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Déjà-vu-Feuerwerk: Die Puhdys mit zwei Abschiedskonzerten in der Jungen Garde

Déjà-vu-Feuerwerk: Die Puhdys mit zwei Abschiedskonzerten in der Jungen Garde

Das reichte, um allerlei Seltsames hervorzubringen, etwa die Puhdys, deren musikalische Karriere weder Ochs noch Esel aufhielt, selbst durch den Fall einer Mauer nur kurzzeitig gebremst wurde.

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Die Puhdys um Frontmann Dieter Birr haben Rockgeschichte geschrieben. Bei der Show zum Abschluss gab's auch Bilder aus alten Zeiten.

Quelle: Dietrich Flechtner

40 Jahre bestand die DDR. Es gab einen kurzen Knick in der Karriere, aber man raufte sich 1992 wieder zusammen und tourte los, als sei nichts geschehen. Auch Puhdys-Verächter (es gibt auch im Osten viele) kamen nicht umhin, Ausdauer, Geschäftssinn und dem scheinbar stoischen Selbstvertrauen der Band-Mitglieder Respekt zu zollen. Und für den, der die Puhdys einst nicht mochte und auch immer noch nicht mag, ist die Band nolens volens insofern Teil der eigenen Lebensgeschichte, als man sich als in der DDR sozialisierter Mensch mit ihr zwangsläufig auseinandersetzen musste, denn auch Ablehnung setzt Auseinandersetzung voraus.

"Kennt jemand dieses Lied?"

Die Puhdys sind ein Synonym für "Ostrock" (ein zweifelhaftes, strittiges Etikett, aber ein besseres liegt nicht vor) schlechthin. Man kennt sie, sogar im Westen der Republik. Mit Ostalgie allein lässt sich das Phänomen nicht erklären, man kann nicht ignorieren, dass die Band fern von allem Exotenbonus auch im Westen viele Fans hatte und die Musik der in der DDR alle Verkaufsrekorde brechenden Band schon immer auf Massenwirkung setzte. Ihre mal hymnischen, mal simpel geradeaus rockenden Stücke sind bewusst geschaffen zum Mitsingen für tausende Fans. Auch gab es zum Glück den einen oder anderen Texter, der mehr als gutgelaunte Gebrauchslyrik für Heranwachsende verfasste, etwa Wolfgang Tilgner und Burkhard Lasch.

Das erwies sich auch am Freitag in der Jungen Garde, wo die Puhdys das erste von zwei Abschiedsliedern in Dresden gaben. Ja, es ist keine Ente, die mittlerweile gründlich zerknitterten Puhdys gehen jetzt tatsächlich in die Rockerrente, wie es in einem völlig blödsinnigen, aber auch cool selbstironischen Song heißt, den jeder kennt, der in den Achtzigern zuweilen das Radio anstellte. Auch das ein Verdienst dieser Band: Den Puhdys gelang, was nur wenigen Band vergönnt ist, zumal in einer zunehmend fragmentierten Gesellschaft mit unzähligen musikalischen Nischen: Sie brachten Titel heraus, die buchstäblich jeder kannte, ob man nun wollte oder nicht. Ihre Lieder "Geh zu ihr" und "Wenn ein Mensch lebt" als Soundtrack in dem Defa-Kultfilm "Die Legende von Paul und Paula" sind selbst legendär geworden, mögen Spötter einst auch gestichelt haben, dass die Puhdys nur mit Ulrich-Plenzdorf-Liedern zu ertragen sind.

