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Dem Dresdner Filmemacher Ernst Hirsch zum 80. Geburtstag

Mit hellwachen Augen Dem Dresdner Filmemacher Ernst Hirsch zum 80. Geburtstag

Er ist Filme-Macher und Filme-Sammler, er führte die Kamera in vielen Peter-Schamoni-Filmen, und er ist der filmische Dokumentarist des Wiederaufbaus der Dresdner Frauenkirche: Ernst Hirsch. Am 13. Juli feiert das „Auge von Dresden“ seinen 80. Geburtstag.

Ernst Hirsch

Quelle: Konrad Hirsch

Dresden. Die Doppeltarnung dieses Mannes hat mich schon immer beeindruckt. Einerseits nimmt er mit verschmitztem Lächeln die Elogen als „Auge von Dresden“ scheinbar huldvoll entgegen, so dass man denkt: Ach so einer…, andererseits erdet sich fast jedes Gespräch umgehend in strikter Sachlichkeit, und man ist ganz beim Dokumentaristen: Was zählt, ist allein die Wirklichkeit. Aber dann löst sich die Strenge wieder unversehens auf in Heiterkeit… Wunderbare Wandlungen kann man mit diesem Anti-Schmus-Konzept erleben. Ernst Hirsch als Augenmensch und unbestechlicher Beobachter seiner Umwelt ist auf sächsische Weise humorbegabt, also ein wenig unergründlich. D.h., nichts ist ihm selbstverständlich. Und nun wird er auch noch 80.

Fragwürdigkeiten prägten seine Biographie wie bei vielen anderen seiner Generation. Mit neun Jahren erlebt er die Zerstörung Dresdens, mit zehn das Verschwinden seines Vaters im Lager Mühlberg, wo dieser noch 1946 verstirbt. Der Volksschule folgt eine Ausbildung als Feinoptiker bei Zeiss Ikon. Da hat er schon für sich die Filmerei entdeckt, schließt sich einem Laienzirkel an und dreht die ersten Streifen mit Herrmann Zschoche. Als der 17-Jährige 1953 seine Lehre beendet – „nach den Aufregungen des 17. Juni“ –, beginnt gerade das DDR-Fernsehen mit ersten Sendungen, und Hirsch wird kurzerhand vom Deutschen Fernsehfunk engagiert. Erstes Filmthema – fast symptomatisch – ist Schloss Pillnitz; Hans-Hendrik Wehding liefert die Filmmusik. Gut 15 Jahre arbeitet Hirsch fortan als Filmreporter für die „Aktuelle Kamera“ und liefert in dieser Zeit geschätzte 3 000 Beiträge – learning by doing.

Dann macht er sich selbstständig und hat erneut Glück, denn das Fernsehen stellt im düsteren Jahr 1968 auf Farbe um und braucht den Hirsch weiterhin als Lieferanten von Dokumentationen über die schönen Kunstschätze Dresdens. Hirsch-Film ist nun ein Team von Ernst und Cornelia, ansässig in Niederpoyritz und ausgreifend in Bereiche des Industrie- und Werbefilms. Aber auch viele Künstlerfilme entstehen: über Otto Griebel, Caspar David Friedrich, Curt Querner, Otto Dix. Erneut vergehen 15 Jahre, dann zeigt er seinen Canaletto-Film bei einer Ausstellung der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden in Venedig, bereist das Sehnsuchtsland Italien und kommt hoch beunruhigt zurück: wie weiterleben im eigenen engen Land? Dem Ausreiseantrag des privilegierten Filmemachers folgt der reale Abgang an jenem 3. Oktober 1989, als am Dresdner Hauptbahnhof abends die Steine fliegen – das war knapp. Die Familie lässt sich in München nieder, und aus der Bekanntschaft mit Peter Schamoni entstehen ein produktiver Arbeitskontakt und eine Freundschaft der fast gleichaltrigen Filmemacher – Hirsch führt die Kamera in vielen Schamoni-Filmen bis zu „Niki de Saint Phalle“ (1995) und „Majestät brauchen Sonne“ (1999). Für ihren Max-Ernst-Film „Mein Vagabundieren – meine Unruhe“ erhalten sie 1991 den Bayrischen Filmpreis.

Aber Dresden lässt Hirsch nicht los. 1993 kehrt die Familie zurück in das veränderte Land, und ein Jahr später erhält er die wohl wichtigste Aufgabe seines Berufslebens: Er wird zum filmischen Dokumentaristen des Wiederaufbaus der Frauenkirche. In zehn Jahren entstehen gut 500 Stunden Videomaterial als Grundlage der Dokfilmreihe „Die steinerne Glocke“. Gemeinsam mit Hans Joachim Neidhardt dreht Hirsch 1996 als eine besondere filmische Liebeserklärung „Mir war unendlich wohl“ – Ludwig Richter in Civitella.

