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Defilee der Wünsche: die Zukunft des Japanischen Palais in Dresden bleibt völlig offen

Defilee der Wünsche: die Zukunft des Japanischen Palais in Dresden bleibt völlig offen

"Wir beauftragen ein inhaltliches und räumliches Konzept zur Errichtung eines sächsischen Nationalmuseums zur umfassenden Vermittlung der sächsischen Geschichte und Kultur.

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Das Japanische Palais als sächsisches Nationalmuseum bleibt weiterhin nur eine Wunschvorstellung. Dabei wäre für das attraktive Gebäude vielerlei Nutzung denkbar.

Quelle: Matthias Hiekel, Alexander Eylert

" So steht es in der Koalitionsvereinbarung zwischen CDU und FDP vom Herbst 2009. Ein Wunschkind von FDP-Landes- und Fraktionschef Holger Zastrow, das schon damals für Spott und beim Koalitionspartner zumindest für lächelnde Zurückhaltung sorgte. Wenn es ein "Nationalmuseum" geben soll, wer oder was bitte ist dann die sächsische Nation? Da schwang wohl noch etwas von der "Sachsen, Sachsen über alles"-Mentalität der neunziger Jahre nach. "Es gibt keine sächsische Nation", meint bis heute Wolfgang Kalus, Sekretär des Kulturraumes Erzgebirge-Mittelsachsen. "Ein heiliges römisches Reich sächsischer Nation gab es auch nie", bekräftigt Kulturpolitiker Karl-Heinz Gerstenberg von der Grünen-Landtagsfraktion.

Die fünfte Legislaturperiode des neuen Sächsischen Landtages geht zu Ende, und das Wunschkind Nationalmuseum harrt noch seiner Geburt. Die Staatsregierung ist nicht einmal wirklich schwanger geworden mit diesem Projekt. Ausgerechnet dem NPD-Abgeordneten Jürgen Gansel musste Kunstministerin Sabine von Schorlemer bereits im Oktober 2012 auf eine Kleine Anfrage antworten, dass mit der Errichtung eines solchen Hauses in dieser Legislatur nicht mehr zu rechnen sei.

Es ist ein offenes Geheimnis, dass auch niemand diese Idee vorangetrieben hat. Vielleicht haben die Liberalen das Reizwort "Nationalmuseum" auch nur unglücklich gewählt. Holger Zastrow hält bis heute an diesem Begriff und an dem Projekt fest, das "der FDP am Herzen liegt". Aber was er zum Charakter eines solchen "Hauses der Geschichte" ausführt, wie es im Untertitel heißt, klingt nicht abwegig. "Weniger Museum als Bildungsstätte vor allem für junge Leute" solle es sein, eine Erlebniswelt, ein Ort der Geschichtsvermittlung, dessen Besuch gerade für Schüler obligatorisch werden könnte. Das katalanische Nationalmuseum in Barcelona sei auch ein Jugendtreff, argumentiert Zastrow.

Je nach Lesart kann man sogar den Auftrag der Koalitionsvereinbarung zumindest teilweise als erfüllt ansehen. Das Japanische Palais in Dresden bekam im Koalitionspapier zwar einen eigenen Satz als künftiges "Porzellanschloss" ab, aber es war eben auch als Standort eines "Nationalmuseums" im Gespräch. Die Verwirklichung des alten Porzellanschloss-Traumes vom starken August ist in dieser Legislaturperiode komplett auf der Strecke geblieben. Wer hatte schon ernsthaft damit gerechnet? Aber der im Dezember 2010 im Landtag verabschiedete Doppelhaushalt 11/12 sah 375 000 Euro für die Erarbeitung eines Nutzungskonzepts für das halbverwaiste Kleinod vor.

1717 hatte der Kurfürst das ehemalige Holländische Palais erworben und unter dem Eindruck der Chinoiserie-Mode umgebaut. Die Vielzahl seiner Nutzungen im Laufe der Geschichte wird nur noch übertroffen von der Zahl der Nutzungsvorschläge seit Ende der neunziger Jahre. "Vier unter einem Dach" lautete einmal ein Schlagwort, das Naturhistorische Sammlungen, Tierkunde, Mineralogie und Geologie, Völkerkunde und das Museum für Vorgeschichte hier unterbringen wollte. 2005 fragte der gegenwärtige sächsische Ausländerbeauftragte Martin Gillo für die CDU-Fraktion schon einmal nach einem "Haus der Geschichte" und erhielt eine abschlägige Antwort von der Staatsregierung. Acht Jahre ist es erst her, dass das Finanzministerium mit einem Spielcasino Geld aus dem Palais schlagen wollte. Die Akademie der Künste hätte dort gern asiatische Kunst ausgestellt. 2007 präsentierten die Staatlichen Kunstsammlungen eine 20-seitige Konzeption. Sie ging über das von der damaligen Kunstministerin Eva-Maria Stange favorisierte Modell eines Science-Museums noch hinaus. Dann tauchte das Porzellanschloss im Koalitionsvertrag wieder auf. Die letzte Blüte, die diese Idee trieb, war ein im Januar 2010 angekündigtes großes Expertenkolloquium. Auf Wunsch von Ministerpräsident Stanislaw Tillich sollte sein Vorvorgänger Kurt Biedenkopf eine Runde von 15 Großhirnen aus Wissenschaft, Wirtschaft und Kultur moderieren. Drei Wochentage und ein Wochenende lang, veranschlagte Kosten dafür 250 000 Euro.

