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Dekaden auf dem Pfad der Dämmerung: Tocotronic waren im Alten Schlachthof in Dresden

Dekaden auf dem Pfad der Dämmerung: Tocotronic waren im Alten Schlachthof in Dresden

Dass da irgendwann mehr sein würde als die Trainingsanzüge, die Parolen und das dröge Geschrammel, dämmerte uns bereits frühzeitig, auch wenn es in der Dringlichkeit der Ansagen Mitte der 1990er Jahre erst einmal nicht von Bedeutung war.

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Dirk von Lowtzows und Tocotronic spielten im Schlachthof.

Quelle: Patrick Johannsen

Irgendwann tauchte plötzlich eine Mundharmonika auf, dann ein Raumschiff; schließlich verschwanden Tocotronic im Wald und kehrten (ein)dringlicher als je zuvor mit den Alben "Pure Vernunft darf niemals siegen" und "Kapitulation" zurück, trafen einen Nerv. Zwei recht kopflastig mäandernde Alben später ist die Band 20 Jahre in der Welt und exakt genau so lange die deutsche Band mit dem nichtvorhandenen Fremdschämfaktor: unpeinlich, immer relevant, immer mit Haltung, Posen nur in Stilisierung und Popzitat. Kunst also. Kunst, die so kunstvoll tiefen Intellekt und die vermeintlichen Untiefen von Popkultur so ineinander montiert, dass das Ergebnis nie künstlich wirkt, schlimmstenfalls ein klein wenig aufgesetzt auf den ersten Blick. Es gehört wohl zum Politisch-Sein dazu.

Von der Befindlichkeitsparole zur differenzierten emotionalen Metapher - der Gaul wird im Alten Schlachthof von hinten aufgezogen, und Tocotronic nehmen ihr zweifelsohne nicht mehr 17-jähriges Publikum zuvorderst mit in den Keller. Da wird nicht gelacht, aber man holt Uralt-Singles aus den Kartons ("Meine Freundin und ihr Freund", 1994) und ist umgehend eins über alle Entwicklungsschritte und Publikumsepochen hinweg. Wo alles euphorisch zusammenläuft, erklingt mittig "This boy is Tocotronic", eine simplifiziert-verkünstelte Definition, die natürlich keine ist, aber unterhaltsamer Weise "This corrosion" von den Sisters Of Mercy zitiert. Doch so sehr sich die Tocos auch mittlerweile in einzelnen Sentenzen mühen mögen: Wirklich gerostet wird hier nicht. Die grauen Haare Dirk von Lowtzows, der sich und die 20-Jahr-Feier wiederum stilisiert wie ein überschwänglicher Kapellmeister feiert, rühren sonstwoher, nur nicht vom Alter und offenbar auch nicht vom Leiden an der Welt. Man hat sich und seine Freaks, die man freundlich vis-a-vis grüßt, und hat Grund zum Feiern, und irgendwie schnappt der zelebrierende Formalismus nirgendwo über, bleibt alles auf dem Boden, was selbigen braucht, um relevant zu sein. "Aber hier leben, nein danke" widmen die vier Herren nachdrücklich dem Bündnis "Dresden Nazifrei", wollen anschließend "Abschaffen" und wissen: "Alles wird in Flammen stehen".

Viel Hymne bringt diese Tour aufs Tableau, gemäß dem hymnischen Ton, von dem die letzten beiden Alben leider auch zwischendurch nicht herunterfinden. Was dort gelegentlich wabert, heizt im Konzertsaal die Stimmung an. Was nach hinten runterfällt, sind die aktuellen differenzierten Sounds und Produktionsreminiszenzchen von "Schall und Wahn" und "Wie wir leben wollen". Kein Zweifel - Tocotronic können an diesem Abend "Warm und Grau", wenn sie dazu ansetzen. Doch das rotzpunkige "Sag alles ab" und das fulminant orchestrierte "Jackpot" kochen auf großer Flamme über. Etliche Zugaben schließen mit dem hier irgendwie bedächtig tragenden "17". Waren wir ja alle mal. Aber offenbar ist es nicht so tragisch, dass wir es nicht mehr sind. Insofern macht das Mitsingen bei "Ich bin viel zu lange mit Euch mitgegangen" offenbar doppelt Spaß. Es fällt einem kaum eine andere Band in diesem Land ein, bei der sich das lange Mitgehen so nachhaltig ausgezahlt hat.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 15.04.2013

Niklas Sommer

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