Die Frage von Frontmann Dieter Birr, "Kennt jemand dieses Lied?", war also eindeutig kokettierend ironisch gemeint. Ja, natürlich kennt man - und nicht nur diesen Song so gut, dass man mitsingt. "Alt wie ein Baum" wird ohnehin seit Urgedenken mehr vom Publikum als den Puhdys gesungen, wie überhaupt viele Titel eine Interaktion von Band und Zuhörern sind. Auf der Bühne röhrt in der Regel Birr, der den Spitznamen "Maschine" trägt und in punkto Gesang auch so klingt, ins Mikro, bei "Die Welt ist ein Wunder" übernimmt aber Dieter "Quaster" Hertrampf den Gesangspart. Jeder darf auch mal bei Solos zeigen, was er draufhat, auch Peter "Bimbo" Rasym, der Ende 1997 den Bassisten Harry Jeske ersetzte. Dieter Meyer, der "älteste Puhdy der Welt" (Birr), wird mal von Birr am Keyboard abgelöst, damit er auf dem Saxophon glänzen kann.

Zunächst überwiegen Lieder aus der Zeit nach der Wende, schon um nicht in Nostalgie zu versacken und um zu demonstrieren, dass man auch nach 1989 den einen oder anderen Ohrwurm produzierte. Überraschungen sind selten. In der Regel läuft es auf den üblichen Stampfrhythmus hinaus, den jeder mitklatschen kann. Am deutlichsten offenbart sich das in der (im Konzert als Zugabe gespielten) Vereinshymne, die die Puhdys 1997 für die Berliner Eisbären einspielten. Nicht die einzige Hymne, mit der die Puhdys neue Popularität gewannen.

Auch wie immer: Das Publikum war gekommen, um die Puhdys und sich selbst zu feiern, um in Erinnerungen zu schwelgen. Enthusiastisch der Jubel, als Birr zwei Maiden - "Madonna und Lady Gaga" (Birr) - mit auf die Bühne holt und ihnen Gitarren in die Hände drückt. Fünf Gitarren bzw. Bässe in einer Frontlinie. Nicht nur für die Götter des Rockpop-Olymp ein herrlicher Anblick, wie der Jubel im Garde-Halbrund offenbart.

Medley mit vielen alten Hits

Die Band ist gut ins Licht gesetzt, ohne übermäßigen Bühnenzauber. Im Hintergrund flimmern gelegentlich alte Filmschnipsel in Schwarz-Weiß, Dokumente von früher, von Auftritten in einem Land, das untergegangen ist, aber nun mal bestanden und entsprechende Spuren hinterlassen hat. Da man nicht alle Hits komplett spielen kann, werden diverse Songs bei einem Medley, das ein einziges Déjà-vu-Feuerwerk ist, nur angespielt. Und wie auch immer, vielleicht lag's an der Gewissheit, dass es - weil nun mal jegliches seine Zeit hat - damit war mit den Puhdys (jedenfalls live). Bei aller Freude dürften viele einen Kloß im Hals gehabt haben, ob bei den "Booten der Jugend" (ganz bewusst gespielt für all jene, die vergessen haben, dass sie auch mal jung gewesen sind) oder bei Zeilen mit Erkenntnisgewinn wie "Ich war ein Mensch mit hunderttausend Plänen".

Deutlich wird an diesem Abend, dass die große Zeit der Puhdys in den Siebzigern lag, dass man jedoch musikalische Entwicklungen in der DDR und im Rest der Welt entweder ganz verschlief oder sich allenfalls als Trittbrettfahrer einklinkte. "TV-Show" ist eine platte Nummer, ebenso die von der Sache her vielleicht ehrenwerte, im Pathos aber ersaufende Anti-Atombomben-Hymne "Das Buch". Aber gut, Songs wie "Lebenszeit", "Alt wie ein Baum", "Ikarus" oder auch "Bis ans Ende der Welt" sind Glanzstücke der Rockgeschichte, die den Puhdys keiner nehmen kann. Nicht mal der miesepetrigste Kritikaster, dessen Name längst vergessen sein wird, wenn irgendwo irgendwie irgendwann Hits der Puhdys erklingen, nur halt nicht live von ihnen selbst gespielt.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 31.08.2015

Christian Ruf

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