Diese Ausgabe ist dem Freistaat erspart geblieben, Porzellanschloss- und Kolloquiumspläne verliefen sich irgendwo im Elbsand. Zu dieser Zeit war eigentlich schon klar, dass im damaligen Sparhaushalt keinerlei Reserven für ein weiteres Museumsbauvorhaben jenseits von Residenzschloss und Haus der Archäologie in Chemnitz bestehen. Einen Landeshaushalt später schien das Fernziel Japanisches Palais dann doch wieder "machbar", denn wofür wären sonst die 375 000 Euro eingestellt worden? Mit einer weiteren "Machbarkeitsstudie", vermutlich nicht der letzten, wurde das Dresdner Architekturbüro h.e.i.z.Haus beauftragt. Zum Auftrag gehörte die Prüfung auf Eignung als Porzellanschloss, als Nationalmuseum und als Veranstaltungsort. Sprecher Stephan Gößl vom Finanzministerium versichert aber, dass das Honorar für die Architekten nicht den vollen Haushalttitel gekostet habe. Das Ergebnis ist so geheim, dass weder die Auftraggeber noch die Auftragnehmer darüber sprechen wollen. Holger Zastrow immerhin gehört zu den zwei oder drei Eingeweihten, die die Studie lesen durften. "Der kreative Prozess läuft", zeigt er sich zufrieden. Für die Öffentlichkeit sei das aber nix, weil die Ideen sonst nur zerredet würden.

Von diesem Geheimprozess wird das Palais im Eigentum des Freistaates wohl auf absehbare Zeit nichts merken. Im Wissenschafts- und Kunstministerium macht man sich schon lange keine Gedanken mehr um das Haus und verweist darauf, dass für die Planungen seit 2007 das Finanzministerium zuständig ist. Dort geht Sprecher Gößl auf die Nationalmuseums-Idee gar nicht ein und betont stattdessen die Verschiebung von Prioritäten bei Kulturinvestitionen. Die Fertigstellung des Schlosses habe Vorrang, und mit 47 Millionen Euro für die nach nur 20 Jahren wieder sanierungsbedürftige Sempergalerie stehe eine unerwartete Großausgabe an. Immerhin verrät er, dass die Einrichtung eines Casinos im Palais "nicht mehr unter den Top-Favoriten ist".

Auch FDP-Chef Holger Zastrow erkennt an, dass es derzeit wichtigere Dinge gibt, und freut sich selbstredend auch über das wiedererstandene Schloss. Aber die Idee eines Nationalmuseums möchte er weiterverfolgen. "Die bleibt auf Wiedervorlage, das geht in der nächsten Koalition weiter", ist er schon ein bisschen beim Wahlkampf.

An Ideen, ja an dringenden Notwendigkeiten für den Ausbau des Japanischen Palais mangelte es schon vor der jüngsten Architektenstudie nicht. Karl-Heinz Gerstenberg von den Grünen verweist nochmals auf den Bedarf an Ausstellungsräumen für die Ethnografischen und Naturkundlichen Sammlungen sowie für die Völkerkunde. Die SPD-Landtagsabgeordnete und ehemalige Kunstministerin Eva-Maria Stange hält das Palais für "viel zu schade für die absurde Idee eines Nationalmuseums". Sie plädiert wie schon zu ihrer Amtszeit für eine Mischnutzung. Ergänzend zum musealen Ausstellungsbedarf biete sich das schöne Ambiente als "offene Kulturstätte" und für Gastronomie an. Also eine Verstetigung und Intensivierung dessen, was in den nutzbaren Räumen mit Sonderausstellungen, Lesungen oder gelegentlichen Festen im Innenhof schon stattfindet. "Wir brauchen eine Besonderheit, um Besucher auf die andere Elbseite zu locken", meint die frühere Ministerin. Entscheidende Voraussetzung für alle Planungen aber sei, dass das Gebäude im Landesbesitz verbleibe "und nicht auf dem Immobilienmarkt verhökert wird".

Und das Nationalmuseum? Es könn- te ein ähnliches Schicksal nehmen wie das für Nossen vorgesehene Museum des sächsischen Adels. Das 2005 zwischen der freistaatlichen Schlösserverwaltung und dem Verband Sächsischer Adel vereinbarte Projekt befindet sich immer noch im stadium nascendi. Geschickt hatte Kunstministerin Sabine von Schorlemer (parteilos) schon 2010 angeregt, das im Bau befindliche Haus der Archäologie im Chemnitzer Schocken-Kaufhaus um Aspekte eines "Nationalmuseums" zu erweitern. Damit war die heiße Luft aus dem Projekt erst einmal heraus, zumal diese Konzept- erweiterung acht Millionen Euro mehr gekostet hätte. Damals wie heute fin- det sich Holger Zastrow mit seinen Intentionen in Chemnitz ohnehin nicht wieder.

Wenn am 16. Mai das neue archäologische Landesmuseum unweit des "Nüschels" öffnet, wird man sehen, wie viel Landesgeschichte die bis ins 19. Jahrhundert reichenden Exponate dokumentieren.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 14.05.2014

Michael Bartsch

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