Finger nicht mehr streckbar ist, was eine Karriere als Pianist ausschließt. So reift der Entschluss, Dirigent zu werden. 1946 schreibt Masur sich nach kurzem Kriegseinsatz am Konservatorium Leipzig ein. Er studiert hier Klavier, Komposition und Orchesterleitung.

Nach dem Studium wirkt er von 1948-1951 als Solorepetitor und Kapellmeister am Landestheater in Halle. Nach Verpflichtungen als Erster Kapellmeister an den Städtischen Bühnen Erfurt (1951-1953) und den Städtischen Theatern Leipzig (1953-1955) wird er 1955 Dirigent der Dresdner Philharmonie. Von 1958-1960 ist er Musikalischer Oberleiter am Mecklenburgischen Staatstheater Schwerin und von 1960-1964 an der Komischen Oper Berlin. Er gastierte 1964 bis 1967 in verschiedenen europäischen Ländern und in Brasilien, bevor er 1967-1972 die Dresdner Philharmoniker als Chefdirigent übernimmt.

Endgültig internationale Anerkennung gewinnt Masur ab 1970 als Gewandhauskapellmeister. Er bringt das Orchester in die Phalanx der Spitzenklangkörper zurück und bleibt bis 1996 im Amt. Er gibt mit dem Gewandhausorchester über 900 Tournee-Konzerte. Als Gewandhauskapellmeister setzt er den Neubau des dritten Gewandhauses für das Orchester durch (Eröffnung 1981), das seit der Zerstörung im Krieg 1943 in der Kongresshalle am Zoo auftrat.

Als Chefdirigent des New York Philharmonic Orchestra (1991-2002) erringt Masur zugleich und danach große Erfolge. Zudem ist er seit 1992 Ehrengastdirigent beim Israel Philharmonic Orchestra. Von 2000-2007 ist er Musikdirektor des London Philharmonic Orchestra, 2002-2008 Chefdirigent des Orchestre National de France in Paris. Heute engagiert sich Kurt Masur als Präsident für die Internationale Mendelssohn-Stiftung.

Eher wider Willen spielt er im Herbst 1989 eine Rolle als Politiker: Er gehört zu den sechs Persönlichkeiten, die für die Gewaltlosigkeit jener Leipziger Oktobertage stehen.

Masur, Ehrendoktor an vielen Universitäten, ist Ehrendirigent der Dresdner Philharmonie und Ehrenbürger Leipzigs. Sein Leipziger Haus hat nicht aufgegeben, seit der Zeit in New York lebt er jedoch auch dort mit seiner dritten Ehefrau, der japanischen Sängerin Tomoko. Masur ist Vater fünf erwachsener Kinder.

Lesetipp: Johannes Forner "Kurt Masur. Zeiten und Klänge", Propyläen-Verlag, 405 Seiten kosten 25 Euro.

Kurt Masur, gefragt an den Pulten der Welt, wird heute 85 Jahre alt

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 18.07.2012

Peter Korfmacher

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