Volltextsuche über das Angebot:

15 ° / 8 ° Regenschauer

Navigation:
Google+
Dem Kunstdienst der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens in Dresden droht das Aus

Dem Kunstdienst der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens in Dresden droht das Aus

Es sind schon längst keine Buschfunkgeräusche mehr, die unheilvoll von einem baldigen Ende des Kunstdienstes der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens in Dresden künden.

Voriger Artikel
Malerei und Collagen und Annette von Bodecker-Büttner im Blickpunkt Kunst in der Forststraße
Nächster Artikel
Mathematisch-Physikalischer Salon im Dresdner Zwinger eröffnet am Sonntag

Ein Spiegel der aktuellen Querelen? Jürgen Schieferdeckers Collage "Der Nächste bitte...,", 1982.

Quelle: Jürgen Schieferdecker

Der Grund ist so übel wie mittlerweile branchenweit üblich: Die "biologische Lösung", was in diesem speziellen Fall heißt, dass der Übergang der langjährigen "Ausstellungschefin" Dipl.-Ing. Angelika Busse in den verdienten Altersruhestand von der Sächsischen Landeskirche zur Stelleneinsparung "genutzt" werden soll. Dass damit ein wichtiges Agens der Dresdner Kunstszene verschwindet, das immer wieder mit Engagement und Professionalität im Haus der Kirche und in der Kreuzkirche die eher peinlichen Tatsachen unserer schönen neuen Welt in künstlerischer Reflexion präsentierte, die die Marktführer nicht jucken und sich kleinere kommerzielle Galerien aus Überlebensgründen verkneifen müssen. Wenn der Dresdner Kunstdienst geschlossen wird, ist das der letzte in Ostdeutschland - im Westen gab es so was gar nicht. Je nun, aber eben in der Kunststadt Dresden, mit welchem Prädikat sich Politiker aller Couleur zu schmücken nicht müde werden?

Natürlich sind die Probleme beider großen Kirchen in Deutschland neben anderer auch wirtschaftlicher Art und stehen allgemein in Rede. Erinnert man sich aber, dass in den gegenwärtig noch bis zur letzten Zwirnsrolle aufgearbeiteten kläglichen 40 DDR-Jahren, wo vor allem die Evangelische Kirche so arm war wie die sprichwörtlich bekannten Kirchenmäuse (meine Frau kam seinerzeit in einer Teilstelle beim Jugendpfarramt und viel Arbeit mit monatlich 194,20 Mark der DDR nach Hause), damals also außer in Dresden noch Kunstdienste in Rostock, Berlin und Erfurt tätig waren (und wie!), in dem sie ihr schützendes Dach über Künstler hielten, deren kritischer Geist sonst oft gar keinen Ort gefunden hätte, muss einen das schon sehr nachdenklich stimmen! Es ging dabei schon lange nicht mehr um christliche Vereinskunst auf evangelischer Magermilchbasis. Im Dresdener Fall sei zudem daran gedacht, wie schon vor der Wende auch Vernissagen namhafter Autoren aus der damaligen Bundesrepublik wie Aloys Ohlmann, Bernd Löbach-Hinweiser, Karl Otto Jung u.a. stattfanden und öffentlich besprochen wurden, ja 1988 sogar die internationale Aktion "Bilder für Afrika" die Emporen der Kreuzkirche mit ihren Ergebnissen beplanken konnte. Dass sie Künstler aus Ost- und Westdeutschland sowie den Benelux-Staaten vereinte, war seitens der zuständigen staatlichen "Organe" mit hörbarem Zähneknirschen begleitet worden und durfte gerade so passieren, weil der DDR-Vertreter von "Brot für die Welt" sich dafür extra ins Zeug gelegt hatte.

Im Nachgang zur friedlichen Revolution - zu deren Vorbereitung auch die Kunstdienste gehörten - und mit der Wiedervereinigung beider deutscher Landesteile besserte sich bekanntlich auch der soziale Status der Geistlichen und kirchlichen Mitarbeiter in den neuen Ländern mit der Angleichung an bundesrepublikanische Maßstäbe. Wenn man - wie in letzter Zeit nicht selten - hört, dass Schauspieler und Musiker unter Tarif spielen, um ihre Institutionen zu sichern, Arbeiter und Angestellte namhafter Firmen oder Ladenketten in gleicher Weise Betriebsschließungen entgegenwirken, sollte es da der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche nicht möglich sein, in einem so exemplarischen Fall Lösungen zu finden, welche die Kontinuität der Ausstellungsarbeit des Dresdener Kunstdienstes auch in Zukunft sichern?

Als Beispiele seiner Wirksamkeit in neuerer Zeit seien nur der Themenkomplex "Kreuzförmig / Kreuz - Anstoß oder Ausrichtung?" mit acht Ausstellungen in kirchlichen und säkularen Räumlichkeiten Dresdens zum Deutschen Evangelischen Kirchentag 2011, "Vater vergib" mit dem Coventry-Projekt des Bildhauers Helmut Heinze 2013 oder "Dresdner Totentanz - Auf Augenhöhe" bis 17. März dieses Jahres in der Dreikönigskirche genannt. Das ist auch Botschaft und Verkündigung, die in der Kreuzkirche Tausende von Besuchern, in der Dreikönigskirche mit Hunderten immerhin ein Mehrfaches jeder kommunalen oder privaten Galerie erreicht!

Die Betroffenheit im Künstlerbund Dresden e.V., der mit ca. 460 Mitgliedern größten berufsständischen Vertretung der sächsischen BildkünstlerInnen, über diesen möglichen Substanzverlust für das örtliche und überregionale Ausstellungsgeschehen geht so weit, dass spontane Unterschriftsaktionen, zum Beispiel von der namhaften Radebeuler Künstlerin Ju Sobing, initiiert worden sind. Das zeigt, wie im Dresdner Territorium - Stadt und Umland - die Arbeit des Kunstdienstes gewertet wird, der heute aus anderen Gründen als im "Arbeiter- und Bauernstaat" wieder zu einer über innerkirchliche Belange hinausweisenden demokratischen Instanz zu Zeiten marktbedingter existenzieller Notlagen der Künstlerschaft geworden ist.

Vom 12. bis 14. April tagt die Synode der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens in eben dem Haus der Kirche, wo ganze drei Personen diese Strahlkraft des Kunstdienstes bewirken. An sie ist die Bitte gerichtet, durch eine weise Entscheidung das Licht nicht zu ersticken, das damals und heute in Finsternissen verschiedener Art Wege erhellt und Richtungen gewiesen hat.

*Prof. Jürgen Schieferdecker, BBK, ist Vorstandsvorsitzender des Künstlerbundes Dresden e.V. und Sächsischer Kultursenator a.D.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 10.04.2013

Jürgen Schieferdecker

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kultur News

Entwirren Sie mit schnellem Auge und flinkem Geist den Buchstabensalat des Rätselspiels! Hier kostenlos im Spieleportal von DNN.de spielen! mehr