Neben dem Filme-Macher hat über die Jahre aber auch der Filme-Sammler ein bemerkenswertes Profil gewonnen. Nicht nur ist das Archiv Hirsch eines der größten Privatsammlungen seiner Art in Deutschland, es besticht durch im Wortsinn einmalige Bestände: Von den frühesten „laufenden Bildern“ Dresdens noch mit Mittelperforation, aufgefunden von Hirsch in einem Südtiroler Bauernhaus (sic!), bis zu dem berührenden Film vom Judenlager Hellerberg, einem der ganz seltenen Dokumente vom Naziterror gegen Juden in einer deutschen Großstadt. Der 20-Minuten-Film wurde vom jungen Erich Höhne für ‚höhere Stellen‘ gedreht und hat im Nachlass des Fotojournalisten überdauert. Kurz vor dem chemischen Zerfall wurde er von Höhnes Witwe an Hirsch übergeben, der ihn Bild für Bild restauriert hat. 1995 entstand in Zusammenarbeit mit Ulrich Teschner daraus dann der Aufsehen erregende Dokumentarfilm „Die Juden sind weg – das Lager Dresden Hellerberg“. Das Material liegt heute auch im Bestand von Yad Vashem, das Original im Bundesfilmarchiv. So abenteuerlich kann Archivarbeit manchmal sein. Aber populär wurde Hirsch vor allem mit kurzweiligen Zusammenschnitten von Filmen aus dem Alten Dresden – zur 800-Jahrfeier beispielsweise – und aktuell mit der äußerst erfolgreichen vierteiligen DVD-Serie Dresdner Filmschätze, die gemeinsam mit dem Publizisten Peter Ufer entstand.

„Der krönende Abschluss meiner beruflichen Laufbahn“ hat Hirsch 2005 zu seiner „Steinernen Glocke“ gesagt – das ist über zehn Jahre her. Nix mit Abschluss. 2008 war er noch einmal mit Schamoni auf Spuren des kolumbianischen Malers Botero, und wer regelmäßiger Kulturgänger in dieser Stadt ist, kann nur staunen, wo überall Ernst Hirsch mit seinen immer kleiner und diskreter werdenden Kameras mit dabei ist. Das Ehrenkolloquium zum 90. Geburtstag seines Freund Hans Joachim Neidhardt 2015 wird von ihm ebenso dokumentiert wie die Vorstellung der neuen Chefin des Kupferstich-Kabinetts Stephanie Buck in der Sächsischen Akademie der Künste, deren Mitglied Ernst Hirsch 2005 geworden ist. Und nicht immer weiß man, was da schlicht im Eigenauftrag entsteht. Dank digitaler Aufnahmetechnik ist der Aufwand stark verringert – die Unterschiede von Auftrag und Vergnügen heben sich langsam auf, und das Archiv Hirsch wächst still in die Zukunft hinein. Längst hat Sohn Konrad, der heute in München hauptamtlich das Erbe Schamonis verwaltet, auch den Großteil der väterlichen Bestände digitalisiert.

Schwer zu ermessen, was dieses immense filmische Gedächtnis der Stadt für eine reale Schatzkammer ist, die da im heimatlichen Kleinzschachwitz als klug saniertes einstiges Waschhaus auf der Wiese steht. Und über diese schnurrt sanft wie ein Ufo ein digitaler Rasenmäher, der einen hinterlistig zu kontrollieren scheint: Ernst, nimm das Ding weg…

Aber der Technikfreak Ernst nimmt gar nichts weg, im Gegenteil. Seine Beobachtungslust ist ungebrochen und seiner Unergründlichkeit noch manches zuzutrauen. Hirsch filmt inzwischen ‚aus der Hüfte‘ und hört nicht auf damit. Und 80 ist schon gar kein Grund dafür. Glückwunsch lieber Ernst vor allem zu diesem Umgang mit der respektablen Zahl; und bleib uns noch lang dergestalt erhalten.

Die Schönheit des Augenblicks – dem Filmemacher Ernst Hirsch zum 80. Geburtstag, Veranstaltung der Sächsischen Akademie der Künste, 13. Juli, 19 Uhr, Landhaus Dresden, Festsaal. Gezeigt werden Filmausschnitte, anschließend Gespräch mit dem Filmemacher Ernst Hirsch, Wolfgang Holler, Kunsthistoriker und Direktor der Museen Klassik Stiftung Weimar, und Joachim Günther, Vorsitzender des Filmverbandes Sachsen

Von Hans-Peter Lühr

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